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Full text of "Franz Schubert"

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Franz Schubert 



Richard Heuberger, Hermann von der Pfordten 

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Berühmte Musiker 
lebens- und charakterbilder 

• HEBST • 

EINKLHKUNG IN DIE WERKE DER MEISTER 

♦ 

HERAUSGEGEBEN 
VON . 
HEINRICH REIMANN 



XIV 



FRANZ SCHUBERT 



Iii diw» ■•nalvac otcMw (in dar Aiiaitirtlaag dw voriiigaiidMi 
Bttidfli) lUoMtifit BlogmpblMi «oa 

Brahma von Prof. Dr. H. Keimaon. 

madd von Prof. Dr. Friti Votbaeh. 

Haydn von Dr. Leopold Schmidt. 

Loewe von Prof. Heinr. Bulthaupt. 

Waber Toa Dr. phil. H. Gchrmano. 

Mat 8aina mm Dr. Otto NtlttaL 

Lortxing von Kapellmeiater G. R. Kruaa. 

JcDaeii von A. Ntggli. 

Vardl vo« Dr. Carlo Parlnallr. 

Job. Strauaa von Rud. Freiherrn Proebiaka. 

Ticbalkowakjr von Prote<isor Iwan Knorr. 

Beetbovao von Dr. Tb. von Frimmel. 

MandUNT ron Dr. Gaory Manier. 

Scbamäon von Dr. H. AberL 

Chiipin von Dr. II. Leichtentritt. 

MeadelMohn-Bartholdy vun Dr. E. Woiff. 



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FRANZ SCHUBERT. 

Nach dem Original-Aquarell von W. A. Riodor (1796—1880). 
Aus dem Besitze des Herrn Dr. Roberl Granitech in Wien. 

(Photographi* von V.ctor Angarar, Wien.} 



UnsUU W. Neumann fv Co , ricilin S.4I. 



Vrr1as^KC««>lichaft Hirmonir. F^^ 



FkANZ Schubert 



VON 



Richard Heuberger 



BERLIN 1908 



,H\K.\iOMB" 
VbltLAUS^fcSUXSCilAl< 1 küR UlLriATI'K UND KUNi»r. 





FRANZ SCHUL'r/^r. 

Ni:*' örTfl 0''g.nal-Aqua'»»il jot W A -• ' 
.s i-icm dt°i(2e '1'-* M«fr- Rr-. , 



. Pl> ••> /».■ V •■ • «t »V., 



ii4anita1t W. Nninunn & Co., neriin S.42. 



Verh{pge$flljch»ft Harmonie, 



Franz Schubert 



VON 



Richard Heuberger 

• ••T,*»»« •••• 

: I',» J - 



2. duicbgwehene und eigänste AufUig» 
6^~7« Tausend 



BERLIN 1908 



»HARMONIE' 
VUtLAGSGESBLLSCUAFT pOB LITBRATUR UND fCUMSTI 



Alle Rechte, 
bMOnders dM der UeberaeUung, 




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Vorwort 



Die dirende Auffordening der Verlagshandlung, für die Sanunlung ^ßt- 
fUhmte MosOEer** eine Biographie Frans Schuberts zu schreiben, erfOllte mich 
2wer mit lebhafter Freude zu^eidi aber mit einiger Besorgnis. — Aus sid>en 
Büchern ein achtes machen, d. h. lediglich aus der vorhandenen einschlägigen 
Literatur etwas kompilieren, was einem Buche ähnlich sab, konnte mir nidit als 
erstrebenswertes Ziel erscheinen. — 

Von einer Nachlese an Berichten Ober Persönliches war nicht viel su 
erwarten. Was mir dennoch aufsostöbem gelang, lasse ich gern als freundliche 
Schickung des Finderglttcks gelten. — Musste ich mich in dieser Richtung also 
notgedrungen an das mehr oder minder Bekannte hatten, so bot sich — durch 
die erst vor kurzem zum Abschlüsse gelangte Monumentalausgabe sämtlicher 
Werlce des grossen Wiener Meisters — dn ungdieures, fest unbebautes Feld 
der Tätigkeit Ist diese Ausgabe doch das gewaltige, authentische Dokument, 
aus dem man wirklich Neues, Merkwürdiges über das erstaunlich reiche Innen- 
leben, das Fühlen, Denken und Schaffen, das Ringen und Werden des genialen 
Mannes erfahren konnte Dass ich als erster in die Lage kam, dieses Dokument 
einer Lebensbeschreibung zugrunde legen zu können, betrachte ich als einen 
besonders günstigen Umstand. Das daraus entspringende Verdienstliche fällt 
zum grössten Teile auf die Veranstalter jener Ausgabe, auf die Revisoren, 
namentlich aber auf die Verfasser der unschätzbares Material enthaltenden 
Revision sberichie zurück. 

Wenn nun gerade durch diese Art der Stoffbehandlung das Gesamtbild 
unseres Meisters — der bisher üblichen Auffassung gegenüber — wesentlich 
anders, um gar vieles ernster, strenger ausfiel, so ist dadurch nur ein alter 
Irrtum berichtigt, ein eingewurzeltes Unrecht getilgt worden. 

SchliessHcb obliegt mir die angenehme Pflicht, allen jenen meinen innig- 
sten Dank zu sagen, die mich teils bei der Beschaffung neuer Daten, teüs — 
durch liberale Ueberlassung kostbarer Originalmanuskripte, Bilder und Zeich- 
nung^ — bei Zusammenstellung des lUustratwnsmateriales in ungewölmlich 
liebenswOrdiger, oft geradezu aufopfernder Welse gef^ert und unterstatzt 



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haben. Es sind dies: die Archive und Bibliotheken der Stadt Wien und der 
Geeellschaft der Musilcfreunde in Wien, Friulein A. Assmayr, Frau Marie 
Baumfeind (Wien), Herr Hofrat Dr. Ferd. Bisehofr (Graz), Herr Firits Donebauer 
(Prag), Ihre Exzellenz Frau Marie Dumba (Wien), Fräulein Marianne von Frech 
tGmundenX Herr Segienings-Rat Dr. C Gloasy (Wien), Frau Pauline Grabner, 
geborene von Sonnleithner (GrazX Henr. Dr. Roh. Granitacb, Herr Dr. Erich 
R. von Hornbostel (Wien), Herr Robert Klinlrhardt (Leipzig^, Se. HbchwOrden 
Domherr Flr. Komheial, Herr Eugen Miller R. von Aichholz, Frau Jenny Flechler 
(Wien), Flratt M. Riemerschmid, geborene Lachner (München), Se. HödtwOrden 
Herr Pferradministrator Rafael Rtml (Hohen8elberadorf)i Henr Bibiiotheicsdkelrtor 
Dr. A. Schlossar (Graz), der löbliche Minnergesangverein „Schubertbund" 
(\Anen), Frau Ida von Schweitzer, geborene von Kleyle (Lengefeld bei Krems), 
Frau Anna Siegmund, geborene Schubert, Herr Professor Dr. Ed. Spiegier (Wien), 
FrAulein Klot. Stadler (Graz), Herr Ed. Steinbock, Herr Professor E. Valenta. 
Frau Baronin M. von Voglsang, geborene Stohl (Wien», Herr Dr. H. Weis 
von Ostborn (Weiz). — Ein besonderes Wert des Dankes sage ich meinem 
Freunde Dr. E. Mandyczevvski. Ohne ihn, ohne seine Hilfe wäre das ganze 
Buch nicht zustande geicommen. 
Wien 1901. 

Healyerger. 



Vorwort zur zweiten Auflage. 

In der vorliegenden zweiten Auflage war ich bemüht, die seit dem Er^ 
scheinen der ersten Auflage veröffentlichte Schubert. Literatur nioi^lichst cu b^ 
rOckaichtigen. Manche Einzelheiten wurdm infolge liebenswOrdiger Anregung 
durch einige Schubertiorscher — von denen ich besonders die Herren Otto Erich 
Deutsch in Graz und Dr. L. Scheibler in Bonn mit Dank nenne — richtig gestellt 

Die Originale mehrerer UlustraÜonen sind in den letzten Jahren in andren 
Besitz übergegangen, was ich in den BiUer-Unterschriften zum Ausdruck brachte. 

Wien 1907. 

R. Ileuberger. 



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Schubert's Geburtahaus. 
Ebcmal« Hiromelprortgrund No. 72 ^Zum roihea Krebsen*. Jetii: 9. BezirV, NuMdotferstrsstte No. i*. 
{Nach riner Photographir aus dem Verlage XH>n V. A. Heck in WUn). ' 



Vom Vaterhause bis wieder zum Vaterhause. 

Das Jahr 1 797 brachte Oesterreich das populärste Lied und den populärsten 
Liederkomponisten. Am 12. Februar war Joh. Haydn's Volkshymne') 
zum ersten Male in allen Theatern Wiens abgesungen und sogleich 
volkstümlich geworden, kurz vorher, am 31. Januar, erblickte Franz Schubert in 
Wien das Licht der Welt. 

Er stammte aus einer Bauernfamilie, die — so weit wir sie jetzt zurück- 
verfolgen können — in dem mährischen (Jertchen Neudorf bei Altstadt (Gerichts- 
bezirk Altstadt, Bezirks -Hauptmannschaft Mähr. Schönberg, Pfarrdliale Holien- 
seibersdorf) sesshaft war. Hier lebte Franz Schubert's Grossvater, der Bauer 
und Ortsrichter Karl Schubert, der in einer bei seiner Trauung mit Jungfrau 
Susanna (geb. Möck^j aus Neudorf errichteten Urkunde'^ als ein gebürtiger 
Neudorfer bezeichnet wird. Er starb in seinem Heimatsorte am 24. Dezember 
1787, fünfundsechzig Jahre alt.*) Von seinen zehn Kindern ist der am 11. Juli 
1763 in Neudort zur Welt gekommene Franz Theodor Florian Schubert der 
Vater unseres Meisters. Er widmete sich dem Lehrfache und zog 1784 als 
Schulgehilfe nach Wien zu seinem ältesten Bruder Carl, der bereits seit einiger 
Zeit in der Kaiserstadt lebte; 1780 wurde er Lehrer und Schulleiter an der 
Elementarschule in der Säulengasse in Lichtenthai (damals ein \ orort von 
Wien), bis er M818) die Schule in der Grünen Thorgasse in der kossau (der- 
malen 9. Bezirk) übernahm. Am 17. Januar 1785 vermählte er sich mit der 
um drei Jahre älteren, aus Zuckmantel gebürtigen und in Wien als K<jchin be- 
diensteten Schlosserstochter Elisabeth Vitz. Aus dieser Ehe stammten, wie ein 
Familiendokument'') meldet, vierzehn Kinder, von denen jedoch nur fünf atn 



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— 8 — 




Franz Schubert sen. 

D*T Vater de< <!^<>iQpQnistän. 
(OrfgtmaJ-Aufna/irrtr ' nic/r 'einem 
gemälär'mlis dem besiti^ vbn'Schubrrls 

NitHte Frau Ar\na .SiegmundJi 



Oel- 



Leben blieben. Nach dem, am 28. Mai 1812 erfolgten Tode seiner Frau Elisa- 
beth heiratete Vater Schubert nochmals, und zwar (am 25. April 1813) eine 
Gumpendorfer Fabrikantenstochter, die „wertgeschätzte Jungfrau Anna Kleyen- 
böck" (geboren 1. Juni 1783), die ihn noch mit fünf Kindern beschenkte. 

Vater Schubert, der sich in späteren Jahren 
auch noch Verdienste um die Armenpflege in seinem 
Bezirke erwarb, stand als Schulmann in gerechtem 
Ansehen. Der Besuch seiner Schule muss ein zahl- 
reicher gewesen sein; er hielt zu Zeiten sechs Schul- 
gehilfen und verdiente — da die Lehrer ehedem zwar 
keinen Gehalt, dafür aber freie Wohnung und das 
Schulgeld von 1 Gulden Wiener Währung pro Kopf 
und Monat bekamen — immerhin so viel, um nicht 
nur seine zahlreiche Familie erhallen, seine Kinder 
gut erziehen, sondern sich auch noch etwas er- 
sparen zu können. Kaufte er sich doch, gemein- 
schaftlich mit seiner Frau Elisabeth, 1801 das noch 
bestehende Haus „Zum schwarzen Rössel" am 
Sporkenbichl (jetzt 9. Bezirk, Säulengasse 3).") 

Zur Zeit, da dem Schullehrer Schüben sein 
nachmals so berühmter Sohn geboren wurde, hauste 
er in dem unweit der Schule gelegenen, noch be- 
' • ; • ; . " stehenden, aber jetzt teilweise umgebauten Hause 
„Zum rothen Krebsen" in der Nussdorferstrasse (neu No. 54, am 7. Oktober 1858 
mit einer vom Wiener Männergesangvereine gestifteten Gedenktafel versehen). 
Hier wuchs der aufgeweckte Knabe im häuslichen Kreise^) heran. Schon im 
zartesten Alter zeigte er auffallende Vorliebe für 
Musik und machte sich gerne an dem alten Klavier 
im Elternhause oder an den Instrumenten in einer 
Klavier-Werkstätte zu schaffen, wohin ihn ein Ver- 
wandter, ein Tischlergehilfe, zuweilen mitnahm. — 
Der Vater, dem die ungewöhnlichen Anlagen seines 
Sohnes nicht entgingen, leitete selbst den ersten 
Unterricht. „In seinem fünften Jahre bereitete ich 
ihn zum Elementarunterricht vor, und in seinem 
sechsten Jahre Hess ich ihn die Schule besuchen, 
wo er sich immer als der erster seiner Mitschüler aus- 
zeichnete. Schon in seiner frühesten Jugend liebte 
er die Gesellschaft, und niemals war er fröhlicher, 
als wenn er seine freien Stunden in dem Kreise 
munterer Kameraden zubringen konnte. In seinem 
achten Jahre brachte ich ihm die nöthigen Vor- 
kenntnisse zum Violinspiel bei und übte ihn soweit, 
bis er imstande war, leichte Duetten ziemlich gut 
zu spielen," sagt Vater Schubert in seinen Auf- 
zeichnungen. Ignaz, der älteste der Brüder, unterrichtete Franz im Klavierspiel. 
Bald aber bestand der Knabe darauf, sich ohne Lehrer forthelfen zu wollen, 
worauf Ignaz einging, da er Franz schon nach kurzer Zeit als einen ihn „über- 
treffenden und nicht mehr einzuholenden Meister anerkennen musste." Nun 



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Schuberts Stiefmutter. 

iNach einer ßleistifUeicHnung von 
M. von Schwind im Besitz des Herrn 
Rob. Klinkhardt in Leipzig). 



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— 9 — 



wurde Frans m Michael Holser") (Dirigent des Licfatenthaler Kircbenchores) „in 

die Singstunde" geschickt. Der tQcbtige Holzer unterwies den lernbegierigen 
Knaben im Klavier- und Orgelspiele, sowie im Generalbass. Zu eigentlichem 
gründlichen Unterrichte scheint es nicht gekommen zu sein. Der Lehrer war 
wohl mehr ein geschickter i^raktikus und fand sich bald in der Lage, einge- 
stehen SU müssen, dass er dem Klehien nichts mehr bdl»ingen IcOnne. Schutiert 
selbst scheint die durch Holzer empfangenen Anregungen auch späterhin Iceines- 
wegs geringgeschätzt zuhaben. Er blieb stets in lebhaftem V^erkehr mit seinem 
alten Lehrer, und widmete ihm auch eine seiner Messen, diejenige in C-Dur, 
(Gesamt-Ausgabe von Breitkopf & Härtel, Serie Xlll, No. 4). Jedenfalls hat 
der odcfinftige grosse Mdster durch srnnm frühzeitigen Verkehr mit der prak- 
tischen Musikübung gerade im Holzer'schen Kirchenchore» (su dessen stän- 
digen Besuchern er von 1805—8 gehörte) gar viel und Wichtiges gelernt. 
Als Knabe sang er da Soli oder spielte Violine, Viola oder Orgel, und bekam 
so einen Einblick in jenen UmwanUlungsakt, der aus der Partitur erst ein 
lebendiges Kunstwerk entstehen lässt. Hier saugte sein musikdurstiges Otir 
auch den Klang der Instrumente und der Menschenstimmen in allen Legen, 
sowohl einzeln, als in ihren Gegenüberstellungen ein. Hier machte er späterhin 
mit seinen Messen, deren mehrere ihre ersten Aufführungen ebenfalls auf dem 
Chore der Lichtenthaler Kirche erlebten, seine wichtigsten und für sein weiteres 
eigentümliches Schaffen entscheidensten Erfahrungen. So ist die Entwicklung 
von Schuberts merkwürdiger und noch immer nicht genügend bewunderter In- 
strumentationskunst mit der Vorstadtkirche in Liechtenthal und deren wackeren 
Cborregenten für immer aufs innigste verknüpft. 

Der Verkehr mit Musik und Musikern hatte das in dem kleinen Franz 
schlummernde Genie frühzeitig geweckt. In seinen Kinderjahren begann er 
schon, musikalische Gedanken auf dem Papiete festzuhalten. Sein gieriges 
AnhOren und Spielen fremder Mu«k hatte ihn unbewusst einige Routine erwerben 
l'issen, lange bevor er durch ernste Lehre mit den wesentlichsten, unabänder- 
lichen Grundsätzen der Komposition vertraut gemacht wurde. Er schrieb 
gewiss noch als Elementarschüler viel und Verschiedenes, sonst hätten nicht 
seine vierhändige Phaniasie aus dem April des Jahres 1810 und sein erstes 
ertialtenes Gesangsstück „Hagar's Klage' (aus dem Jahre 181 1) tan verhältnis- 
mässig so vollkommenes Aussehen. Die geschickte Stimmbehandlung in 
„Hjgar's Klage" sowohl, als in anderen allerfrühesten Jugendwerken ist nur aus 
der Tatsache zu erklären, dass der kleine Franz selbst ein vorlreftlicher 
Sänger war. Aus seinen ersten lyrisctien \ ersuchen, die er wohl zunächst für 
seine Stimme schrieb, ist zu ersehen, dass der Sopran des Knaben vom tiefen c 
bis zum hohen h reichte und — da Schubert in jenen Studien oft auf hohen 
Tönen Text aussprechen und Töne wiederholen lässt — in der Höhe sehr 
leicht ansprach, — Vater Schubert, dem daran liej^en niusste, seine Kinder bei 
Zeiten zu versorgen, bemühte sich nun, den kleinen Franz, dessen Stimme sich 
Immer sdiOner entwidcelte, als Sängerknaben im k. k. Stadtkonvikt unterzu- 
bringen. Dieses Konvikt wurde 1602 von der österreichischen Regierung ge- 
gründet. Piaristen beaufsichtigten die im Institute untergebrachten Knaben, welche 
einerseits das ebenfalls von Piaristen geleitete „Akad. Gymnasium* besuchten, 
andererseits im Hause strenge zu Musikübungen angehallen wurden, um im- 
stande zu sein, bei den Messen in der k. k. Hofkapelle die Solo* und Chorpartien 
richtig und geschmackvoll auszuführen. 



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— 10 




Schubert wurde im Oktober 1808 den Hofkapellmeistern Salieri ") und 
Eybler und dem Gesangsmeister Korner vorgestellt ; sein Probesingen fiel 
zur Verwunderung der Herren aus, so dass Franz sogleich unter die k. k. Sänger- 
knaben aufgenommen werden konnte. Da der Knabe für sein Alter recht gut Violine 
spielte, wurde er dem klemen Konvikt-Orchester zugeteilt, welches die Werke 
der damals eben erst entstandenen und entstehenden symphonischen Musik, 
Haydn's, Mozart's, Mehui's und Beethoven's Ouvertüren und Symphonien in 
fast täglichen Uebungen zur Aufführung brachte. Hier bildete sich Schubert an 
den Kompositionen der grossen Meister und hatte ausser- 
dem Gelegenheit, unmittelbarer, als früher auf dem 
Liechtenthaler ("höre, in die Musikübung einzugreifen. 
Der Dirigent des Orchesters, der Hoforganist Ruczizka, 
wurde alsbald auf den genialen Knaben aufmerksam 
und übertrug ihm im Verhinderungsfalle die Leitung des 
Orchesters an der ersten Violine. - Schubert war nun 
ganz in seinem Fahrwasser. Sein Dichten und Trachten 
galt der Musik. Latein, Geschichte und all die schönen 
Ding', die er am Gymnasium hine.npfropfen musste, be- 
schäftigten ihn nur insoweit, als es der Lernzwang mit 
sich brachte. In jeder freien Stunde — wohl auch oft 
genug während des Unterrichts — war sein ganzes Wesen 
der Musik ergeben. Er komponierte eine Menge ver- 
schiedener Sachen. Spaun '•), Schuberts Konviktgenosse 
und lebenslang sein unerschüUeilich treuer Freund, gibt 
in seinen Memoiren „Ueber Franz Schubert", einer Haupt- 
Quelle der Schubert-Forschung, ausführlich Nachricht über 
Schubert s ganz und gar in der Musik aufgehende Natur, 
allein im Musikzimmer am Klavier sitzen, das er mit seinen kleinen Fingern 

schon artig spielte. Er ver- 
suchte gerade eine Mozart'sche 
Sonate und sagte, dass sie 
ihm sehr gefalle, dass er aber 
Mozart schwer zu , spielen 
fände. Auf meine Auf- 
forderung spielte er mir ein 
Menuett von seiner eigenen 
Erhr^dung. Er war dabei 
scheu und schamrot, aber 
mein Beilall erfreute ihn. Er 
sagte mir, dass er öfters seine 
Gedanken in Noten bringe, 
aber sein \'ater dürfe es nicht 
wiesen, da er durchaus nicht 
wolle, dass er sich der Musik 
widme." Spaun schildert den 
kleinen Schubert als „immer 
ernst und wenig freundlich." Der Knabe fühlte sich eben wie gefesselt. Sagte 
er doch im September iJScij. als Spaun aus der Anstalt trat, zu diesem, seinem 
„Lieb.sten im ganzen Konvikf : „Sie Glücklicher, Sie entgehen nun dem Ge- 



Antonie Salieri 

gtb. zu Legnago 19. 8 : gesl. zu Wien 

7. 5, mzi. 

(Lithographie II82II von Fr. Rehbfrg 
i. Bes. d. Qesfllschaft der Musik- 
freunde in Wim.} 



„Ich fand ihn einmal 



i 



Silhouette von M. 



(Original im Hiwiiic Dr. 

boiter^ in Wrrn 



von Schwind. 
V. Horn- 



Silhouette von .M. von Schwind. 

'Original im Bfulif Dr. v. Horn- 
boatel's in Wien.) 



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fängnis . . ." Der harte Ausdruck „Gefängnis" erscheint begreiflich, wenn man 
den ungeheuren Gegensatz zwischen dem gewaltigen Lebens- und Schaffensdrang 
des jungen Genies und der klösterlichen Zucht im Konvikt ins Auge fasst. Die 
Räume des Instituts keineswegs freundlich, das Klavierzimmer, Schubeit's 
liebster Aufenthaltsort, im Winter ungeheizt, daher eisig kalt, die Kost knapp „Du 
weisst aus Erfahrung" — schreibt Schubert einmal aus dem Konvikt an seinen 
Bruder Ferdinand — „das man doch manchmal eine Semmel und ein paar 
Aepfel essen möchte, um so mehr, wenn man nach einem mittelmässigen 
Mittagsmahl nach 8"8 Stunden erst ein armseliges Nachtmahl erwarten darf. . . 
Was wär's denn au..h, wenn Du mir monatlich ein paar Kreuzer zukommen 
liessest. Du würdest es nicht einmal spüren, indem ich mich in meiner Klause 
für glücklich hielte und zufrieden sein würde. . " . 

Schwerer noch als die Vereinsamung, die Trennung von seiner Familie 
trug Schubert wohl die Entbehrung zielbewusster Kunstlehre. Für sein unstill- 
bares Bedürfnis war das, was er an Anleitung erhielt, kaum mehr, als ein 
künstlerisches Gnadenbrot. VV^er die in der Breitkopf und Haertel'schen Gesamt- 
ausgabe") Serie IX, 3. Band, S. 1H9 zum ersten Male erschienene vierhändige 
Phantasie vom April 1810 ansieht, wird billig staunen über die, für einen wenig 
mehr als 13jährigen Knaben seltene Reife, noch mehr über die vom Gewöhn- 
lichen wegstrebende Kühnheit. Schubert, in späteren Jahren 
einer der originellsten Harmoniker, versuchte bereits in 
diesem Stücke, noch mehr aber in den zwei Jahre später 
komponierten Streichquartetten „in wechselnden Ton- 
arten*"') einen neuen Weg zu gehen, die strikte Tonalität 
zu vermeiden. So wenig diese Versuche auch gelangen, 
so sehr zeigen sie Schuberts freies Denken. Wie gering 
muss das Interesse der Musiklehrer am Konvikt an ihren 
Schülern gewesen sein, dass sie auf ein so gewaltiges 
Talent erst 1811 aufmerksam wurden, als Schubert eine 
grosse Gesangskomposition, „Hagars Klage", beendet hatte. 
Ist dieses umfangreiche Stück auch eme bewusste Nach- 
ahmung der Zumsteeg 'sehen Komposition auf denselben 
Text, so ist doch schon die Tatkraft, derartiges in Angriff 
zu nehmen und trotz allen Kopierens hie und da vom 
Originale abzulenken, für einen Knaben dieses Alters 
merkwürdig genug. Schubert hielt sich in dieser Zeit absichtlich an den von 
ihm leidenschaftlich verehrten Zumsteeg'*), in dessen Liedern er lagelang 
schwelgte und die er, „mit schon halb gebrochener Stimme immer wieder sang." 
(Spaun.) — Schon Spaun sagt in seinen Memoiren, indem er auf den Einfluss 
des schwäbischen Meisters hinweist: „Dieser Vorliebe in seiner Jugend ver- 
danken wir wohl auch die Richtung, die Schubert genommen, und doch, wie 
wenig war er Nachahmer und wie selbständig der Weg, den er verfolgte ". 

Mehr als alles ist jedoch des höchsten Staunens wert die dem Wesen 
einer Sache auf den Grund gehende Klugheit des kleinen Schubert. Der ihm 
unentbehrliche Unterricht in der Theorie wurde ihm vor der Hand nicht zuteil. 
Da sagte er sich, er könne nur vorwärts kommen, indem er Mei.sterwerke nach- 
zeichne, nachpause. Sein geläuterter Ge-schmack führte ihn bei der Vokal- 
Komposition auf Zumsteeg, in der Instrumentalmusik auf die grossen Wiener 
.Meister und damit auf den rechten Weg. Ein Zug, der immer wieder in 




Joh. Rud. Zurrstt'cg. 

der im gleichen Verlage tr- 
schientnen Carl Loewe- Biographie 
von Heinrich liullHaupl.) 



(Aus 



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— 12 — 



Schuberts Leben zutage tritt, meldet sich schon hier an. Er, den so viele lür 
einen sorglos, wenn nicht gar leichtsinnig Schaffenden, für einen Glücklichen 
halten, dem das Gold gemünzt in den Schoss gefallen sei, war schon damals 
und blieb jahrelang ein unermüdlicher Probierer und Experimentierer, ein uner- 
bittlicher Selbstkritiker. Unter seiner eigenen, strengen Aufsicht ist Schubert 
gross, bedeutend und selbständig geworden. 

Genau zur selben Zeit, als Schubert ..Hagars Klage" vollendet hatte — 
Ende März 1811 — , kehrte Spaun nach Wien zurück. „Ich fand" — schreibt 
dieser — „meinen jungen Freund etwas gewachsen und wohlgemut . . Schubert 
sagte mir damals, dass er eine Menge komponiert habe. Eine Sonate, eine 
Phantasie, eine kleine Oper, und er werde jetzt eine Messe schreiben. Die 
Schwierigkeit für ihn bestehe hauptsächlich darin, dass er kein Notenpapier 

habe und auch kein Geld, sich etwas zu kaufen ich versah ihn dann 

riessweise mit Notenpapier, das er in unglaublicher Menge verbrauchte 
Dass bei solch rastlosem Schaffen die Schule 
etwas vernachlässigt wurde, ist wohl selbst- 
verständlich. Schuberts Vater „ein sonst sehr 
guter Mann, entdeckte die Ursache seines 
Zurückbleibens in den Studien, und da gab es 
einen grossen Sturm und ein erneuertes Ver- 
bot ; doch die Schwingen des jungen Künstlers 
waren schon zu kräftig, und sein Aufschwung 
Hess sich nicht mehr unterdrücken." 

Von den vielen im Konvikt entstandenen 
Kompositionen hat sich nur ein Teil erhalten. 
Schubert vertilgte, wie Spaun berichtet, eine 
Menge derselben, indem er sagte, „es seien 
nur Vorübungen". Diese Erkenntnis mag dem 
jungen Künstler in erster Linie gekommen sein, 
als er endlich systematischen Unterricht genoss. 
„Hagars Klage" war dem Hofkapellmeister 
Salieri zu Gesicht gekommen; der kluge alte 
Mann war überrascht von Schuberts Genie 
und beauftragte Ruczizka mit der Unterweisung 

des Knaben. Dieser erklärte aber bald; „dem kann ich nichts lehren, der hat's 
vom lieben Gott gelernt!" „Der Vater erkannte das grosse Talent seines Sohnes 
und liess ihn gewähren. . . ." (Spaun.) — Salieri übernahm nun den seltenen 
Schüler in eigene Obhut und begann — wie ein im Besitze des verdienten 
Schubert-Forschers Dr. Max Friedländer befindliches Blatt bezeugt — mit Schubert 
am 18. Juni 1812 das Studium des Kontrapunkts. Beide nahmen die Sache 
sehr ernst, und die Früchte zeigten sich bald. Schubert lernte leicht und schnell; 
er saugte, wie ein Schwamm des Wasser, die Lehre formlich in sich ein, und 
gewann in unglaublich kurzer Zeit eine bemerkenswerte Freiheit und Sicherheit 
im Satze. Schon die 1813 entstandenen Terzette und Tanzstücke stechen auf- 
fallend ab von allen früheren Arbeiten. Das Tastende, Unbeholfene der ersten 
Versuche — man kann derartiges noch in Quartetten „in wechselnden Tonarten" 
beobachten — streift sich rasch ab. Wollen und Können beginnen Eins zu 
werden. Merkwürdig genug sind ausserdem bereits die ersten Anzeichen echt 
Schubert'scher Originalität. Namentlich in den Tanzstücken, wohl auch in den 



Die Sängerin Milder-Hauptmann. 

der im gleichen Vertage erschienenen 
Beethoven-Biographie von Theodor von f-rimmet). 



Aus 



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— 13 — 



I, 



.!• M... 



Terzetten, kann man Einzelheiten Schubert'scher Melodieprofilierung und Har- 
monisierung, seine damals schon beginnende Vorliebe für freiere Gestaltung des 
Rhythmus, namentlich für Dehnungen und Erweiterungen achttaktiger Bildungen 
auf zehntaktige. den Gebrauch ungeradzahliger Gruppen und die Treue in der 
Textbehandlung, den Respekt vor dem Dichterwort bemerken. 

Schubert schrieb ausser den Uebungen im strengen Satze — von denen 
noch manches erhallen ist, — einigen Canons und italienischen Arien (Ges. 
Ausg. 10. Band der 
Lieder) eifrig an eige- 
nen Kompositionen. 
Kammermusikstücke 
wurden an Sonntagen 
nachmittags im väter- 
lichen Hause probiert. 

Der Vater spielte 
Violoncello, Franz die 
Viola, die Brüder Ignaz 
und Ferdinand die 
beiden Violinen. Dem 
jungen Künstler ent- 
ging kein Fehler. Irrte 
der Vater, so ging er 
das erstemal darüber 
hinweg ; wiederholte 
sich at>er der Fehler, so 
sagte er ganz schüch- 
tern und lächelnd : 
„Herr Vater, da muss 
etwas gefehlt sein", 
welcheBelehrung dann 
ohne Widerrede hin- 
genommen wurde. 

Auch ausserhalb 
des engsten Kreises 
fing man an, auf das 
keimende Genie auf- 
merksam zu werden. 

„Im Jahre l8l2 kom- Eine Seite «US dem Cataloge des „ac«defn. Gymnasium", in Wien 1813. 
ponierte Schubert" - im B*»it.e von Fr.u Ann. Siq?.«und in Wien. 

(Photographie von E. v. MiUtt Jun., Wien.) 

berichtet Spaun — 

„zwölf Menuetto's und Trio's, die von grosser Schönheit waren; sie gefielen 
ihm selbst sehr. Er vertraute sie mir, indem er zum ersten Male etwas aus der 
Hand gab. Ich zeigte sie Kunstverständigen, und alle fanden sie ausser- 
ordentlich. . . . Schubert lieh dann diese Menuettos \'on Hand zu Hand, und 
auf einmal verschwanden sie und man wusste nicht, wer sie zuletzt gehabt. 
Schubert war selbst sehr leid darum. . 

Auch für das Theater begann sich Schubert schon in früher Zeit zu 
interessieren. In den Konviktsferien erbot sich Spaun „ihn öfters in die Oper 
zu führen, da er noch nie Opernmusik gehört hatte". „Um diese Opernbesuche 



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— 14 — 



öfters wiederholen zu können, mussten wir bei meinen geringen Mitteln unser 
Hauptquartier im fünften Stock") aufschlagen. Die erste Oper, die er hörte, 
war „die Schweizerfamilie" von Weigl; er war entzückt, und die Milder und 
Vogl rissen ihn zur Bewunderung hin." (Spaun.) „Medea" von Cherubini, 
„Johann von Paris", „Aschenbrödel" und Gluck's „Iphigenie auf Tauris" waren 
ebenfalls Lieblingsstücke Schubert's. Die erste Frucht seines Interesses für 
das Theater war die 1813 in Angriff genommene, 1814 beendete Komposition 
seiner „natürlichen Zauberoper": „Des Teufels Luftschloss"") (Text von 
A. V. Kotzebue), eines Werkes, das Schubert in späteren Jahren einer Um- 
arbeitung unterzog, und das in dieser neuen Form 1822 durch einen Freund 
Schubert's, Jos. Hüttenbrenner"»), dem damaligen Prager Theaterdirektor von Hol- 
bein") angetragen wurde. Trotz Holbein's prinzipieller Geneigtheit kam es zu 
keiner Aufführung. Nur die Ouvertüre erschien nach langen Jahren, und zwar 
zum ersten Male (als Einleitung der allerersten Konzertaufführung von Schubert's 
„Häuslichem Krieg") am 1. März 1861 vor dem Publikum, den Wienern. 

So kam das Jahr 1813 heran. — Schubert's Stimme war in das Stadium 
der Mutation getreten, und das weitere Verbleiben des jungen Künstlers im 
Konvikte erschien nur unter gewissen Bedingungen möglich. Schubert hatte die 
I. „Humanitätsklasse" nicht ohne Unfall absolviert. In Mathematik brac^jte er 
es nur auf die Note 2 und hätte diesen Fehler durch eine „Nachprüfung" gut- 
machen sollen, nach deren Gelingen ihm ein Mervelt'scher Stiftplatz zugesichert 
war. Schubert hatte aber genug von all dem Zwang und kehrte um Ende 
Oktober 1813 aus dem Konvikt ins Vaterhaus zurück. 



i 



Silhuette von M. von Schwind- 
(Original im Besitze von Dr. E. v. Hornbostel in WiV«.) 



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Silhouetten von M. von Schwind. 
{Original im Besitze von Dr. E. v. Hornbostel in Wien.) 



Lehrjahre. 



So sehr sich auch Schubert aus dem Konvikt hinausgesehnt, so hatte er 
dem Aufenthalt daselbst doch vieles zu danken. Nicht am wenigsten 
davon bedeutete eine Reihe für sein späteres Leben wichtiger persönlicher 
Bekanntschaften. Schuberts Mitschüler Spaun, Stadler"), Senn*) und Holzapfl") 
sind da als seine Intimsten in erster Linie anzuführen. 

Spaun, der schon öfters Genannte, hatte den um neun Jahre jüngeren 
Schubert sogleich ins Herz geschlossen. Er erkannte wohl alsbald, dass 
Schuberts „ernstes und wenig freundliches" Wesen einem 
ungestümen inneren Liebesbedürfnis entsprang, das sich 
aber äng-^tlich vor der Welt zu verbergen suchte. Aechter 
Zuneigung gegenüber taute Schubert jedoch stets auf, 
wenn auch erst alimählich.*') Spaun öffnete er aber bald 
sein ganzes Herz, und so wie anfänglich die Jünglinge, 
blieben sich später die Männer innigst zugetan bis zu 
Schuberts allzufrühem Tode. Wenn irgendwo in Schuberts 
Leben sich em Einschlag von Glück zeigt, eine fördernde, 
hilfreiche Hand im Spiele ist, so trifft man stets auf das 
Wirken Spauns, des späteren Lottodirektors, der offenbar 
schon in jungen Jahren wusste, wie schwer ein Mensch, 
und nun gar ein Künstler, einen .Treffer" macht! 

Ein freundlicher Zufall fügte es. dass Spaun Schubert 
mit dem Dichter von „Leyer und Schwerdl^) bekannt 

machen konnte. „ als wir einmal die Oper ver- 

Uessen begegneten wir Theodor Körner mit dem ich sehr 
befreundet war. Ich führte ihm den jungen Tonsetzer 

auf, von dem er schon durch mich gehört hatte. Körner empfing ihn auf das 
Freundlichste und forderte ihn auf, der Kunst treu zu bleiben, die ihn gewiss 
bej^lücken werde. Auf Schubert machte die Begegnung tiefen Eindruck." 
(Spauns Merroiren.) 




Josef Freiherr von Spaun. 

* II IX. 17»» in Linz; 
t duelbtt 2S. XI. IS6S. 



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— 16 — 



Von anderen Freunden bchuberts sind J. C. Wisgrill (gestorben 1851, 
Dr. und Pkofessor der MedizinX Jos. Kenner (1794—1868, zuletzt Statthalterei- 
rat, auch Dichter; Schubert komponierte mehrere seiner Gedichte) und B.Rand> 

hartinger (27. Juli 1802 bis 22. Dezember 1803) zu nennen. Letzterer war 
zugleich mit Schubert im Konvikt und auch Mitschüler bei Salieri. Von 
1862— 1866 Hofkapellmeister. Führte während dieser Zeit nicht eine Schubert- 
sche Messe in der Hofkapelle auf, machte sich aber zu Anfang der 60er Jahre 
durch den ersten Anlauf xu dner korrekten Ausgabe der Schubert'schen Lieder 
verdient. 

Zwei Mitschüler und persönliche Bekannte Schuberts sind durch ihre sehr 
divergierenden Lebensläufe interessant. J. Rauscher, den Schubert später bei 
dem von den Studenten hochverehrten, von der Schulbehörde mit Misstrauen 
beobachteten Professor Wehitridt als jungen Dichter wiedersah, brachte es bis 
tum Kardinal und Fflrst^Erzbiscbof von Wien. Der andere, Joh. Nestroy (1801 
bis I862), der dramatische Satyriker und Schauspieler, mag den Schalk früh 
genug hervorgekehrt haben. In dem Studienausweise des Konvikts aus dem 
Jahre 1813 erscheint neben sonst ziemlich ^ten Noten in der Rubrik «moribus* 
eine sicherlich wohlverdiente a " 

Die Anknüpfung so vi^ Beziehungen mit liervorragend begabten Men- 
schen bedeutete für Schubert einen ungewöhnlichen Glücksfall. Aber auch ab- 
gesehen von diesem reichen Besitz trat Schubert nicht mit leeren Händen aus 
dem geistlichen Hause, das ihn durch fünf Jahre beherbergte. Vor allem hatte 
er sich eine zwar nicht abgeschlossene, aber doch solid begründete humanistische 
Bikking angeeignet, die sich namentlich in Schuberts literarischem Feinsinn, 
in, für sein bahnbrechendes Vl^rken und somit für die Entwicklung der deutschen 
Lyrik überhaupt bedeutsamer Weise äusserte. — Ferner hatte Schubert als 
Komponist bereits eine für seine Jahre erstaunliche Keife und — dies ist 
zum Teile Salieris Verdienst — technische Ausbildung erlangt. Die Uebungen 
im strengen Satse, dann Kompositionsstudien, die vor allem die Vervdl^ 
kommnung in der Behandlung der Kunstform zum Ziele hatten (siehe Ges.- 
Ausg. Serie XX. Nr. 573) brachten Schubert vielleicht weit mehr Bestätigung 
als Ueberraschung, schärften aber sein Auge und Ohr, machten se n Denken 
weiter ausschauend, vielseitiger, geschmeidiger. — ln\ freien Schaffen hatte sich 
Schii$)ert schon in allen Gattungen der Komposition versucht, hatte Lieder, Chor- 
stfictti», swd- und tieibflndige Klaviersadwn, Tihse, Streichquartette und eine 
Symphonie (die erste in D; vollendet 28. Okt. 1813") geschrieben, sich auch 
in der praktischen Musikübung sowohl als Sänger, Orchesterspieler und Pianist, wie 
als geistiges Oberhaupt eines Streichquartetts — des väterlichen — , zeitweilig 
auch des Konviktorchesters, mancherlei Fertigkeiten und Erfahrungen angeeignet, 
die seine grundlegenden Uechtentaler ^drücke wesentlidi erginsten, vervoll* 
stindigten, belebten, vertieften. 

Auch politischer Ereignisse, die gewiss nicht ohne Ein.luss auf den 
empfänglichen ( jeist Schuberts blieben, soll nicht vergessen werden. — Die Be- 
setzung Wiens durch die Franzosen (9. Mai bis 20. Nov. 1809) hatte zur Folge, 
dass die Orchesterübungen im Konvikt unterbrochen wurden. Für Schubert ein 
schwerer Schlag und sicher ein hinlänglicher Grund, den Eroberem aus tiefster 
Seele zu grollen. Wohl auch die Freiheitskriege, der Tod Körners und der 
Sturz Napoleons erregten den jungen Künstler. Zwei patriotische Lieder „Auf 
den Sieg der Deutschen'' (mit Begleitung von 2 Violinen und Violoncello, 



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— 17 — 



komponiert 1813) und „Die Befreier Europas" (16. Mai 1814) sind Zeugnisse 
dafür") - Jedenfalls vertiefte sich immer mehr die deutsche Gesinnung 
des Jünglings, verschärfte sich der Gegensatz zu allem „Wälschen". Um so 
mehr, als Salieri ihm dringend die Komposition italienischer Stanzen-') und der- 
gleichen empfahl, dagegen die immer häufigeren lyrischen Versuche Schubert's 
in deutscher Sprache verwarf. 

Dieser Zug nach Emancipation der deutschen Musik vom vvälschen Joche 
war ein Hauptbestreben der führenden Geister jener Periode. Seb. Bach hatte 
zwar einst eine ganz eigene 
deutsche Kunst geschaffen. 
Zeitverhältnisse, V'erkehrs- 
schwierigkeiten und die Un- 
hcholfenheit des damaligen 
Musikverlages verhinderten 
aber, dass die Zeitgenossen 
des gewaltigen Kantors zu 
wirklichem Verständnisse 
seiner Grösse gelangten. Ein 
folgendes Geschlecht hatte ihn 
vergessen. Wir besitzen in 

seinen Werken den un- C " 

endlichen Reichtum seines ^ ' } 

Genies, so wie in den ' - . 

Steinkohlen die verschütteten 
Wälder vergangener Jahr- 
tausende. — Die neapol.ta- \ 
n sehe Schule wurde führend 
in der deiitschen Musik. 
Mozart, selbst zum grössten 
Tei'e in italienischer Schule 
aufgewachsen, lehnte sich 
schon gegen die übermütigen 
Italiener und gegen Italien- 
isches auf und sagte einmal 
ganz deutlich: „Ich halte es 
mit den Teut sehen !" Mit 



handschuh hin. — Haydn, 

dem Schubert in seinen ersten Versuchen mehr als allen anderen Meistern nach- 
strebte, genoss. sowie Schubert, bei einem italienischen Maüslro, bei Porpora, 
einigen wenigen Ui.terricht. Nur zwei Gassen weit sind die Häuser criticrnt, 
wo Haydn's und Schubert's l.chrcr wohnten-") und wo sich «.lie zwei giossen 
Oesterrcichcr ui ter Leitung von Italienern zu deutschen Meistern bildeten. 
Beethoven (kurze Zeit hindurch ebenfalls Salicris Schüler) erk!i)mm den Gipfel 
symphonischer Kunst, einer deutschen Spezialität bis auf den heutig n Ta 
Schubert blieb es voi behalten, die deutsche Lyrik aus den verschiedenen An 
laufen seiner Vorgänger-"*) zu ungeahnter, von aller Well beneideter Herrl.chkcit 



der „Entführung" und der 
„Zauberllötc" warf er der 
Wäldchen ( lique den Fehde- 



Franz Schubert im IT. Lebcn<«j<ihre. 

A'flfA rtrifr Rleistillifichnitne IvfrmutUcH von Schob fr/ aus äfm 
Hesilif des Hrrrn Hob. KUnkhardt in Lripzig j 



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— 18 — 



zu entwickeln, den Deutschen zum eignen Wort „die eigne Weis'" zu schenken. 
Was er damit getan, gehört zum Grössten, was je ein Mensch an Fortschritt 
geleistet hat. 

Ohne Umwege ging es aber vor der Hand noch nicht ab. Schuberts einmal 
gegen A. Hüttenbrenner'") geäusserter Wunsch: „Mich soll der Stait erhalten, 
ich bin für nichts, als das Komponieren auf die Welt gekommen", blieb ein 
frommer Wunsch, und der nach dem Verlassen des K'tnvikts substistenzlose 
Künstler musste nach einem Broterwerb aussehen. Auf Andringen des Vaters, 
möglicherweise auch um der Militärkonskripiion zu entgehen, besuchte Schuberl 
l8i3--l>iU den Ausbiidungskurs für Lehramtskandidaten bei St. Anna in Wien. 
Im „Verzeichnis der weltlichen Präparanden an der k. k. Normalhauptschule, 
welche im Jahre 1814, den ig. August, eeprüft worden sind"*, findet s ch auch 
Schubert's Name und das Ergebnis seiner Prüfung. In den meisten Gegen- 
ständen erhielt Schubert „uui", dagegen die Klasse „mittclmässig" in Latein, 
in den Grundsätzen der Unterweisung, in der Religionslehre und in dei Rechen- 




Das Haus Säülcngasse No. 3. Das Haus Säulcngasse No. 3. 

SUkiien-Ansichi. II o r- Ansicht. 

(Pholographif v. liugen v. Miller jr., VTlfn.) (Photagraphir v Eugen v. Miller jr., Wien.) 



kunst.^') Trotz dieser Qualifikation bekam Schubert das Befähigungszeugnis 
zum Schulgehilfen und trat als Lehrer der A-B-( -Klasse 1814 in die Schule 
seines Vaters in der Säulengasse ein."-) Schubert, dem tausend Gedanken 
durch den Kopf stürmten, die nach künstleris her Formung verlangten, war 
kaum ein sehr geduldiger Lehrer. i>ie erste Gelegenheit, aus dem Schuljoche 
zu entkommen, veisuchie er zu ergreifen, wenn sie auch keineswegs die er- 
sehnte Freiheit gebracht hätte. 

An der Mu.sikschule zu Laibach gelangte im Dezember 1815 eine Lehrer- 
stelle zur .Ausschreibung. Schubert bewarb sich im April um dieselbe. 
Salieri, den er um eine Empfehlung gebeten, stellte ihm ein ziemlich frostiges 
derartiges Schriftstück aus und — empfahl hinter seinem Rücken einen Anderen, 
einen sicheren, Jakob Schaufl.»»: . . . Schübe t blieb also an die Schule gefesselt. 



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— lü — 



Wann sein Austritt aus dem Ldiramte erfolgte, ist nicht /^anz bestimmt. Ein 
Biief Ignaz Schuberi's an F"ranz vom 13, Oktober iSiH enthält die Stelle: 
„ . . . . Du lebst in einer goldenen Freiheit, kannst Deinem musikalischen 
Genie volle Zügel Schlesien lassen . . . Schubert war dsmnach im Herbst 
1818 bereits den Dienstes ledtg. Vielleicht bringt das vom Verfasser vor kurzem 
aufgefundene Frogmenr eines Dokurrentes, einer Eingabe Vater Schubert's an 
die vorgesetzte Schulbehörde«*), grcissere Bestimmtheit in die Angelegenheit. 
Das Schnftstück spricht ganz deutlich von vier Dienstjahren, Demnach 
müsste Schubert von 1814—1818 als Lehrer gewirkt, sodann ein Jahr — 
also 1818-1819, auf Urlaub verbracht haben, und es hätte, etwa 1819, 
serens des Vaters die Absicht bestanden, Franz zum Wiedereintiitte in 
den, ihm verhassten Dienst zu bewegen.»^) Das Dokument ist zerrissen 
und sieht fast so aus, als ob es Vater Schubert nach emem ..grossen 
Sturm" mit dem Sohne zum Teile vertilgt hätic. Das Gesuch wurde übri>;cns 
niemals überreicht, und Schubert blieb bis an sein Lebensende ohne feste 
Anstellung.**) 

Die Zeit von seinem Austritte aus dem Konvikt bis zum Eintritte ins 

Lehramt benutzte Schubert gewiss zum kleinsten Teile zur Vorbereitung für die 
Praparandenprüfung. Dafür entwickelte er eine ausgebreitete musikalische 
Tätigkeit. Gleich in den letzten Mon<iten des J.ihres 1813 schuf er ein Oktett 
für Bl isnistrammte (teilwe»e erhalten, abgedruckt im Revisrans-Berichte der 
Gesamt-Ausgabe, Serie III), TanzstOcke u. a. 

Mit dem Jahre 1814. tritt Schubert in jene etwa vier- bis fünfjährige Periode, 
in welcher er in den verschiedensten Gattungen der Musik nach \'ollendung 
ringt und mit Riesenschritten der Meisti rschaft zueilt. Es kann als gewiss ».eilen, 
das-* er dabei pl mmässig verfuhr, dass er wie ein Eroberer von Gebiet zu Gebiet 
vordrang, um sich eines nach dem andern untenan zu machen. Am frühesten 
gelang ihm d.es in der Lyrik. Ein um isrj entstandenes Fragment, „Der 
Geisterlan^'^ zeigt noch knalienhafte Züge. Schon 1813 sind sie verschwunden, 
und Schubert's Arbeiissystem, das ajf .schriti weises Ausmerzen alUr L'n Voll- 
kommenheiten gerichtet ist, steht fest. Nach dem ersten liniwurfe (den er fast 
immer ganz und in allen Eit.zelheiten zu Ende fQhrte) pflegte er dasselbe Stflck, 
und zwar meistens gleich, wieder vorzunehmen und alle ^watgen Mängel der 
ersten Kassung zu beseitigen. Manchmal genügte ihm die so erreichte Form 
auch noch nicht, und er schrieb dasselbe Stück e n drittes, vicries Mal. Zwei 
seiner berühmtesten Lieder, der „Erlkönig" und „Die Forelle", existieren in vier 
von einander abweichenden, immer vollendeteren Lesarten. SchÜler's „An Emma** 
komponierte Schubert 1814 dreimal nacn einander. 

De Art, wie Schubert seine Lieder entwarf, möge die hier beigegebene 
Skizze eines unvollendeten, ungedruckten Liedes. „Frcihliches Scheiden", vor 
Augen führen.^") Schubert schrieb die Melodie und die. für die harmonische und 
thematische Gestaltung der Begleitung wichtigsten Stellen mit grüsster Schnellig- 
keit, in ein paar Minuten h n. Sodann schrit er, was er bei „Krhötiches 
Scheiden** unterliess, gleich an die Ausart*eitung, so dass das Ganze in einem 
Zuge angefangen und vollendet wurde. — An der obigen Skizze, wie an dem 
hier eingelügten Facsimile von ..Des .Mädchens Klai;e", ist zu sehen, dass 
Schubert im Momente des Schaffens und Schreibens liies war eins i>ci itiin 
— sogleich verschiedene Versionen überdachte, verglich, beurteilte und die beste 
derselben als Schlussergebnis festhielt. Bd „Des Mädchens Klage** entschied 

2* 



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— 20 - 



er sich sogleich für eine kürzere, konzentriertet e Fassung. — Wie schnell und 
mächtig mag Schuberl gearbeitet haben, wie blitzschnell ergänzten sich bei ihm 
die sch\velt4enJs'e Phantasie und der schärfste Kunstverstand! 

Bemerkensw ei t und vor allem aus der Gleichzeitigkeit von Inspiration und 
Schreibarbeit^-; crklarhcti ist die Sorgfalt, Gleichmässigkcit und Genauigkeit von 
S^uberts flOssiger, von jeder Pedanterie freien Schrift Unter den zahllosen 
vorhandenen, zusammen nach Tausenden von Seiten zählenden Autographen 
von Sch'ibert sucht man fast ganz vergebens nach einer zweifelhaften Note 
oder nach einem Schreibfehlei 1 Welche Sicherheit, weiche Meisterschaft und 
welcher Bienenneissl 

Noch im Jahre 1814 gelang Schubert der erste grosse Wurf. Er komponierte 
am 19. Oktober, als Achtzehnjähriger, Goethes „Gretchen am Spinnrad**.**) 
Damit hatte er etwas unerhM Neues, Gewaltiges geschaffen, das erste Stück 
einer bisher unbekannten Gattung, und mit ihm das moderne deutsche Lied! 

Es wäre kurzsichtig, in der Tatsache, dass gerade ein Goethesches Gedicht 
den jungen Meister zu seinem Hochfluge begeisterte, einen blossen Zufall zu er- 
blicken. — Gewiss hat man den jungen Konviktszöglingen die Dichtungen von 
Ramler, Uz, Gleim, im besten Falle von Klopstock als den Inbegriff deutscher 
Poesie gepriesen. Schiller wurde — wenn Oberhaupt — sicherlich mit sorg- 
fältiger Auswahl vorgenommen; Goethe dOrfte zu den verbotenen Früchten ge- 
hört haben. Welchen Sturm mag nun die grosse, gewaltige Melodie, die Goethe 
anstimmte, das bis dahin unerhörte herrliche Deutsch, das m seinen und 
Schillers Dichtungen zum ersten Mai jubelnd erklang, in der Seele Schuberts 
entfacht haben! Es wurde ihm, namentlich durch Goethe, eine Erleuchtung, 
eine Offenbarung, so dass er weit mehr als der ( )!ympier seihtt eilcannte, welch* 
überwältigenden Ausdrucks, welch' musikalischer Steigerung diese Dichtungen 
fähig seien, un l wie getrieben von seinem Dämon — Töne und i^ute fand, 
wie noch niemand \or ilim. 

Ohne Goethe, ohne den von diesem ausgehenden mächtigen Aufschwung 
der Dichtkunst um die Wende des Jahriiunderts wäre Schuberts lyrisches Lebens- 
werk nicht denkbar, nicht erklärlich. Dies Lebenswerk, so genial es auch mit 
„Gretchen am Spinnrad" einsetzte, brauchic dennoch seine Zeit, um so herrlich 
in allen Teilen heranzureifen, wie wir es nunmehr kennen und bewundern. 

Im Jahre \ schrieb Schubert - zu sehr mit anderen Arbeiten beschäftigt 

— nur noch wenige Lieder. Das nächste Jahr — IÖ15 — war eines de 
wichtigsten ffDr Schubert als Lyriker. Die in diesem Jahre entstandenen 
144 Lieder füllen zwei ansehnliche Bände der Gesamt'^Ausgabe. Da eine An- 
zahl unter den 144 Stücken in mehreren Fassungen — eines sogar in vieren 

— sich vorfindet, so vermehrt sich die Zahl nocn um etwa *_>o Nummern. 
Dieses Jahr ibl5 kann, besonders in seiner zweiten Hallte, als „lyrische Ex- 
perimentierzeit" Schuberts angesehen werden. Er suchte da volle hierrschafl 
über das Technische zu gewinnen und scheute selbst Formalistisches nicht, um 
die Form meistern zu lernen. Die Früchte der darauf be ca^' > h'jn Bestrebungen 
stehen, der Natur der ,S"aclie gemäss, in r<^^"^iis'>-'her P.e/,ieliun^^ oft nicht besonders 
hoch; aber rran kat^.n an den Arbeiten sehen, wie Schubert von Monat zu 
Monat inrmcr gewandter, freier, kühner wird. Schon zeigen sich — gerade um 
1815 und i8t6 — häufiger echt Schubertsche Eigentümlichkeiten in Melodie, 
Harmonie und Bcgleitungsformen. In den beiden Liedern «Schwangi'sang* imd 



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Gesuch Franz Schuberts, des Vaters, um Wiederanstellung 

seines Sohnes Franz. 
Echtheits-Aitest von der Hand Andr. Schuberts. 
Ori|cinal*Photographie nach dcni im B«*itM von Kr. A. Stegniund in Wi«n befindlichen Fragment.) 



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.Liiisens Antwort^ (III. Band No. 165 und 166) klingen Töne der „Winter- 

reise" entfernt an, in „Skolie" (No. 154) ist die Melodik des berühmten »In 
Grün will ich mich kleiden" unverkennbar vorausgeahnt, in „Daphne am 
Bach" (V. Bd. No. 209) blitzt die quellfrische „Forelle" auf, das schöne ,.Nur 
wer die Sehnsucht kennt-* (aus op. 62) ist deutlich in dem Liede „Ins stille 
Land* (No. 30 1> vorgebildet. — Wie rasch aber das Genie in Schubert empor- 
wuchs, ist daraus zu ersehen, dass er, neben so manchem Minderwertigen, 
Minderfertigen. Prachtstücke, wie „Nähe des Geliebten", die Ossianischen Ge« 
sänge und den „lirlk*)ni>^-' (1815I schrieb. 

Von der Produkliviiut Schuberts kann man sich einen BeRritT machen, 
wenn man aus den den Liedern beigefügten Kompositionsdaten erfahrt, dass der 
Mebter z. B. am 15. Oktober 1815 acht Lieder, vier Tage spiter; am 191 Oktober, 
deren sieben schrieb. Bei dieser massenhaften Produktion ist trotzdem keine 
Spur von Flüchtigkeit oder gar Obernächlichkeit zu bemerken. Schubert ist 
immer mit ganzer Seele, oder doch mit ganzer Kraft, mit glühendem Bifer am 
Werke. Das einzige, was hie und da auf die Gleichzeitigkeit der Entst^ung 
hinweist, sind ähnliche Tonfülle in der Melodie, ahnliche Rhythmen in der Ober- 
stimme, ähnliche Begleitungsformen und die Gleichheit der Tonart. Die Nummern 
231 bis inklus. 227, dann 22^. 233 und 234 (in der zweiten Hälfte Mai und 
Anfang Juni iHih entstanden) gehen alle aus E-dur, und haben ausserdem 
No. 322, 223, 224 und 226 denselben Anfangsrhythmus; ein andermal über- 
wi^ in mehreren, nacheinander gesdirieb«ien Stacken der */«- oder Vt^Takt» 
wiedw ein anderes Mal — so besonders um Anfang 1817 — dominieren hom- 
fan tarenartige Gänge in der Begleitung. Auch der lebhafteste, originellste Geist 
besitzt ein gewisses Beharrungsvermögen. 

Schuf Schubert meistens gleichsam plötzlich, so rang er sich bei einzelnen 
StO«.ken, trotz aller GeniaUtftt, trotz aller eminenten Geschicklichkeit, erst nach 
und nach tns su jenem Ideal durch, das er als musikalische Neuform einer 
Dichtung in seiner Seele trug. Die Lieder aus Goethes „Wilhelm Meister** bieten 
hierfür merkwürdige Beispiele. Bereits 1815, gegen Ende seiner „Experimentier- 
zeil", schreibt er in zwei Fassungen das Lied „Nur wer die Sehnsucht kennt" 
nieder, das erst i8i7 in op. Ö2 (Gesänge aus „Wilhelm Meister") seine letzte 
I-'orm erhält; für die als op. 13 erschwnenen „Gesänge des Harfners'* machte 
er — un er steter Beibehaltung der für die vorwaltende Stimmung besonders 
charakteristischen Tonart .A-moll eine Anzahl von \'orstudien (Xo. 251 bis 
257 der Gesamt-Ausgabe), deren Endziel erst in der gedruckten Fassung er- 
reicht ist. 

Im gan?en scheint Schubert zu Anfang 1816 sich seiner Meisterschaft voll 
bewusst worden zu sein. Die zweiten und dritten Versionen werden von da an 
seltener hören freilich selbst in den letzten Jahren, 1827 und 1828. nicht ganz 
auf — , immer rascher folgt der Eingebung die reife Tat, immer zahlreicher 
werden die Meisterwerke, deren Fülle erst durch die Gesamt-Ausgabe lückenlos 
wa Obersehen ist.^) 

Nach einem Worte Schumanns hätte Schubert, dieser „fleissigsie KQnstler", 
diestf „Musikmensch der neuesten Zeit vor Allem", „nach und nach wohl die 
ganze deutsche Literatur in Musik gesetzt". Man meinte eine Zeitlang, er habe 
ziemlich wahllos zugegriffen und, von seinem Genie gedrängt, die Verse ge- 
nommen, wo und wie sie sich ihm darboten Nichts von alledem ist richtig. 
Schubert suchte sich sdne Gedichte mit feinstem Geschmack aus. Hess aus 



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— 22 — 



ästhetischen GrQnden dort und da Strophen weg (so s. B. die philisterhaft 
moralisierende Schlussstrophe von Schuberts „Porelle**), milderte oder verstärkte 

einzelne Ausdrücke und brachte, wo er in Versen oder Reimen Reänd'ft h«tte, 
mit geschickter Hand wieder die sprachliche Form ins K'ei' e. Im ganzen hat 
er Gedichte von 85 Dichtern komponiert, und die Zahl der i.ieder, die auf jeden 
derselben entfallen, zeigen deutlich genug, ein wie tiefes Verständnis er für den 
Wert literarischer Produkte besass. Goethe ist mit 72, Schilier mit 46, Wilhelm 
Müller mit 44,Matthisson mit 28, Hölty m.t 23, Kosegarten mit 2 J, Fr. v. Schlegel 
mit 16, Körner mit 13, Claudius mit Ii, Ossian mit i/, H. H(;ine — der eben 
erst auf dem Plan er>chien — mit 6 Gedichten vertreten. Von den ihm per- 
sönlich nahestehenden Dichtern hat Schubert nur Mayerhofer bevorzugt^i) Von 
diesem komponierte er 46 Gedichte (.und eine Aeschylos-UebersetzunR); merk- 
würd gerweise das letzte gerade im Jahre 1824 da die Dichtungen zum ersten 
Male im Buchhandel erschienen. Weiterhin erscheinen Schober mit 12, J. 
Seidl mit 11, K. G. v. I.ciiner mt 8 Gedichten, die übrigen I reunde und Be- 
kannten, Bauernfeld, Griilparzer, Castclli, Bernard, Demhardtslein, Heil, Kakh- 
berg, Spaun u. a., ja sogar der zudringliche Baustnimpf Chezy, mit dem 
Schubert doch 1823 in Wien verkehrte, brachten es nicht über eine Nummer. 
Griilparzer ausgenommen, hatte keiner der Genann»en als Lyriker besondere 
Geltung. Schut)ert eikannte das schon damals,, trotz freundschaftlicher persön- 
licher Beziehungen. Diejenigen, die bisher der Ansicht waren, Schubert wäre 
ein fldeler Kumpan gewesen, der in guter Lmine Cefälligkeits-Kompo^tkmen 
lieferte, werden diese Meinung nach obigem Register leicht rektifizieren können. 
Auflfaliend ist, dass Schubert von Uhiand {dessen Dichtungen doch bereits l8t5 
erschienen) nur ein Gedicht, „Frünlingsglaube*', und auch das erst 1823, kom- 
ponierte. 

D£S Bewunderungswürdigste in dem Verhältnis Schuberts zu seinen 
Dichtem^i*) ist die Tatsache, dass er fOr jeden derselben einen eigenen, be- 
zeichnenden Ton fand. Die Lieder auf Goethesche, Heinesche, Müllersche, 

Mayerhofersche, f'yrker.sche, Ossiani che l'exte unterscheiden sich in so wesent- 
lichem von einander, dass der genauere Kenner, ohne die Worte zu sehen, fast 
mit Bestimmtheit auf den Dict.ter rückzuschüessen vermag. Als eine Eigen- 
tQmlichkeit der Schaffensweise Schuberts ist es zu erkennen, dass er meistens 
knapp nacheinander Gedichie desselben Autors und oftmals in derselben Reihen- 
folge komponierte, wie sie in der Gedicht-Ausgabe aufeinander folgen. So fällt 
ihm im April if^i t ein l?and Maithisson in die Hände, und er komroniert — 
nur durch ein SchiJ erschcs Gedicht unterbrochen — 13 Gedichte des Genannten. 
Im Juli 1815 hat es ihm Kosegarten angetan, von dem er eine ganze Reihe in 
Musik setzt. Die Dichter der Freiheitskriege, Korner, Fellinger usw., erscheinen 
— als wären sie dem Komponisten durch die politischen Ereignisse gerade in 
dieser Zeit näher gerückt vor allem im Jahre 1^15; nur ihi8 tritt Körner 
nochmals mit einem Licde auf. I'ie Bardenpoesie, vertreten durch Klopstock 
und Ossian, hat den Wiener .Meister IÖ15— 1817 beschäftigt. Von ihi8, also 
gerade von dem Jahre an, wo der Ossian-Streit (bis 1829) ruhte, hat Schubert 
nichts derartiges mehr komponiert. Die Romartiker Salis, Schlegel, Fouque 
haben ihm tHi5 bis etwa 1 angezogen. E. Schulze erscheint mit 9 Liedern 
nur 1S2'), L. Tieck gar nicht. Immer wieder greift Schubert zu Goethe (bis 
1826) und Schiller (bis 1823». Der letzte Lyriker, der ihn fesselte, war He.ne. 
Die 6 Gedichte dessdben, die Schubert komponiert^ stehen im „Schwanen- 



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— 23 — 



gesang*', der bekanntlich nach Schuberts Tode erschien. Ein einziges Mal hat 

Scliubert auch ein eigenes Gedicht in Musilc gesetzt: „Abschied von einem 
FteunJe" (24. August 1817, der Freund war Schober, der damals nach Schweden 
abreiste); er schrieb es in ein „Stammbuch"'. 

So vielseitig sich Schubert in der Littratur seiner Zeit umsah, so vielerlei 
lyrische Formen hat er sich tu unterwerren versucht Und das nicht etwa 
äusserllch und unter Zerpflückung der Charakteristika der Versformen oder durch 
Zwangsmassregeln in der Deklamation. Er hat Sonette (nach Petrarca und 
I)ante\ Hexameter (,.Heimweh" und „Allmacht" von Lad. Pyrker), Distichen 
(.,Der Jüngling am Bach" von Salis), sapphische Str(>phen („Adelaide'' von 
Matthisson und „Furcht der Geliebten'* von Klopstock), asklcpiadeische Strophen 
(,^e Mainacht"* von Hölty), alkäische Su>ophen („An dte Apfelbäume, wo 
ich Julien erblickte" von Hölty), Terzinen („Der Zwerg" von Collin) und sogar 
ein Ghasel („Sei mir gegrüsst" von Rückert» komponiert, ohne dem vVort Gewalt 
anzutun, ohne die Schönheit und Freiheit der Musik auch nur einen Augenblick 
zu beeinträchtigen. Wer es aus den unzähligen, weltbekannten Liedern 
Schuberts nicht ohndiin wissen sollte, braucht nur in den ersten Bänden der 
Gesamt-Ausgabe dn paar Beispiele von LiS'Jem mit mehreren Versionen durch* 
zugehen, um zu bemerken, wie Schubert, abgesehen von der tiefsten Erfassung 
des poeti.schen Inhalts, abuesthen davon, dass er „tür die feinsten LnivlinJun^^en, 
Gedanken, ja liegebenhciien und Lebenszustände" den eischöplendsien AusdiUvk 
findet, allen Eigenheiten eines Metrums bis in seine letzten Keinheiten nachgeht 
und nicht aufhört, bis er das Gedicht dsenso genau wde zwanglos in das Material 
seiner Kunst, der Musik, übertragen hat. 

So genau er bei diesen, vornehmlich den Entwurf im ganzen betreffenden 
Punkten vorging, so gewissenhaft führte er die sogenannte „Begleitung" aus. 
Schon in sehr frühen Versuchen kann man bemerken, dass er sowohl auf das 
poetisch und malerisch Bezeichnende derselben in höchstem Grade aufmerksam 
war, oft genug eine in symphonischem Sinne thematische Durchbildung der- 
selben zur Anwendung brachte, als auch novh den Klaviersatz in einer ganz 
charakteristischen, auf seine eigene Kiaviertechnik zurückzulührenden Art be- 
handelte. Ohne den Vorgang der grossen Symphoniker, ohne Beethovens Kla* 
Viersonaten, vor allem aber ohne Schubens eigene Tätigkeit als Instrumental- 
komponist und als hochorigincller Meister des Kl.iviersatzes wäre sie nicht ent- 
standei>. Bei Schubertsclien 1 tedtrn ist der Klavierpart eins mit dem Gesang, 
ergänzt, erklärt, huleuchttt die Stimmung des Ganzen und folgi. ohne je klein- 
ücli zu werden oder dai. tUeiig Ürganibche eines Cebildes zu stören, illustrierend, 
malend Schritt für Schritt den Einzelheiten der Dichtung. 

Durch all* diese Neuerungen hatte sich der Begriflf »Ued" unendlich er- 
weitert, ja grundsätzlich geändert. Ks zeigt von einer merkwürdigen N'orurteils- 
freiheit von Schuberts Zcit.uenosscn. dass sie den „neuen Mann" so bcj;cistert 
willkommen hiessen und ihn als einen Grossen auf dem Gebiete der Lyrik — 
sie kannten ihn ja fast nur auf diesem — priesen und verehrten. 

Eine Schar begeisterter Freunde — etliche Uebelwollende nannten sie die 
»Schuberiianer" — war bemüht, inerseits ihr bereits volles Verständnis des 
jungen Meisters in immer weitere Kreise zu tragen, andererseits Schultert in 
seinem Schaßen, in der Erweiterung und Vertiefung seiner allgemeinen Bildung, 
seiner Kenntnis von Welt und Menschen zu fördern, gegebenenfalls auch materiell 
btizustehen. Unter diesen waren es zwei, die ein gOnstiger Zufall gerade in 



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— 24 — 



der Zeit von Schuberts stQrmischester Entwicklung diesem pahebracbte und die 

ebenso grossen als wohltätigen Einfluas auf ihn gewannen, die Dichter Job. 

Mayrhofen und Franz von Schober. 

Mayrhofer (auch Mayerhoter geschrieben), 3. November 1767 in Stadl 
Steyr (Ober^Oesterr.) geboren, begann seine Studien in Lins, trat dann ab 
Kleriker in das Stift St. Florian, wo er drei Jattfe blieb und vomehfnfi.b alte 

Literatur studierte. Plötzlich verliess er das Stift, wurde Jurist, gab in Wien 
(1817 und 18) mit Spaun, Kenner, Ottenwaldt u. a. eine Zeitschrift („Beiträge 
zur Bildung lür Jünglinge") heraus, beteiligte sich an den „Oesterr. Jahrbüchern" 
und Hormayrs Archiv, und trat endlich als — Bücherrevisor bei der k. k. 2^nsur- 
behörde in den Staatsdienst. , . Ein wahrer Hohn für einen Uterarisch so be- 
gabten und hochstreitenden Ma n! Mayrhofer fQhlte tief und brennend das 
Traurige seines ..Ikrufes". Bauernfeld schildert in seinem Gedichte „lim Wiener 
Zensor'' einen, nach einem Gustnnahl stattgehabten wilden Ausbruch jenes 
latenten inneren Konllikts: 

wAUe FehlOT dar Regierung 
actif er auseinander kgiaeh, 
immer feuriger die Rede 
ward, soletzt wild demagogiach — 
das» er aufi-prang so vom Tische 
uad mit Worten, kedwn, dreisten, 
nur von Freiheit spnich und Vollcstlim, 
sch.uii' cn J, Miit geballten Fausten, . . ." 

Mayrhofers von jefier düsleres Wesen — ..ernst war seine Miene, steinern, 
niemals lächelt' oder scherzt' er", sagt ßauernield — gin^ endlich in unver- 
kennbare GemQtskrankhdt Uber. Am 5. Februar 1836 stflrste er sich in einem 
Anfalle von Schwermut aus dem obersten Stockwerke des Amtsgebiudes auf 
das Strassenpflaster herab und starb nach vierzig; qualvollen .Stunden. 

Die Annäherung zwischen Schubert und .Majrhofer \crmiitelie der immer 
zugunsten des jungen Meislers tätige Spaun, der „Landsmann und älteste 
Freund" Mayrhofers. Er hatte Schubert Mayrhofers Gedicht „Am See" «ir 
Komposition Üt>ergeben; dieser schrieb am 7. Dezember 1814 die Münk dazu, 
und kurz darauf „betrat Schubert" — wie Mayrhofer selbst berichtet — „an 
des Freundes Hand das Zimmer" des Dichters, eine düstere, niedere Stube in 
der Wipplingerstrasse.^-'j 

„Mayrhofer besass" — so berichtet Spaun — „ein ausgezeichnet feines 
Gehör und grosse Liebe für Musik. Als Mayrhofer einige Lieder von Schubert 
gehört hAtte, machte er mir Vorwürfe darüber, dass ich ihm Schuberts Talent 
viel zu weni^ gerühint hatte. Mayrhofer sang und pfiff den ganzen Tag Schu- 
bertsche Lieder, und Dichter und Tonseizer waren bald die besten Freunde." 

Vielleicht war es — ausser der gleichen Begeisterung für Literarisches, 
namentlich fOr den von Beiden schwärmerisch geliebten Goethe — gerade das 
viele Gegensätzliche, was Dichter und Musiker aneinander fesselte. Schubert 
lebensfreudig, überströmend, in seinem künstlerischen Berufe wonnevoll auf- 
gehend, Mayrhofer trübsinnig, verschlossen und Bü^^herrevisor, trotz aller 
ideale, txotz einer vulkanisch aufwallenden Seele. Vorerst war beiderseits nur 
Gewinn. Schubert hatte an dem hochgebildeten tmd Qberdies filteren Mayrhofer 
einen erfahrenen Führer und Berater in Utenuischen Dingen. Mayrhofer, tief- 
fOblend und b^eistenmgsfähig, mag in Schuberts Wesen wie in ein ^k>btcs 



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VcriMaerte WMerpbe na «BnAas-Plniilaiie*. 
Vcriw der HofknuilMnidlne Amikr (toltardt, Berila. . . . , ^ > 

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— 24 — 



der ''\ n i- »♦ n «'jiirjsohusier Entwicklung diesen« . 
cbv ■-.><> ,i'nsdt:n als \Mi:i!ihi:i.t:(i E.nnuas auf ihn gewa:i • ■ 
.NJ.iyjh^'fer u:iJ l'i inz von S'.hohcr. 

May:ti()rcr .auch Mci\ c f,- 'er ^:jscl;r;(.-l>t". . Nf. -' 
.Mcvr '.Ober-()w"-i-.if.) ^o>ur-.ii. l-c/iim sciua S'utjien ir. '.- 
»C:»"iKcr in da?» Sült 5»t. I'''<»na»», wo er dret Jahre bl««l» i : 

• 'u ^•*•.^dleltt;. I1ö»z'k!i \'i1.c«.< er J.i.-» 'siil:. wu:».; 

: « ; 1. J i'^, mit hp.uri. Kjris^or. • >''Ciu\.tlJt u. a. eji.* - 
i. • '..^i." 'iii jrj.\;'.i. •;« Iij'au*<. ^tc suli an vier „• 

.: !" : • • iviN A. ' . *.r •! ci: . I''i.!i-!te.^v»» • 

M -II u •) .*'.•> *>• : . . K. « 'A.iS't' r Tu ». 

^' * *ir t l.tK. ^'.'t. -vn.'cp Ma nl M.i"r:.-.*»i luhi:« iwt i. 
|. tU"," .-»..ncs .r'.^.-.Mv-'s". llau".':!Vi ! ::-i-j'n'.< rt in sciijciv. 
'. . >• cncn. nac!) eint ni Ci., »hl .•».•'i;',chabt<n wi^.; • 

. . ' Kontlikis: 

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. .. I» uc!-aii»;i r.i •Vcn, . ."" 

. ' jre-» Wert :i - . . . r;sl 'A »ir •«■• • 
• . « - ' sml I..i»ieni'\.U -- , 
: . . ». A-v. l\iT«.r ■• 

» •- .! ♦'.•n «u>e.>*cn S»" Ä.ve.ke * 

. . • . . • *arb na^h vi-.;/-» -i. 

. .j« ' L-ii Schubert u:.i! .\:.'yr;:('i*.'' • 
.*f*«!.«»ers lüti^iC Spauii, . jr ,1 • . . : 
. ri . kt*. hur-rl M.i\ j h -fc > • » • 

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• . V. ' :i '■*tt..j :. I •» '^,••!U.»e•:s Wesen U!v' • 



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MAX KUNQER, DER TOD UND DAS MÄDCHEN. 

Verkleinerte Wiedergabe aus .Brahms-PhantMie". 
Verlag der Hoflcunsthandlung Amsler ft Ruthardt, Berlin. Digitized by CjOO< 



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— 25 — 




Land Reblickt haben. Der Verbitterte, an den Menschen und deren Tun Ver- 
zwc feinde taute auf und begann wieder eifrig zu schaffen.^') Nebst vielen 
Gedichten sind die für Schubert geschriebenen Operntexte „Adrast" und „die 
Freunde von Salamanka*' sichtbare Krüchte dieser Kreundschaft, die so intim 
wurde, dass Mayt hofer durch zwei Jahre den Tondichter in seinem bescheidenen 
Zimmer beherbergte. Während Mayrhofer im Bureau die neueste Literatur 
kastrierte, schuf S«.hubert neues um neues. „Mayrhofer und ich schwelgten 
jeden Abend in der Mitteilung dessen, was Schubert den Tag über gemacht 
hatte. Er war ungemein (leissig, und die Melodien strömten nur aus ihnr.", 
sagt Spaun. 

Nach nrehreren Jahren trat zwischen Schubert und Mayrhofer eine ge- 
wisse Spannung ein. Die Schrullen Mayrhofers nahmen nach und nach den 
Verkehr erschwerendere Formen an, seine Scherze gingen meist in Streit über, 
d.e räumlichen Entfernungen in Wien und (wie Mayrhofer sagte) „geänderte 
Lebensanschauungen ' lockerten — wahrscheinlich um 1824 — die früher so 
innigen Bezithungen. Schuberts Tod hat Mayrhofer aber 
dennoch lief und schmerzlich getroffen; sein Gedicht „Nach- 
gefühl an Franz Schuberl" gibt Kunde davon. 

Neben diesem Sonderling im derberen, volkstüm.Iicheren 
Sinne trat, wie eine Ergänzung desselben, der aristokratische 
Sonderling, der feine, Weltmännische Frnnz von Schober in 
Schuberts Leben. Er war am 17. Mai 17«/) (nach anderen 179B) 
in Torup bei Malmö in Schweden geboren; durch seine Mutter^ 
eine geborene DerfTel aus Wien, stand er mit österreichischen 
Familien in Beziehung; trat iMoH in das Siiftsgymnasium in 
Kremsmünster und kam Oktober 1815 nach Wien. Mehrere 
Lieder Schuberts, die er bei Spaun in Lmz mit höchstem Inter- 
esse gesehen hatte, machten ihn begierig, den jungen Künstler ^ ^ u - 
1 10 f ■ u . j- r. j Franz \on Schober. 

kennen zu lernen. Spaun führte die Beiden zusammen. • 1; v 179« z Torupi Schweden; 
Eine lebenslange, innige Freundschaft war die Folge. t n viii, i»«: m Drenden. 

Schober, damals ein wohlhabender Mann, gewährte dem 
oftmals in Bed ängnis lebenden Tondichter Jahre hindurch 
Obdach. Berels 1816 soll Schubert bei dem freigebigen Freunde gewohnt 
haten, jedenfalls hielt er sich iB.'i bis I8J3 und 18127 bis Seplember 1828 bei 
ihm auf. Eine Unterbrechung des persönlichen Verkehrs trat nur ein, als 
Schober die Jahre 1817 — 1818, 1824 und i8.'5 in Schweden und Deutschland zu- 
brHchte. Juli 1825 kehrte Schober nach W'ien zurück. Bauernfeld sagt von ihm: 
„Er hat" — da sind wohl die Jahre 18 -»4 und 1825 gemeint - „ein abenteuer- 
liches Leben geführt, war eine Zeitlang Schauspieler ä la Wilhelm Meisler. Ist 
Weltmann, bestzt grosse Suada und Dialektik . . . — Anfang der dreissiger 
Jahre ging Schober nach Ungarn, kehrte i8:j3 nach V\ ien zurück, machte 
dann grössere Reisen — unter andern 1841 — 1847 mit Liszt — und wurde 
später Legatlonsrat in Weimar. Als solcher vermittelte er die Ausschmückung 
der Wartburg durch seinen Jugendfreund M. von Schwind — der übrigens in 
seinen Briefen stets etwas an Schober auszusetzen findet, — siedelte i8 j:3 nach 
Weimar. 1856 nach Dresden über, wo er am 13. August 1882 starb.<\) 

Schober, ein begabter Dichter und geschickter Zeichner, dabei von um- 
fassender Bildung und vornehmen Umgangsformen, gewann im Fluge das Herz 
des von ihm sowohl künstlet isch wie persönlich gleich warm verehrten Schubert, 



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— 26 — 

der die ihm entpe^jengebrachten Empfindungen in derselben Weise erwiderte. 
Dem po: tischen T.«lente des Freundes erwies Schubert durch seine Komposition 
von lünfzehn seiner Gedichte hohe Ehre. Auch einen aus Schobers Feder 
stammenden Operntext, ..Alphon^o und Estrelia", setzte er (1821» in Musik, die 
elfte seiner Arbeiten für das Theater, das ihn zeitlebens leidenschaftlich anzog, 
ohne ihm auch nur einen wirklichen Erfolg gebracht zu haben. 

Ein gut Teil der Tätigkeit Schu erts im Jahre 1815 galt der dramatischen 
Komposition. Es entstanden in rascher Fol^ie die Operette „Der vierjährige 
Posten" (komponiert im Mai. nach Th. Körners Text; Gesamt-Ausgabe, Serie XV, 
No. 2)''), das Singspiel „Fernando"^*') (im Juli, nach A. Stadle s Dichtung ge- 
schrieben; Gesamt-Ausgabe Serie XV, No. 3», Goethes „Claudine von Villa 
Bella"^") (es ist nur der am 5. August beendete 1. Akt vorhanden; Gesamt- 
Ausgabe Serie XV, No. 1 1 ), „Die Freunde von 
Salamanka" (zweiaktiges Singspiel, Text von 
Mayrhofer, komponiert im Dezember 1815; 
Gesamt-Ausgabe Serie XV, No. 4), „Adrasl" 
(Text von Mayrhofer, vorhanden sind sieben 
Nummern; Ges£^mt-Ausgabe Serie XV, No. 14) 
und „Der Spiegelritter" (Text von Aug. von 
Kotzcbue, vorhanden sind sieben Nummern, 
von denen zwei nicht vollendet; Gesamt-Aus- 
gabe Serie XV, No. 12). 

Im Jahre 1816 schrieb Schubert „Die 
Bürgschaft" (Textdichter unbekannt; vorhanden 
sind der ganze i. Akt. fünf Nummern des 
zweiten und zwei des dritten Aufzuges). Ein 
Singspiel. „Die Minnesänger", das Schubert 
in dieser Zeit — wahrscheinlich nach dem 
Kotzebue'schen Texte — komponierte, ist total 
verschollen. 

Unter diesen Versuchen, die Schubert — 
ohne viel nach dem literarischen Werte und 
der Bühnentauglichkeit der Textbücher zu 
fragen, oder in der Sucht nach Arbeit ihre 
Mängel übersehend, getrieben von dem heissen Verlangen, es in der dramatischen 
Musik zur Meisterschaft zu bringen, in enormer Schnelligkeit hinschrieb, ragt 
„Adrast" nicht unbedeutend hervur. Mayrholers Dichtung stand, schon in der 
Sprache, im Ausdruck, hoch über dem seichten Zeug, das Schubert sonst in die 
Handi gefallen war, und regte ihn sichtlich zur V ertiefung in seinen StofT an. 
So kam es, dass er da nicht nur rasch und flüssig forterfand. sondern sichtlich 
bi strebt war, den Ton der Dichtung zu treffen und festzuhalten, die Personen 
des Stückes zu charakterisieren. Die Bass-Arie ..() Zeus" mit ihrem eigentümlich 
düsteien Kolorit (Violen und Celli) und gar vieles andere in der Partitur zeigt 
eine liebevoll gestaltende Hand und oflenbare Freude an der Arbeit. — In dem 
„Iiürgschafi"-Fragmente sind der höchst originell 3 Anfangschor und das Solo- 
quarteit der vier Räuber (F Dur) er-wähnenswert. 

Gehören die Schuberi'schen Bühnenwerke aus dieser Zeit auch nur 
stellenweise unter die bedeutenden Schöpfungen des Meisters, und ist es keines- 
wegs zu verwundem, dass weder die Theater seiner noch unserer Zeit nach 




„Kr. Schubcrt's Zimmer v. M. v. Schwind." 

(Dic«e Wone von Svhwind'* Hsnd »lehen auf 
der RQcksci'c der im Bfii'i- Ihrer l-xzellenz der 
Frnu .Manr DumLa in Wien ' hrnndhchen, im 
„Schul»erizimtT<cr* d<>r Stadt Wim (Kalhaua: 
Busee^tellirn OriKlnal-Pederzrlchnun); von M 
V, Schwind Aul dem Noti-nhei'e rec^<» i!s M. 
S. 22. — S<:hubrrt wohnt>> 1822 bei Schober im 
,Ui»uen l(8el", Wien, TuchlnuKen. 

(Photographie von \'. Angerer, Wien.) 



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— 27 — 



dansdben langten, so ist dodi sdir zu bedatMrn» dass Koosertvereine, Opem« 
schulen an Konservatorien, Dileltantentheater und ähnl. diese gesangvdlen und 

keineswegs sehr schwierigen Sachen so ganz unbeachtet lassen. 

Schubert hat die bittere Rrfahrunp, dass er keines von seinen so rasch 
und zahlreich entstandenen Bühnenwerken an das Licht der Lampen br ngen 
konnte, dennoch nicht abgehalten, sich auch in Zukunit der dramatischen Kom- 
position zuzuwenden; fQr eine Zeitlang zog er äch aber von dem he klen Felde 
zurück und schuf um so eifriger auf anderen Gebieten der Musik, vor allem: 
Messen, Symphonien, Streichquartette. Kla\ iersnnaten und dergleichen. 

Die Komposition von Kirchenmusik war für Sc ubert keineswegs eine 
rein künstlerische Angelegenheit. Hüttenbrenner sagt in seinen „Bruchstücken", 
dass Schubert ein rjromines GemQt hatte und fest an Gott und die Unsterblich- 
keit glaubte, dass er zurzeit, da er Man^ litt, den Mut niemals verlor und, 
wenn er mehr besass, als er bedurfte, gern anderen mitteilte, die ihn um milde 
Gaben ansprachen. Zu dieser wahren Religiosität kam bei Schubert noch der 
durch Herkunft, Erziehung und Beruf vermittelte engere \'erkehr mit der Kirche, 
ihren Dienern, ihrem Kult. — So gab die Feier des hundertjährigen Jubillimis 
der Pfarrkirche in Liechtenthal (16. Oktober 1814) den äusseren Anlass zur 
Entstehung von Schübe ts erster Messe in F-Dur. (Gesamt-Ausgabe Serie I3f 
No. 1.) Schubert schrieb dieses klangschöne, durchaus reife Werk in der kurzen 
Zeit vom 17. Mai bis 2-». Juli iBu, kopierte sämtliche Chor- und Orchester- 
stimmen selbst (Prim- und Sekund- Violinen je dreilach, Bassstimmen doppelt), 
unJ dirigierte am Festtage die erste Aufführung.^) 

Die Messe dürfte — nach Mandyczewskis Vermutung — nicht skizziert, 
sondern gleich in Partitur geschrieben worden sein \'on den unter diesen L^m- 
standen begreiflicherweise ziemlich zahlreichen, im Manuskripte v- rhandenen 
Korrekturen ist die mei kwürJigste jene des Quoniam und der anschliessenden 
Fuge „Cum santo spirito", in welcher Schuoert bereits bis zum 35. Takte vor- 
^ gerückt war, als er sich entschloss, das Ganze - im ^/i-Takte beginnend — 
im geraden Takt zu komponieren. Er durchstrich und überklebte das Vor- 
handene und schrieb das Quoniam im die Fuge im - ^-Taki; alles Wesent- 
liche der Komposition blieb, nur die Noienwerte wurden geändert.^") 

Infolge der Aufführung der F-Messe, die übrigens bald in der Augustiner- 
kirche zur >Anederholung gelangte, war der Schulgehilfe Fr. Schubert „auf dem 
Grund" ein berühmter M n geworden, und wohl auch Femerstehenden mag 
die Bedeutun.L; des aufgeher den Sterns zur Erkenntnis gekommen sein. Salieri 
umarmte Schubert nach der .Xuftüi i unk,' und .s i^te: ..[■" ranz, du bist mein Schüler, 
der mir noch viele thre maciien wird '; \ ater Scliuiiert schenkte dem genialen 
Sohne ein fünfoktaviges Klavier, das diesen sicherifch zu fleissigem Spiel und 
in weiterer Folge zur Pfl^e der Klavierkomposition anregte. — 

So völ.ig frei Schubert auch von jeglicher Komponistcncitclkeit, von jeder 
Rücksichtnahme auf äusseren ICrfoIg war, so halte ihm der Umstand, anlässlich 
der Mess-Auttührung einmal beachtet worden zu sein, dennoch Freude bereitet. 
Schon im nächsten Frühjahre schrieb er (in den Tagen vom 2. bis zum 
7. März 1815) eine zweite Messe, jene in G, sein erstes Meisterwerk 
grösseren Siils. Ausser der Gelegenheit, sein neues Werk bald zu hören, war 
ihm die Möglichkeit, seinem Lehrer Hölzer eine Freude zu bereiten, ein Sporn 
zur Arbeit. Wie ein Jugendfreund Schuberts — Doppler — mitteilte, hat 
Schubert die zweite Messe ausdrücklich für den Liech'.cnihaler Pfarrchur, „in- 



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— 28 — 



Sonderheit für jene mustkalisdien Jugendfreunde, geschrieben, die ebenfalls 

Schüler des Regenschori Holser gewesen waren." 

Die Messe war in ihrer urqirüngiichen GesUlt nur für Soli, Chor, Slreicber 

und Orgel geschrieben^') And^mr con meto. 

Das , Kyrie" beginnt mit einem / ytl^^^iLii ' ^^^lUr^ 
sanften, von langsamen Geigenflguren r r | r . T iT 

umzogenen Gesänge: 




r 



Es klingt veitrauensvüll wie die 
Rede eines Kindes zum Vater. Nach 
dem echt Schubeitschen Uebcrgang^*; 



schlägt das im A-moU 
stehende Sopran-Solo 




Cbriste t . Ifl . scn Chrl.s<e t - id . son 

schmerzlichere Töne an, denen noch wehmütigere folgen, sobald der Chor dazu 
tritt und die Gelgen, wie fldhend, in die H6lie steigen, um wieder demOtg herab- 
zusinken in dem ebenso einfach als wundervoll schön eingdeiieten Uebei^gang 

zum K'\'rie. das, ähnlich wie zu Anfang, wiederholt wird. — 
Kräftig setzt das ,|tilcria** ein: 




fl>nr 




wendet sich nach der Dominante, auf welcher das leise gehauchte 



V1«llWli 



Cb»r. 



■.SKwc 




Sttpr.Soln 




All 

Chor ml - se-rr.r» 
Tra. ^ j „J 




no-bls «tc. 



folgt, Wie von plötzlich hereinbrechendem Licht umflossen, erscheinen die 
Worte „Domtne deu^" in Fis durff.; 

der Satz wendet nach der Dominante 
von A, in welcher Tonart sodann ein 
Sätzchen erscheint, in dem sich das 
Sopran- und das Bass-S<do in der 
G«i»nbewe ung antworten 

Dessen erster sechsaktiger Abschnitt schUesst rührend mit einer Wendung 

, iii welcher Tonart die de- 
mütige Bitte wiederholt 
wird. 

Das „Quonlam" setzt 
mit dem „Gloria**-Ttiema ein 
und schliesst den Satz 



PI . MtI% 



nach H-Moll: 



[«. ml.ne 




ml . se . n.n 

knapp und kräftig ab. 



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— 29 — 



Das »Credo* (G>Dur, Allegro moderato %) hebt mit dem, vom Chore pp. 



intonierten Thema 



Chor. 



Oncl 

i.ec>««. 




ahttc. 



an, zu dem A^line und Orgel «nen figurierten Bass in der Vtertelbewegung 

ausrUhren, die durch den ganzen Satz, wenn auch später in anderen Stimmen 
festgehalten wird. Das „In unum Dominum" bringt zu den chromatischen 
Klagen der Geigen ein oktavenweises Antworten im Chore, 

, ^ _ ähnlich wie frOher im 

VioUMn. 



•adoramus te.* — Bei 
den Worten „Qui 

prnpfer nos homines" 
übernehmen die Vio- 
linen in einer, der an- 
länglichen Viertelfigur 



Chor. 



Oml 





ihnlkdien Form die Bewegung (legato) 



und gewinnen, in die Höhe steigend, so sehr das üebergewicht, dass nach 
dtm H-MoU-Abschlusse „et homo factus est" das ganze Orchester von der Be- 
wegung ergriffen wird und vom Forte*Einsatz „Crucilixus'' an unisono kräitig 
n^n dem Chore einherschreitet (Von hier an vkieder stacc.) — Nach den 
Worten „sepultus est" (H-mi 11) mildert sich der Ausdruck durch das legato aller 
geeinigten Instrumente. Nun stimmt der h( chliegendc Chor hell und freudig, 
auf das Hauptthema des Satzes, das ,£t resurrexit" an: 

Bei den vom letzten Gerichte han- 
^1 j ^ r r j-^p^^^ T-j^-f - delnden Textworten tritt eine err^;tere 
*, ? i J- i Harmonik ein, die Geigen irren wie ge- 

^ :^ f -~ iingstigt umhtr, der ganze Chor vereinigt 

^ Kl r*-5ur - rf - xit ,ic sich beim „cujus regni" auf dem ff her- 

^ vorgestossenen unisono- H, wahrend die 
Instrumente in die Tiefe hinabsteigen, zu 
der ihnen alsbald der Chor bei dem Worte «finis* nadistQrzt ... ein rascher 
Abschluss in H-Dur, Fermate und, mit kleiner Abänderung, fast notengetreu, 
Wiederholung des ersten G-Dur-Satzes. 

Das „Sanctus-' beginnt mit einem kurzen, markigen fT-Sätzchen, (D-Dur, 
Allegro maestoso, welches in ein Fugato über das Thema 
It, u, M- . - -K-.-JL ff n 1 > — «eisläuft, das ohne weitere AusfQhning 

yl^M irp^i ' [i P ITLf^f^^ alsbald kräftig abschllesst. 

Indcmcanoniscnen „iknedictus" 
bringt Schubert tine liebliche, breit ausgesungene Melodie. Der Solo-Sopran 



Vioünen. 



Chor. 




trägt sie zuerst vor, |ii p ; } jr^j^jE^yj f r^g^g^f^te 

^ Be-r.c . die • f«i«4>l - nll »n Do.ml>M Do - ml - nl 

der Solo-Tenor folgt in der tieferen Oktave, während der Sopran eine Gegen- 



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— 30 — 



melodic anstimmt, welche dann auch der Tenor beibehcält, sowie der Solo-Bass — 
in derselben Lage wie der Tenor — das Canon-'lliema bringt. Das rei/ende — 
VOi\ dem Canun im ersten Akte von Beethovens „Fidelio" sichtlich beeinllussle 
— Gesanfcsteraett umspielen die Streicher mit, in feinstem Unienspiele 
gehaltenem, Figurenwerk. — Des Pugato «Osanna* schliesst das Benedictus 
glänzend ab. 

Echt Schubertisch in Melodie und Harmonik ist das in E-Moll beginnende 



In der Haupttonart, G-Dur, schliesst pp. der schöne Satz. 

Die Messe in G-Dur blieb nicht das einzige Kirchenmusikstück des Jahres 
1815; es folgten ihr noch die Messe in B (komponiert im November), einMagni- 
fikat und einige kleinere Werke geistlichen Charakters. 

An die B-Messe knQpft sich — nach Dopplers Aussage — der wohl um 
die Jahreswende 1^15—1816 eingetretene F^ruch mit Salieri. Der alte Meister 
soll an dieser Messe allerlei beanstandet halben, worüber Schubert verdriessHch 
wurde. Spaun sagt, Schubert habe ,die Geduld verloren", weil er immer mehr 
unter Salieris Abneigung gegen seine entschieden deutsche Richtung zu leiden 
hatte, erwähnt aber, ctass Schubert .sich oft dankbar Ober Salieri aussprach* 
und den Unterricht bei ihm als sehr nützlich anerkannte. Diese Dankbarkeit 
bewies Schubert auch durch die Tat. Als Salieri am 16. Juni 1H16 das iünfzig- 
jahiige Jubiläum seiner Anwesenheit in Wien feierte, war Schubert unter den 
Gratulanten. Er, der mit der Feder sehr gut ui;d geschirackvoll umzugehen 
verstand, hatte eine Cantate^') gedichtet und komponiert, welche am Jubeltage 
in der Wohnung des alten Maestro aufgeführt wurde. In einem aus dem Jahre 
1816 stammenden Tagebuche"i bes hrieb Schubert die Feier bei Salieri. Schade, 
dass er mehr eine allge-reine Betrachtung aufschrieb, als unbefangen zu erzählen, 
was er sah. Er fing zuerst an mit den Worten: .ünU nun kam an mich die 
Reihe* . . . Dies strich Schubert aber wieder durch und schrieb: ^Schön und 
erquickend muss es dem Künstler sein, seyne Schüler aUe um sich her ver- 
sammelt zu sehen, wie jeder sich strebt, zu seiner Jubelfeyer das Beste zu 
leisten; in allen diesen Kompositionen blo se Xatur mit ihrem Ausdruck, frey 
aller Bizzarrerie zu hören, welche bey den meisten fonsetzern jetzt zu herrschen 
pflegt und einem unserer grössten deutschen Künstler beinahe allein zu verdanken 
ist ... . Diese B>zarrerie aus dem Zirkel seiner Schüler vertMinnt, um dafür die 
reine, heilige Natur zu blicken, muss das höchste Vergnügen dem Künstler sein, 
der, von einem Gluck geleiiet, die Xatur kennen lernt, und sie troiz der un- 
natürlichen Umgebungen unserer Zeit erh.iiten hat." Sodann fährt Schubert 
fort, wie auf nebenstehendem Autogramm ersichtlich. 

Auf welchen .deutschen Künstler* die polemischen Bemerkungen in der 
Tagebu.h-N itiz gemünzt sind, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Im Saiierischen 
Kreise m tg Beelhoven — der sich auch vom Jubelfeste ferne gehalten hatte — immer- 
hm mit dcilei spitzen Wendungen besprochen worden sein. Schubert aber sah in 
Beetlioven seinen musikalischen Goll^*i, und er konnte ihn nicht gemeint h.iben. 

Beethoven nachzustreben, war der hdsseste Wunsch Schuberts, wenn er 
auch einmal in frühester Jugend, verzagend, zu Spaun aussei te: «Wer vermag 
nach Beethoven etwas zu machen?!" Vielk^ht wandte er sich sogar anfangs 
mehr der von Meister Ludwig wenig gepflegten Lyrik zu, weil er da nicht 



Agnus Del, 




dessen rührende Bitten ab- 
wedisdnd von dm Sofi und 
vom Chore intoniert werden. 



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— 81 — 



MW*- 



/ 



/ 



Schritt für Schritt die Fussstapfen des mit liebender Bewunderung Gefürchteten 
auf seinem W ege vor sich sah. Aligemach aber spürte er doch — wenn auch 
unbewusst — jene titanische Kraft in sich, die ihn befolgte, es jenenn Grossen 
selbst auf seinem eigensten Felde, dem symphonischen, glechzutun. Dass er 
es auf eine ganz eigentümliche, persönlichste Weise tat, ist einer der stolzesten 
Ruhmesliiel Schuberts Er 
ist trotz des ungeheuren 
Einflu'-ses seines mäch- 
tigen Kunst- und Zeitge- 
nossen „Selber Einer** f^- 
worden. Leicht wurde ihm 
der Weg aber keinesfalls. 
Zwischen der, noch im 
Convict geschriebenen und 
aufgeführten undder ersten 

vollwertigen grossen 
Symphonie <H-molI, 
komp 1822) liegen neun 
Jahre, die Schubert keines- 
ungenützt ver- 
streichen Hess. Die zweite 
Symphrmie (in Rl schrieb 
er vom lu. Dez, isi 1 bis 
24. März 1615, die dnite ^n 
D) im Juli 1815, die vierte 
(tratsche)'*) April 1816, 
die fünfte (in B) im Sept. 
l8l6, die sechste (in C) 
Ende 1817 bis Februar 
181a Nun fühlte er sich 
der Form sicher, es folgte 
die Pause im Schaffen, die 
Schubert — das Lied aus- 
genommen — in jeder 
Gattung eintreten liess, ehe 
er sich zu seinem höchsten, 
kühnsten, letzten Anlaufe 
rüstete. 

Aehnlich wie mit 
der Symphonie hielt es 
SchubertmitOuvertÜren, 
deren er von 1816—^819 
etwa sieben schrieb -'^■1 

Dass Schubert all' diese grossen .Arbeiten mehr oJer minder für Studien 
hielt, beweist ein Brief '^j des Meislers an einen Heim Bäutel, wohl einen Konzeit 
geber. der Schubert um irgend eine Novität ersucht hatte: 

„Werthester Herr v. Bäutell**) 
Da ich fürs ganze Orchester eigentlich nichts besitze, welches ich mit 
ruhigem Gewissen in die Welt hinausschicicen könnte, und so viele Stücke von 



1/' /t^C •- • 



Eine Seite aus Fr. Schubert'« Tagebuch (1816). 
(Autograph ia RaeilM der Geielltchafi d <r Minikfreuode in ^ itn.) 
(MoAvnvMr vom V. AȤerer in Wkn.) 



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— 32 — 



grossen Meistern vorhanden sind, z. B. von Beethoven: Ouvertüre aus Pro- 
metheus, Egniont, (Joriolan etc. etc., so muss ich Sie recht herzlich um Ver- 
zeihung bitten, Ihnen bey dieser Gelegenheit nicht dienen zu können, indem es 
mir nachtheilig seyn Rittsste, mit etwas Mittelmiasigem aufzutreten. Verzeihen 
Sie mir daher meiner zu schnellen und unbedachten Zusage. 

Ihr Ergebenster 

Frz. Schubert** 

Im engeren Kreise hat Schubert nichtsdestowenigw gewiss diese sdne 

KomptM^tionen zu versuchsweisen Aufführungen f;ebracht. Es bot sich ihm 
hiezu 7Avanglos Gelegenheit. Hatte sich doch das Hausquartett Va'er Schuberts 
allmählich etwas erweitert und mus-sle — da sich auch die Zuhörer mehrten — 
endlich ein anderes Lukal bis die Wohnung des Herrn Schulmeisters in der 
Säulengasse gewählt werden. Der Handelsmann Frischling (Dorotheergasse 1 105) 
nahm die Gesellschaft auf, die nunmehr auch tdeine Symphonieen aufTQhrte. 
Von Ende 1H15 an siedelte die nhcrmals angewachsene Gesellschaft — man 
könnte sie nach der Mode unserer Zeit einen „Schubert- Verein" nennen — zu 
dem Burglheaier-Mitgliede Otto Hatwig ^.Schottenhof und später Gundlhof) über; 
fOr diese Vereinigung schrieb Schubert seine Symphonieen in D, B und C und 
die „tragische** (No. 3, 4, 6 und 5 der Gesamt- Ausgabe), sowie die Ouvertüren im 
italienischen Stil und anderes. Bald nach 1818 versammelte sich die Gesellschaft 
bei Ant. Pettcnko^en (Grossgrundbesitier und Spiditeur, Baueinmarki; \'ater 
des Malers August von Pettenkofen). Hier wurden schon lörmliche Konzerte 
veranstaltet mit vorher festgestelltem Programm und unter Zuziehung von 
Solisten. Die eigentOmliche Fe rm eines solchen Konzertes mag das Programm 
der „Musik-Unterhaltung*- vom s. Dezember i82o*<0 zeigen. 

1) Symphonie V( n .Me/.art. 

2) Potp(jurri für die iiohoe von Hirsch. 

3) Fortsetzung der Symphonie. 

4) Variationen für das Pianoforte von Payer. 

5) Schluss der Symphonie. 

ö) Serenade für Pianoforte, Violine, Flöte, Guitarre und ViolonzeUo 

von Payer. 

7) Ouvertüre aus der Oper „ i amerlan" von Winter. 

8) Phantasie auf der Orgel von Payer. 

Die Symphonien wurden — das war damals auch in öffentlichen Kon- 
zerten die Regel — immer abschnittweise vorgetragen. 

Unter den aufgeführten kleineren Stücken erschienen u. a. Lieder und 
Quartette von Schubert, am j. März iSjo eine nicht näher bezeichnete — 
Ouvertüre. Schubert wirkte in dem Orchester meist als Violaspieler mit. 

Als Pettenkofen Wien verliess, löste sich die Gesellschaft, die wohl nicht 
so bald einen Mäcen fand, auf. Die letzte Unterhaltung im gastlichen Hause 
Pettenkofens scheint am 22. März 1M21'") stattgefunden zu haben, also ungefähr 
um dieselbe Zeit, als sich Schuberts Kuhm von Wien aus in die Welt zu ver- 
breiten begann. 

Neben der OrcheHterkomposition pflegte Schubert — und z'Arar mit be- 
sonderer Vorliebe — das Streichquartett. Mit den, noch im Convict ent- 
standenen Stücken dieser .Art hatte Schubert bis ungefähr iSio etwa fünfzehn 

Strciclkiuartctte geschr eben, die ihn alle als nach der iiCherrschung der Form, 
nach Tretlbicherheit des .Ausdrucks Kingenden zeigen. Dr. E. Mandycewski 



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I 




. — — n 

Franz Schubert: „Des Mädchens Klage". 

Aulograph im Besitze der „ötädtiscben öammlungea" in Wien (.Raihaus). 

(PiMto^NvIilt wa V. Aatmr In WUn.) 



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— 33 — 



sagt hierüber im Revisionsberichte der Gesamt-Ausgabe (Serie V): ,»Das Lied 

ausgenommen, lässt ^ich bei Schubert keine Kunstgattung in itirer Entwicklung 
so genau verfolgen, wie das Streichquartelt Durch praktische Uebung ange- 
regt, pflegte er es, zumal in seinen früheren Jahren, mit besonderer Vorliebe . . . 
Nicht alles, was Schubert in dieser Gattung ^chuf, hat sich erhalten; nicht alles, 
was sich erhalten hat, mochte ver&füentlicht werden. Das (in der Gesamt^Aus- 
gäbe) Gebotene genügt vollauf, um zu zeigen, welchen Fleiss Schubert diesem 
Zweige seiner Tnliskeit zuwandte und wieviel Mühe und Zeit es ihn trotzdem 
gekostet hat, sich zur Beherrschung der Form aufzuschwingen."''") Und erst 
lange nachdem er dies erreicht hatte, war es ihm beschieden, eigenartige Werke, 
wie die Quartette in D-moH und G-dur zu schaffen. — Aber trotz des lang- 
wierigen Weges, den Schubert auf diesem Felde ging, haben alle seine Quar- 
tette eins gemein: die Neigung zum Orchester massigen. Dies gilt sowohl von 
der inneren Beschaffenheit der musikalischen Gedanken, als auch demgemäss 
von der Behandlung der Streichinstrumente. Es ist etwas speziiisch Schuber- 
tisches und mag darin sehie Erklärung finden, dass ihn, wie aus allen seinen 
Werken ernchlUch ist, der mächtige Drang beherrschte, sich immer mö^icfast 
yoiü und ganz aufzusprechen." 

Eine kurze Pause im Hervorbringen von Quartetten tritt bei Schubert ein, 
ehe er (1820) das erste seiner Meisterwerke dieser Gattung, den tierrlichen Quartett- 
satz in C-moll ^Gesamt- Ausgabe Serie V, No. 12), schuf,®) 

Während Schubert so auf allen Gebieten seiner Kunst — das lyiische 
Fach ausgenommen — versuchte, experimentierte, um sich für die Zeit seines 
eigentQmlichsten Schaffens zu stählen, fühlte er sehr gut, dass er im Uede be> 
reits vdlwertig zu nehmen sd: Hatte er dodi seit „Gretchen am Spinnrade" 
bereits seine Ossian-Gesänge, eine Reihe seiner schönsten Lieder zu Texten 
von Goethe und Schiller, den „Wanderer**, „Haidenröslein" und den „Erlkönig" 
geschrieben.*^; Er durfte sich mit diesen Schätzen vor dem Grossen in Weimar 
sehen lassen. — Spaun, wohl der Anreger auch dieses UntemetunMis, sandte 
am 17. April i8t7 ebie handschriftliche Sammlung Sdiubeitscher Lieder mit 
einem eindringlichen Schreiben an Goethe. Die Sendung wurde nicht beantp 
wortet. Auch ein später (Juni 1825) von Schubert selbst bei Uebersendung 
seines op, 19'**) an Goethe gerichteter Brief wurde von diesem ignoriert. Der 
alte Meister liebte nur Lieder in der Weise von Schulz, Zelter u. a. Da ihm 
eigentliches Musikverstflndnis so ziemlich abging, konnte er sich — falls er sich 
damals Schuberts Lieder überhaupt vorsingen Hess — ganz gewiss nicht in 
den völlig neuen, leidenschaftlichen Ton des Wiemr Meisters finden. 

Empfand Schubert die Gleichgültigkeit Goethes gewiss recht schmerzlich, 
so boten doch andere Ereignisse des Jahres 1817 viel des Erfreulichen, Zu- 
kunftverheissenden, vor allem die Bekanntschaft Schuberts mit Vogl, seinem 
xukflnftigen, bedeutendsten Interpreten. 

Bisher war Schubert meistens sein eigener Singer. «Sehte Stimme war 
schwach, aber sdir gemütlich. In sdnem 19. Jahre sang er Bariton und Tenor; 

im Notfälle, wenn eben eine Dame fehlte, übernahm er, da er ein umfang- 
reiches Falsett besass, die Alt- und Sopranstimme, wenn bei Salieri aus alten 
Partituren der musikalischen Hofbibliothek prima vista gesungen wurde*', be- 
richtet A. HOttenbrenner, abereinsümmend mit anderen Cewihrsmiimern, über 
das Oigan des Masters. Die Wirkung, die Schubert mit seinem eigenen Vor- 

■•iaaaa, Frans Sdnibnt 8 



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34 — 



trag erzielte, war gewiss bedeutend, aber nur im intimen Kreis. Schubert, dem 
daran liegen musste, seine Lieder endlich auch in der OefTentlichkeit zu hören, 
„äusserte nun oft", wie Spaun erzählt, „grosses Verlangen, einen Sänger für 
seine Lieder zu finden, und sein aller VVuntch, den Hof Opernsänger VogF") 
kennen zu lernen, wurde immer lebhafter, in unserem kleinen Kreise wurde 
nun beschlossen, Vogl müsse fOr die Schuberlischen Lieder gewonnen werden. 
Die Aufgabe war eine sehr schwierige, da Vogl sehr schwer suginglich war. 
Schober, dessen verstorbene Schwester an den Singer Siboni verheiratet war^ 

hatte noch einige Verbindungen mit dem Theater Er erzählte Vogl mit 

glühender Begeisterung von den Ko'y Positionen Schuberts und forderte ihn auf, 
eine Prube mit ihm zu machen. Vogl erwderte, er habe die Murik satt bis 
über die Ohren, er sei mit Musik übertOttert worden und strebe vlelm^, sie 
los zu werden, statt neue kennen zu lernen. Er habe hundert Mal von juuigen 
Genies gehört und sich irrmer getäuscht gefunden, und so sei es gewiss auch 
mit Schubert der Fall; man solle ihn in Ruhe lassen, er wolle nichts weiteres 
mehr hören. — Die Ablehnung hat uns alle schmerzlich berührt, nur Schubert 
nidit, der sagte, er habe «ch die Antwort gerade so erwartet, und er finde sie 
ganz natOriich. Vogl wurde inzwischen wiederholt \ on Schuber und anderen 
angegangen; endlich versprach er, an einem Abend zu Schober zu kommen, 
um zu sehen, was daran ist, wie er snj^tc."'''! Er trat um die bestimmte Stunde 
ganz gravitätisch bei Schober ein, und als ihm der kleine, unansehnliche 
Schubert einen etwas linkischen Kratzfüss machte und über die Ehre der Be> 
kanntschaft in der Verlegenheit einige unzusammenhängende Worte stammelte, 
rümpfte Vogl etwas germgschatzig die Nase, und der Anfang der Bekanntschaft 
schien uns unheilvoll. Vogl sagte endlich: „Nun, was haben Sie denn da?" 
und dabei nahm er das nächstliegende Blatt, enthaltend das Gedicht von Mayr- 
hofcr, „Augenlied", ein hQbsches, melodisches, aber nicht bedeutendes Ued. 
Vogl summte mehr als er sang .und sagte dann etwas kalt: „Nicht Übel.** Als 
ihm hierauf andere Lieder, auf die ich mi«.h nicht mehr erinnere, ich glaube 
„Schäfers Klage" war darunter, begleitet wurden, die er alle nur mit halber 
Stimme sang, wurde er immer freundlicher und schied aber ohr e Zusage, wieder 
zu kommen. Bei dem Weggehen klopfte er Schubert auf die Schulter und 
sagte za ihm: „Es steckt etwas in Ihnen, aber Sie sind zu wenig Komödiant, 
zu wenig Charlatan! Sie verschwenden Ihre schönen Gedanken, ohne sie breit 
zu schlagen." Gegen andere äusserte sich \'ogl bedeutend günstiger über 
Schubert als gegen ihn und seine nächsten Freunde. Als ihm das Lied „Die 
Dioscuren" zu Gesicht kam, erklärte er, es sei ein Prachtlied und es sei geradezu 
unbegreiflich, wie sok:he' Tiefe und Reife aus dem jungen, kUinen Mann her- 
vorkommen könne. — Der Eindruck, den die Ueder Schuberts auf Vogl 
machten, wurde cndl ch ein völlig überwältigender, und er näherte sich oft un- 
aufgefordeit unserem Kreise, lud Schubert zu sich, studierte mit ihm Lieder 
ein, und als er den ungehturen Eindruck wahrnahm, den sein Vortrag auf 
uns, auf Schubert 8eU>st urd. auf alle Zuhörer machte, so begeisterte er sich 
selbst für diese Lieder so se Ty.. dass er nun der eifr gste Anhänger Schuberts 
wurde und dass er s'att, wie er es vorhatte, die Musik aufzugeben, nuri 
dafür auflebte. Die Genüsse, die siih uns jetzt, nachdem Vogl mit den 
Liedern nach und nach vertraut geworden, darboten, können nicht beschrieben 
werden." * • • 



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— 35 — 



War die nun hergestellte Be7iehung zu Vogl ~ nebst allem AnregQnden, 
was der Verkehr mit diesem hochgebildeten, belesenen Manne für Schubert 
mit sich brachte — doch vor allem von höchstem praktischen Werte für 
Schubert, so wurde die um 1817 durch Spaun vermittelte Bekanntschaft mit 
Jos. Gaby**) einem ausgezeichneten Klavierspieler, für Schubert als Klavier- 
komponisten von massgebender Bedeutung Cahy las virtuos vom Blatte, 
und so erkor ihn Schubert aus, mit ihm ßeethovensche Symphonien und 
anderes vierhändig zu spielen. Wahrscheinlich ist Schubert durch Gahy zu 
seiner besonderen Pflege der vierhändigen Original -Kompositionen angeregt 
worden, und sowohl Gabys Spiel, als auch äussere UmstanJe dürften dem 
Meister um diese Zeit das Klavier überhaupt naher gebracht haben. Vor 
allem war es wohl Schuberis Verkehr mit wohlhabenden Familien, in 

die der immer bekannter werdende 
junge Meister durch Freunde ein- 
geführt wurde. Hier fand er, was 
er bisher entbehrt hatte: vorzügliche 
Klaviere ! 

Schon als Knabe hatte er sich 
zwar eifiig auf den ihm zur Ver- 
fügung stehenden, gewiss herzlich 
schlechten, In>trumenten geübt. 
Spaterhin mussie er oft selbst diese 
bescheidene Anregung entbehren, 
da tr zu arm war, um den Betrag 
für den Kauf oder die Miete eines 
Klaviers aufzubringen. Das fünf- 
oktävige Pi^noforte, das ihm sein 
Vater nach der Aufführung der 
F-Messe schenkte, m^g ihm eine 
hohe Freude bereitet haben, obwohl 
es kaum ein Prachtstück der Klavier- 
baukunst jener Tage wqr. Die 
Komposition zweier um diese Zeit 
entstandener Klaviersonaten scheint 
aber doch mit diesem freudigen 
Ereignisse in Zu«^ammenhang zu 
stehen. V^on 1H16 und 1817 an, 
wo Schubert bei Schober und Gahy, 
bei Sonnleithner, Kiesewetter, Rieder u. a. oftmals in die Lage kam, auf vor- 
trefflichen Flügeln zu spielen, ihren Ton einzusaugen, da erstand in ihm der 
Klavierkomponist. 

Keine Gattung der Komposition ist so sehr von dem persön! chen Können 
des Autors abhängig, wie de Klavier - Komposition. Mozarts, Beethovens, 
Webers, Chopins, Liszts, Brahms' persönliche, vom Bau der Hände, von der 
Richtung des Klangsinnes beeitiflussis Ait der Klavierbehandlung ist uns in 
ihren Pianoforte-Werken, in ihrem Klaviersatz mit dokumentarischer Genauigkeit 
überliefert. Erfahren wir nun auch durch Mitteilungen von Zeitgenossen 
Schuberts, dass dieser zwar „ke n eleganter, aber ein sicherer und ^ehr geläufiger 
Klavierspieler" war^), dass seine „fieie Auffassung, der bald zarte, bald feurige 

3* 




Vogl und Schubert am Klavier. 
Nach einer B eittiftzcichnurf: von M. v Schwind. 
[Im BeslUf von f-rau Ida v. Schvreilzer [geb. v. Kleyle/). 



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— 36 — 



Vortrag* seine Freunde begdsterte, dass er «ndt seinen Ideinen, dickm Fingern 

die schwierigsten seiner Sonaten" mit schönem Ausdruck vortrug, schreibt er auch 
selbst,"') seine Zuhörer versicherten ihn, dass die Tasten unter seinen Händen 
»zu singenden Stimmen würden", so bleiben doch Schuberts Werke das ^igent- 
tiche Dokument, aus wdchem man das Verhältnis des Meisters zum Klaviere 
mit atler Deutlicblcdt rekonstruieren kann. 

In den ersten Sonaten (aus dem Jahre 1H15) waltet der Klavierstil der 
ersten Periode Ikethovens vor. Eigentümliches findet man — im Klaviersatze 
wenigstens — selten, vielleicht am meisten noch in den F-Variationen vom 
15. Februar i<si5. Schubert hat es selbst nicht gesucht — Scheinbar plötzlich 
roacbt der junge Meister in den sieben aus dem Jabre 1817 stammenden — 
teils vollständigen, teils unvollständigen — Sonaten Versuche, eine neue und 
ihm eigentümliche Art der Klavierbehandlung zu erreichen. Er halte mit seinem 
feinen Ohre erkannt, dass das durch die I-'ortschritte der Klavierbaukunst aus 
dem Innersten heraus veränderte Instrument Wirkungen zulasse, die man bisher 
nicht gekannt Bfit dem zirpenden, kunen Klang der alten Klavichorde und 
Klavicymbebi war es grflndUch vorbei, und damit die Nötigung, durch rauschende 
Läufe, knapp zusammengehaltene Akkorde und möglichst enge Lage der 
Hände — man hätte die Lücke zu sehr empfunden — über die Klangarmut 
des Instrumentes hinwegzukommen. Die neuen Klaviere, wie sie damals bereits 
Graf und Streicher in Wien bauten, besessen einen stärkeren, länger nach- 
bauenden Ton. Man konnte daran denken, die AliquottOne, die ObertOne ai 
verwerten, die, wenn auch nicht selbst angeschlagen und an und für sich nicht 
deutlich hörbar, dem Gesamtklange doch eine bisher ungeahnte Fülle verliehen. 
Die Möglichkeit gesangvolleren Spiels, weiterer Entfernung der Hände, breiterer 
Auseinanderlegung der Akkurde, reichlicherer Verwendung der jetzt von roman- 
tischem Zauber umgebenen tieferen Lagen des Klaviers leuchteten Schubert 
sogMch ein, und sein eminenter, gerade Auf FQUe Un gerichteter Klaogsinn 
(Ohrte ihn fDrmlich zu neuen Entdeckungen. Eine Satzweise, wie: 




AII«gro w4tr<io 



aus der Des-dur- 
Sonate (Supp- \ 

tem.;SerieXXL ^ ^^7J7^-i^4^^ 
S. 155 der Ges.- t r^^ J t i ^- ^ 

Ausg.), die später ^ 

nach Es-dur i ^i^M -tr ^^ 
transponiert er- 
schien oder 
(bekle Beispiele 



8«u<t D«a ««r ««r.«! Saft« W> 




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— 87 — 

IIIS der JttU 1817 komponierlen Fis^molI-SonatoX oder aus der H-dor-Scniste 




op. 147 (Ges.- Ausg. Ser. X., S. 46—47) ist durchaus neu, dem modernen Klavier 
abgelauscht, geht selbst über Beethovens Klavieistii weit hinaus und wird von 
unserer aUemeuesten Behandlungsart des Instrumentes kaum flberboten. 
V/ir geben hier nur einig» besonders baseicbnende Stelisn:") 



Ud poo plu i.-tj, > coa ciBrlcflf» 




\ 



•oMMO^MSM'.tO S.tM. 



(Schubert berechnet seinenSatz auf denZusammenklang des Akkordes : 
hin 





■•Ml« O^SS Str.X 9.101. 

(man beachte die bei Schubert oftmals im Basse «iflretenden Oktavengängo), 




Soute OpM ScntO B. I«t. 




SmiU 6fC« Sw.lO s.ira. 



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— 38 — 





Sautt I« A «ir sir. tO 8. tt«« 




Die datierten vierhändii^n Stü:ke Schuberts entstanden, von ein paar 
aus der Konviktszeit stammenden \ ersuchen abgesehen, zumeist in den letzten 
vier Lebensjahren Schuberts. Da aber viele undatierte Werke dieser An vor- 
banden sind — so s. B. mehrere Mirsehe ^ so ist die Annahme gerechtfertigt, 
daas Sclnibert auch in seinen „Experimcnti« jähren" so manches Vierhindige 
schrieb. Es wäre ganz gegen Schuberts impulsive Natur, wenn er nicht für 
sich und Gahy od-r für sich und Hütientuenner eines oder d is andere Stück 
komponiert hätte. Sichergestellt ist dies nur von der lieblichen B-dur-Kiavier- 
sofiate op. 30 ^ Gesamt- Aiu^gabe Serie DC, Na ii), welche nadi Schindlers^) 
Verzeichnis 1818 entstand. Das Vierhändig-Spielen war um jene Zeit lange 
nicht so verbreitet wie heutzutage, und eine verhältnismässig neue Mode. 
Haydn ist uns als der erste bekannt, der, offenbar für seinen Bedarf bei 
Lektionen, vierhändi^e Stücke schrieb.-') Von Mozait, der für den Erfinder des 
vierhändigen Spieles und Satzes gilt, besitzen wir wertvolle Werke dieser Art 
Jedenfalls war er der erste, der von der neu entstandenen Gattung umfSng- 
liehen, höheren Zwecken dienenden Gebrauch machte. 

Die Symphonien der grossen Wiener Meister erweckten den Wunsch, 
diese Werke auch im häuslichen Kreide ^cn;essen zu können; ihre Korr plikation 
schloss die Ausführung durch zwei Hände so zien lieh aus. So entwickelte sich 
der handwerksmässl^ vierhändige Klaviersatz. — Schubert, als er mit Freunden, 
namentlich mit Gahy, diese mehr oder minder gut und voll auf das Klavier 
übertragenen Symphonien spielte, empfand sicherlich alsba'd das M mgelhafte 
dieser Uebersetzungen aus der Sp-ache des Orchesters. Als er sich daran 
machte Vierhändiges zu schreiben, entstand etwas durchaus Neues: ein Klavier- 
satz, der vierhändig erfunden, geflacht war und das moderne Klavier in einer 
ganz eigentümlichen, unendlich reizvollen Weise ausnutzte. In dieser hohen 
Vollkommenheit des Vierhand-Satzes hat Schubert keinen Vo.'-gänger und auch 
keinen Nachfolger gehabt. Unter den tausenden von Stücken, die seit Schuberts 
Tode für vier Hände geschrieben wurden, ist kaum eines, das an echter Klavier- 
mässigkeit gerade für vier Hände die Schubertschen Werke dieser Art auch 
nur entfernt erreicht hätte. 

Ausser dem Vierhändigspielen übteSchubert mitPreunden den Männerquartett* 



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— 39 ~ 



Gesang, auch eine neue, gerade um diese Zeit mächtig aulbiühende Kunst- 
gattung. „Schubert, Aasmaier, HQttenbrentier und Mozatti?*) .kamen, einer Ver> 
abredung gemäss« jeden- Donnerstag abends bei letzterent 2usammen, der 

auch seine Freunde st^a freundlich bewirtete. Da wurde nun immer 
ein neues Männerquartett gesunken. Einmal kam Schubert ohne Quartett, 
schrieb aber, da er von uns einen kleinen Verweis erhielt, sogleich eins in 
unserer Gegenwart, einen Text hatte er beisich.'^ (Hüttenbrenner, Bruchstüclce.) 
Auf diese Art mag das Quartett: .Leise, leise", ein bisher unveröffentUchtes 
.Stück'3), entstanden sein. — Die Ptl ge des Männerquartetts hat übrigens später 
bei Schubert die herrlichsten Früchte gczeiii^t: Schubert schuf eine ganze eigen- 
artige Litaratur dieser Art, als dereri grösster, unübertrolTencr Meister er bis 
zum heutigen Taxe dasteht^ 

Neben diesem fibenrechen Innenletien flQsa, Schuberts äusseres 
Leben überaus einförmig dabin. Der VQnnlttJ>g war der angesirengiesteh 
Arbeit gewidmet. „Wenn man unter Tags zu ihm (Sch.) kommt, sagt er: 
,Grüss Dich Gott, wie .^tjht's?" „Gut" und schreibt weiter, worauf man sich 
enifernt"- (Schwind an Schober 22. Febr. 1824 (N. fr. Presse j^^.^oj/. iyJ4.) 
Nach der mit allen Kräften der Seele vollbrachten Tätigkeit war Schubert, wie 
es scheint, für den Tag völlig ausgepumpt, mQde, erhota^bedQrftig'>>. Er 
scheint — so wie er am Vormittage nur an Musik dachte — nach dem 
Mittagessen fast nie mehr schöpfcri-sch tälig gewesen zu sein, eine Ablenkung 
von seinem stürmischen Schatten sogar gesucht zu haben. Er besuchte „gern 
ein Cafehaus, trank eine kleine Portion schwarzen Kaffee, rauchte ein paar 
Stunden und las nebenbei Zeitungen*'''<X Abends ging er in «ein oder das 
andere Theater, wo ihm igute Schauspiele ebenso interessant waren als gute 
Opern", oder er kam mit Freunden in einem Gasthause zusammen, in der 
«schwurzeD Katze" (.'Vnnagasse), der „Schnecke" (Am Peter), wo er dem 
bayrischen Bier zusprach, oder «zur Eiche * auf der Brandstätte. Seine Heiter- 
keit, seine Gesprächigkeit, sein Witz wQrzteh das Zusammensein. Am Heim- 
wege mag zuweilen irgend ein harmloser Ulk aufführt worden sein, wie 
Schwind einen solchen in der Serena%1e vor eineiri neugeba!Uten, noch im- 
bewohnten Hause verewigt hat. 

„Im Sommer zog es ihn ins Freie, und da geschah es zuweilen, dass er 
Ober einen, schönen Abend oder Qber eine liebe Geseilsdjaft. auf eine Einladung 
selbst in vomehoien Kreisen vergass"), und da gab es dann Verdruss, der . ihn 
aber wenig kümmerte. Missgünsti^;« Stimmen bezeichneten ihn, weil er gerne 
auf das Land ging und dort in guter Gesellschaft ein Glas Wein trank, als 
einen Schwelger und Tiinker, allein nichts ist unwatirer, als dieses erbärmliche 
Geschwäts; er war vielmehr sehr mässig, und auch bei grosser Heiterkeit über- 
schritt er nie ein vernQnfkiges Mass* (SpaUn). 

Auch musikalische Gesellschaften, in die er immer mehr und mehr ein- 
geführt wurde, füllten seine Abende aus. Er suchte bei diesen Anlässen ihm 
zugedachten Aufmerksamkeiten und Huldigungen zu entkommen. — »Du, diese 
Frauenzimmer sind mir zuwider mit ihren Artigkeiten; sie verstehen von der 
Musik nichts, und was sie mir da sagen, geht ihnen nicht von Herzen . . . 
sagte er einmal zu A. HUttenbrenner. Als er einst in einem fürstlichen Hause 
geladen war, wurde Jer San-;er seiner Lieder mit feurigster Anerkennung und 
mit Glückwünschen über seinen Vortrag überhäuft. »Als aber niemand Miene 
machte, den am Klavier stehenden Kompositcur auch nur eines Blickes oder 



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— 40 — 



eines Wortes zu würdigen, suchte die edle Hausfrau, Fürstin K., diese Ver- 
nachlässigung gut zu machen, und begrüsste Schubert mit den grössten Lobes- 
erhebungen, dabei andeutend, er möchte es übersehen, dass die Zuhörer, ganz 
hingerissen von dem Sänger, nur diesem huldigten. Schubert dankte und er- 
widerte, „die Frau Fürstin möge sich gar keine Mühe diesfalls mit ihm geben 
er sei es ganz gewöhnt übersehen zu werden, ja, es sei ihm dieses sogar recht 
lieb, da er sich dadurch weniger geniert fühle" (Spaun). 

War Schubert also so ganz und gar allem Kultus seiner Person oder 
seiner Werke abgeneigt, so galt er als um so eifrigerer Schätzer fremden Ver- 
dienstes. Spaun schreibt: „Eine herrliche Eigenschaft Schuberts war seine Teil- 
nahme und Freude über alle gelungenen Schöpfungen anderer."**) Er kannte 
nicht, was man Neid nennt, und überschätzte sich durchaus nicht. — Wir fanden 
ihn einmal, die eben erschienenen „Wanderlieder" von Kreutzer durchspielend. 
Einer seiner Verehrer, (Jos.) Hüttenbrenner, sagte: „Lass' das Zeug und singe 
uns lieber ein paar Lieder von Dir!" Worauf er kurz erwiderte: „Ihr seid doch 



Lacbner u. Schubert bringen vor einem noch im Bau begriffenen Hause ein SUndchen. 
Zeichnung von M. von Schwind (I862) aus dctaeo , Leben Krtnz Lechner*** 79a) 
[Original im Besitze von Frau M. Rlemerschmieä [geb. Lachnerj Mänchen.) 

recht ungerecht; die Lieder sind sehr schön, und ich möchte, ich hätte sie ge- 
schrieben. • 

Die Mittel zu seinem Lebensunterhalte erwarb sich Schubert anfangs durch 
Schulmeistern, wohl auch durch Musikunterricht."') Der Erlös war karg genug. 
Die erste Gelegenheit, sich etwas mehr als das Nötigste zu verdienen und unter 
einem einmal ein Stückchen Welt zu sehen, bot sich, als der Baron Hackel- 
berg'sche Wirtschaftsrat Unger — Vater der später so berühmt gewordenen 
Sängerin Unger-Sabathier — ihn als Musiklehrer zu dem Grafen Joh. Eszterhazy 
empfahl. Schubert trat die Stelle anfang 1818 an. Den Sommer und Herbst 
brachte die gräfliche Familie auf dem Schlosse in Zelez, einem Marktflecken 
an der Waag, im Barcser C omitate (Ungarn), zu. Schubert verlebte hier, trotz- 
dem er dem „Grafengesinde" zugezählt wurde, eine überaus glückliche Zeit. 
Er hatte den beiden Komtessen Caroline und Marie Klavierunterricht zu geben 
und wirkte ausserdem als spiritus rector des häuslichen Vokalquartett«, an 
welchem die beiden gräflichen Schülerinnen, die Gräfin, der Graf (Bass) und 
oft auch ein Freund des Hauses, Baron Schönstein"') sich beteiligten. Dieser 




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— 41 — 



Baron Schönstein, ein überaus liebenswürdiger Mann, wurde für Schuberts 
weiteres Leben und Wirken besonders wichtig. Er war im Besitze einer herr- 
lichen Tenor-Baryton-Stimme, begann sich alsbald intensiv für die Werke des 
jungen Meisters zu interessieren und galt in kurzer Zeit, neben Vogl, als der 
beste Sänger Schubertscher Lieder, die er, seiner sozialen Stellung entsprechend, 
vorzugsweise in den Häusern des österreichischen Adels zu Geltung und An- 
sehen brachte. — Schönstein, mit seir er edlen Begeisterung für die Kunst, mag 
dem genialen, jungen Komponisten wahrhaft wie ein Tröster erschienen sein 
unter seiner Umgebung, die er selbst in einem Briefe mit den Worten charak- 
terisiert: „Für das Wahre der Kunst fühlt hier keine Seele, höchstens dann und 
wann (wenn ich nicht irre) die Gräfin." Merkwürdigerweise nimmt Schubert 
auch die Komtesse Caroline nicht aus, in die er doch — manchen Angaben zu- 
folge — sterblich verliebt gewesen sein soll. Bei Schuberts erstem Aufenthalt 
in Zelez im Jahre 1818 — den Sommer 1824 brachte Schubert ebenfalls in 
Zelez zu — war Komtesse Carolme zwölf Jahre alt. . . . Schubert bezeichnet 




Lachner, Schubert und Bauernfeld abends beim Wein in Grinzing. 
Zeichnung von M. von Schwind (I86>) aus druen , Leben Kranz Lachner'a*. 
{Original Im Besitze von f-rau M. Riemenchmied [geb. LachnerJ Mächen.) 



sie selbst in einem Schreiben als gutes Kind. Mag der Sänger all' der herr- 
lichen Liebeslieder das aufblühende Mädchen auch mit Freuden gesehen haben, 
eine Liebe zu einem halbentwickelten Wesen ist etwas der urgesunden Natur 
Schut>eits durchaus nicht Entsprechendes und wird wohl mehr in den Köpfen 
anderer entstanden sein. Dagegen dürfte der Aufenthalt in Zelez — namentlich 
jener im Jahre 1824 — als X'eranlasssung vierhändiger Kompositionen nicht 
gering angeschlagen werden. 1818 beginnen, nach längerer Pause die vier- 
händigen Werke, die dann 1824 besonders zahlreich und bedeutend werden. 

Von grossem Einflüsse auf Schuberts Schaffen wurde der Aufenthalt in 
Zelez durch die Eindrücke, welche die ungarische, besser gesagt die Zigeuner- 
Musik, auf den für derartige Eigentümlichkeiten besonders empfänglichen Meister 
ausübte. — So wie Haydn — der als Erster entschieden österreichische Lokal- 
töne in der Kunst-Musik anschlug — sich in Eszterhaz und Eisenstadt die 
exotischen Weisen der Zigeuner einprägte und sie — wieder als Erster — der 
grossen Kunst zuführte, so gab sich auch Schubert, dessen Musik den frischen 
Erdgeruch des Wiener Waldes ausströmt, auf dem Eszterhazyschen Gute Zelez 



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- 42 — 



und dessen Umgebung den originellen Klängen von jenseits der Leilha hin, und 
gewann so ein ganzes Glossar neuer Lauie und Begriffe, welches er in seiner 
Weise künstlerisch verweiteie, veredelte, in grotsem Stil ausbaute, seinem 
tiefsten Wesen zu eigen machte. In zahlreichen seiner Instrumental- Kompositionen 
trat von hier an das zigeunerische Element in entschiedener Weise auf. Die 
grosse Symphonie in (', das Divertissement ä la hongroise (op. 54) und vieles 
andere sind Zeugen dafür. 

Der Sommer des Jahres 1819 führte Schubert zum ersten Male nach 
Ober-Oesterreich, mit dem er bereits durch verschiedene Freundschaftsbande — 
Vogl, Spaun, Stadler, Mayi hofer waren gebürtige Ober- Oesterreicher — in Be- 
ziehung stand. Vogl hatte seinen jungen Kreund eingeladen, mit ihm — etwa 
Mitte Juli — nach Siadt Steyr, seinem Geburtsort, zu kommen. Hier fanden 
die beiden Künstler enthusiastische Aufnahme in den Häusern der begeisterten 
Musikfreunde Sylvester Paum- 
ganner"), Jos. von Koller*^) und 
Dr. Alb. Schellmann»^». Vogl 
wohnte bei Koller, Schuberl bei 
Scheilmann, zum Miitag.stisch wai en 
beide täglich bei Koller geladen. 

Die Musik wurde eifrig gepflegt. 
Namentlich das Zusammenwirken 
Schuberts und Vogls mag den Zu- 
hörern cmen einzigen Genuss be- 
reitet haben. „Die Ait und Weise, 
wie Vogl singt und ich accompag- 
niere, wie wir in einem solchen 
Augenblick Eins zu sein scheinen, 
ist den Leuten etwas ganz Neues, 
Unerhörtes", schrieb Schubert ein- 
mal an seinen Bruder Ferdinand. 
— Wenn ein Freund Schuberts 
(Ebner) in einem Briefe (vom 3. Mai 
1H5H) bemerkt: „Da Schubert dem 
Sänger Vogl als Klavierbegleiter 
w eniger entsprach, kamtn sie über- 
ein, auf ihren Exkursionen Sche.l- 
mann^; mitzunehmen als Klavier- 
spieler . . . so stimmt dies 
schlecht zu den eigei\en Worten 
des von jeder Eitelkeit freien 
Meisters. Vogl mag freilich zuweilen ein Mass von .Nachgeben" verlangt 
haben, d^m Schubert entweder gar nicht, oder nur widerwillig Rechnung trug — 
Kleine Verstimmungen zwischen Schubert und dem sehr selbstbewussten 
Vogl, der dem um so viel jüngeren Komponisten gegenüber gerne den Protektor 
hervorkehrte, blieben übrigens nicht aus. In einem Briele (vom 7. Dez. 1822) 
schreibt Schubert: „. . . Mit Vogl liabe ich. da er nun vom Theater weg ist, 
und ich also in dieser Hinsicht nicht mehr geniert bin, wieder angebunden.** 

Während des Steyrer Aufenthaltes schrieb Schubert für Paumgartner das 
be'xannte »Forellen^-Quintett (»»p. 114>, eines seiner bliihendsten, sonnigsten 




Karl Freiherr von Schünslein. 
.N'jch einer Lithographie von Ktiehuber (1S4I). 



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r 



— 43 — 

Werke. Das Manuskript desselben ist erst vof^wa zwanzig Jahien im Paum- 

gartner<;chen Hause — verloren gegangen. 

Ungefähr Mitte August wandten sich Schubert und V'ogl nach Linz, wo 
sie mit Spaun unü andern Freunden zusammentrafen und Schubert die Mutter 
keines treuen Spaun kennen lemte. GtgiUi Ende August wurde Salzburg besucht, 
und na^h noclimaligem Aufenthalte in Steyr kehrten die KQnatler Mitte September 
nach Wien zurück. 

Ausser den Reisen nach Zelez und Ober-Oeslerreich sind aus den Jahren 
ibi8 und 1819 noch ein paar andere erfreuliche, das Arbeitsleben Schuberts 
versdiOnemde Ereignisse zu berichten: Die ersten öffentlichen Aufführungen 
Schubertscher Werkei. — Am 1. Mirz 1818 wurde im. Konzerte des VtoUn^ 
Spielers Ed. JagU^) (im Saale zum »römischen Kaiser") eine Ouvertüre von 
Schüben-'"/ rufgeführt. Die „Wiener Theater-Zeitung" vom 14. März schrieb 
darüber: „Die zweite Abtei ung begann mit einer wunderlieblichen Ouvertüre 
.von einem jungen Kompositeur Fr^nz Schuber(. Dieser, ein Schüler des hoch- 
berOhmten Salieri, weiss schon jetzt alle Hirzen isu rOhren und zu erschOttem . . 
Am 38. Februar 1819 sang der Tenorist Franz JAger {1796—1852), wieder in 
einem Konzerte Jaells, (der sich auch an anderen Orten für .Schubert eingesetzt 
zu haben scheint, so z. B. in Laibach, wo wohl durch seine Vermittlung 
Schuberts .Geist der Liebe* 182Ö gesungen wurde), zum ersten Male öffentlich 
ein Schubertscbes Lied (Scfaifers Klajgelied, op. 3 No. 1) und fand damit so 
lebhaften Beifall, dass er es in einem Konzerte am 12. April nochmals vor- 
trug. — Im 12. Konzerie der „Dilettantengesellschafl" (im Saale der Müllerschen 
Kunstgallerie, Rothenthurmstiasse) wurde am 14. Mtgr«. 1 8 19 al$. letzte PiQi^amm- 
f4ummer eine Ouvertüre von Schubert gespielt.«') 

AUS» dies war. zwar npcb "kein entspheidflndsr Erfolg, woU aber ein .vidr 
verheissefidBr AnfSuig. Man gew<H>nte sich an den.NiMnen Schubert und.'be8atu 
aufzuhorchen.. „ 




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Kathi, Josephine und Anna Fröhlich. 

Nach eüur KreidexelcHniutg {Meisttr luibekannf] im Besilie der ^t&dtiactun SamMlungenr in Wien {Rathaus}, 

(Originatphotograhhie.) 



ie heutigen jungen Komponisten, die nach der mühsamen Verfertigung 



von zehn, zwölf Liedern nichts Eiligeres zu tun haben, als nach einem 



— ^ Verleger zu fahnden, der die Handvoll Versuche druckt, die den Augen- 
blick nicht erwarten können, in dem ein „lobender Zeitungsausschnitt" über die 
gelungene Aufführung etwa eines Drittels dieser „Sämtlichen Werke" berichtet . . • 
diese jungen Komponisten werden es kaum begreifen, dass Schuttert bis 1820 
ein paar Hundert Lieder, 6 Symphonien, 4 Messen, etwa 7 Ouvertüren, 
12 Klaviersonaten, mindestens 11 Streichquartette u. s. w. geschrieben, einen 
Verleger aber nicht gefunden, vielleicht gar nicht gesucht hatte. Möglicher- 
weise hätte Schubert, ohne Dazutun anderer, auch jetzt noch sein volles Genügen 
in rastlosem Schaffen, im Aufhäufen herrlicher, nur ihm erklingender Musik 
gefunden 

Ein freundliches Geschick — das den, wenn auch zeitlebens wenig be- 
mittelten Künstler dennoch wie ein guter Genius begleitete — führte ihn mit 
edlen und einflussreichen Menschen zusammen, die sich des völlig unpraktischen 
Genies annahmen und ihm den Weg in die Welt, in die grosse Oeffenllichkeit 
zu bahnen wussten. An der Spitze dieses Kreises seltener Freunde, aus welchem 
die Charakterköpfe Fr. Grillparzers und der Schwestern Fröhlich besonders her- 
vorstechen — sind die beiden Sonnleithners, Vater und Sohn, als die tatkräftigsten, 
eifrigsten zu nennen. 

Der Vater, Ignaz von Sonnleithner*) (geb. in Wien 30. Juli 1770, f da- 
selbst 27. November 1H31), ein hochangesehener, mit der besten Gesellschaft 
Wiens in Beziehungen stehender Rechtsanwalt, vereinigte in seiner Wohnung 
im Gundelhofe in den Jahren iH 15— 1824 eine bedeutende Anzahl von 
Künstlern und Kunstfreunden. Seine musikalischen Soireen, die an Freitag- 
Abenden stattfanden, erlangten nach und nach einen so grossen Ruf, dass dem 



Meisterjahre. 




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— 45 — 



Andrang von Zuhörern durch die Ausgabe von Eintrittskarten vorgebeugt werden 
musste. Vor allem wurden die Werke anerkannter Meister der Tonkunst ge- 
pflegt, aber auch die Schöprungen neuer, entschiedener Talente berQcksichtigf^; 
Es lag nahe, den Tondichtungen Schuberts Eingang in die Programme der 
Sonnleilhnerschen Aufführungen zu gewähren. — Ob ein Johann SonnIeithnei*0» 
der mit Schubert zugleich das akademische Gymnasium besuchte, zur Anbahnung 
der Bekanntschaft Schuberts mit dem Sonnleithnerschen Kreise beitrug, Hess 
sich nicht feststellen. Sicher ist aber, dass Ignaz von Sonnleithners Suhn, 
Leopold»)) lange bevcHr Schubert im väterlichen Hause vericehrte, Abschriften 
von Kompositionen Schuberts sammelte^) und bereits um die Zeit, als 
Spaun Schubert bei Sonnleithner sen. einführte 1H17), zu den leiden- 

schaftlichsten Verehrern des genialen Musikers zählte. Die persönliche Bekannt- 
schaft Schuberts machte er vielleicht bei der ersten Aufführung des .Prometheus' 
(im Hause Prof. Watterotbs, 24. Juü l8l6j^ bei welcher er im Chore mitwirkte. 
Das Werk Qbte tiefen Eindrudc auf Soiintdthner tm, und bald a^zte er es durch, 
dass eine Wiederholung der Kantate in einem der Freitags-Konzerte stattfand. 
Wie es scheint, wurde das — leider in Verlust geratene — Stüde mehrmals, 
zum letzten Male 1819, bei Sonnleithner aufgeführt 

Leopold von Sonnhüthner, bemüht, Schubert die Bekanntschaft einfluss- 
reicher PersOnlldikeiten zu vermitteln, brachte sdnen genialen Freund b« der 
ersten sich ergebenden Gelegenheit in das Haus der Schwestern Fröhlich. 
Diese ungewöhnlich begabten Mädchen stammten aus ehemals adeliger Familie, 
Der Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der später einen grossen Teil seines 
Vermögens einbüsste. Von seinen vier schönen und talentvollen Töchtern, 
Josephine (1808— 187SX Katbarina („Kathi% 1800—1879), Barbara (1798— 1879) 
und Anna (1793—18*)), verheiratete sich nur Barbara, eine begabte Malerin®«), 
mit dem Flötenvirtuosen Ferd. Bogner (1780—1846)''*), die drei anderen blieben 
ledig, suchten und fanden ihren Unterhalt und die höchste Freude ihres Lebens 
durch die Musik. Josephine, Schülerin Sibonis^'), war kurze Zeit Opernsängerin 
und, glddi ihrer Sdiwester Anna, die, dne Schülerin Hummds, als Gesangs- 
lehrerin am Wiener Konservatorium wirkte, eine Meisterin des bei canto. Ebenso 
wie diese beiden ging Kathi, die das Haus führte, ganz in Musik auf. Grill- 
parzer, der die Fröhlichs im Winter 1820—21 kennen lernte, sagt von ihr, seiner 
«ewigen Braut": .Wie Säufer in Wein, so betrinkt sie sich in Musik . . .* Ob- 
wotü auch Barbara ein eminentes Musiktalent, ausserdem im Besitze einer herr- 
lichen, wohlgeschulten Altstimme war, sind es doch vor allem die drei anderen 
Schwestern, die im damaligen musikalischen Wien eine keineswegs unbedeutende 
Rolle spielten. Sie standen „an der Spitze jenes musikalischen Dilettantismus, 
der die grossen, schöpferischen Meister umgab, ihnen den Weg bereitete, das 
empfänglichste Publikum für sie bildete und unermOdUch für die Vorführung 
von deren Meisterwerken tätig war.**^ »Uebertiaupt dürften die vier Schwestern 
FYöhUch fOr die Kunst, namentlicb für den Gesang, mehr gewirkt haben, als so 
manche europa-berühmte Amazone von der Kehle. "''^ 

Die Umstände, unter denen Schubert zu Fröhlich kam, ei zählt Anna 
Fröhlich selbst aufs lebendigste „Dr. Leopold Sonnleithner (Vetter Grillparzers) 
bradite uns Lieder, wie er sagte, von einem jungen Menschen, die gut sein 
soOen. Die Kathi setzt sich gleich zum Klavier und versuchte das Akkom- 
pagnement. Da horcht mit einem Mal Gymnich*) — ein Beamter, der auch 
hübsch sang — auf und sagt: Was spielen Sie denn da? Ist das ihre Fhan- 



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— 46 — 

tarne? — Nein. — Das ist ja herrlicb, das ist was ganz Aussergevvöhnlidiet. 
Lassen Sie doch sehen. Und nun wurden den Abend durch die Lieder ge- 
sungen. Nach ein paar Tagen führte Sonnleithner Schubert bei uns auf. Es 
war noch in der Singerstrasse 18, und dann kam er oft zu uns." 

In diesem Hause, in dieser Umg^ung wurde Schubert mit GriOparser 
bekannt Der junge Musiker, der vergebens Berührung mit Deutschlands 
grr)sstcm Dichter Goethe gesucht, fant^ sich unversehens an der Seite des ersten 
und bedeutendsten österreichischen Poeten. Nach einer Tradition '^i) war 
Schubert der Spieler am Kiavier, als Chllparzer seine Geliebte, Kathi, gleichsam 
mit Worten porträtierte in dem Gedichte: 

Als sie subOrend am Klavier sass. 
StiU sass sie da, die Lieblichste von allen, 

Aul horchend, ohne Tadel, ohne Lob; 
Das dunkle Tuch war von der Brust gefallen, 

die, nur vom Kleid bedeckt, sich atmend tiob; 
Das Haupt gesenkt, den L.eib nadi vom gebogen, . 

wie von den flieh'nden Tönen nachgezugen. . . ■ 
Bildete sich zwischen dem verschlossenen Griilparzer und dem genialen 
Musiker auch kein vertrauliches perscinliches Verhältnis heraus, so zählte der 
grosse Dramatiker doch zeitlebens zu den Bewunderern und — was. mehr ist -j 
SU den werictitigsleh Freunden Schuberts. Er stand 9im — wovon alsbald die 
Rede sein wird — bei seinem ersten Triumphe helfend zur Seite, und hat end* 
Hcb^'^nach dem allzufrühen Tode des Liederreichen, dessen Grabschrifl vertasst.'«*) 
Schubert hatte in dem Kreise all' dieser seltenen, von geläutertstem Kunst- 
sinn enüllten Menschen festen Fuss gefasst Man schätzte in ihm den lieben, 
guten, gebildeten Mensditin und erwartete von ihm als Kflnsiler das HO^ist^ 
erkannte wohl auch <fie GrOsse und Gewalt dte bereits von ihm GesdiafTenen. 
Da versuchte Leopold von Sonnleithner, Diabelli oder Haslinger für die Heraus- 
gäbe Schubertscher Werke zu gewinnen. Diese trockenen Geschäftsleute fanden 
die Sachen, vor allem der schwierigen Klavierbegleitung, der damals ungewöhn- 
licheren Tonarten und der Unbekanntheit des Autors wegen, für . ungeeignet 
siim Verlag. Ein gOnstiger Zufall griff b^end ein. In einer Solree Soim- 
leithners,'am 1. Dezember 1820, sang Gymnich den «Erlkönig", der, schon seit 
1815 komponiert, Vogl und Schönstein bekannt, aber offenbar noch niennals in 
grösserer Gesellschaft vorgetragen worden war. Der Erfolg war der denkbar 
grös^te. Bereits am 25. Januar 1821 trat Gymnich in einer Abendunterhaltung 
des- sogenannten kldnen Musikvereins — tines AUegers der Gesellschaft der 
MusikfireuAde — «mit demse11>en Liede öffentlich auf. Wieder herrschte grösster 
Enthusiasmus. t>ef anwesende Konq)onist wurde. dem begeisiMnen Publikum 
vorgestelt. — -. - 

• ■ Nun taten sich die beiden Sonnleithner, Grillparzei, Baron Schönstein* 
UniversitCtspedell SchOnauer'^ und ein Heer, Schflnbichler susarraiMai^ lie^äeii 
auf ihre Kosten den „Erlkön^'* Stedten und — Ende PelMröar Icommisskyns- 
weise bei Diabelli erscheinen. Um Unterschleif zu verhindern, wurden die 
Exemriare — deren noch m.inche existieren — mit einem S versehen und 
numeriert. In einer Abendunterhaltung bei Sonnleithner (andere nennen Kipse: 
w.-tter) verkündete Dr^ Ignaz v. Sonnleithner den anwesenden Gästen, da9S..die 
Ballade ersiebieiien sei worauf sogleich ' liuf .hundert Exemplare subskribiert 
^de. 'Durah dieser» Erfblg ermuntert, gabeU die edlen Ificene des Meiaisn 



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— 47 — 

zwölf HeTte seiner Lieder heraus und verschafften demselben durch den Erlös 
eine, für seine Verhältnisse geradezu glänzende lunnahme. — Wesentlich unter- 
stützt wurde die Aktion durch die Popularität, welche der .Erlkönig' infol>;e 
rasch auMnafider folgender Wiederholungen innerhalb kurzer Zeit gewann. 
Bei Pettenkofen wurde die lierrliche Bailade am 8. Februar 182t»*) gesungen, 
am 7. März 1821 trat Vogl in einer, von der Gesellschaft adeliger Damen*'') 
veranstalteten Akademie mit demselben Stücke vor das Publikum und erzielte 
durch seinen hinreissenden Vortrag eine beispiellose Wirkung. Die auf stürmisches 
Verlangen erfolgte Repetition war nur das äussere Zeichen der hochgehenden 
Boosterung. Schubert war mit einem Male ein gefeierter Mann. — 

Dass zwei andere Schubertsche Stücke, das Quartett „Das Dörfchen* 
(gesungen von Jos. Barth, Goetz, W. Nejebse und C. K. v. Umlauff» und „Der 
Gesang der Geister über den Wassern", die am selben Abende teils weniger 
gefielen, teils geradezu Befremden erregten^*") schädigte den ungeheuren Erfolg 
nicht Eigentlich hätten die beiden Werke das Staunen Ober die Bedeutung des 
neu erstandenen Genies nur ins Ungemessene steigern sollen, denn Schubert 
zeigte sich in denselben von einer ganz neuen Seite, als Komponist für Männer- 
stimmen, und gleich in einer Grösse, ilie wir heutzutage offenbar besser zu 
würdigen verstehen als Schu ^erts Zeitgenossen. 

^Das D^fchen* (aus dem Jahre 181? stammend), ein überaus schönes» 
echt • Schubertsches StOck, zugleich eines von den verhältnismässig wenigen 
Werken für Männerstimmen, die Schubert vor dem Jahre 1820 schrieb, besitzt 
bereits die eigentümliche Freiheit der Stimmen, atmet den vollen, gesättigten 
Wohllaut, die den Schubertschen Satz für Männerchor so sehr vor demjenigen 
fast aller anderen Meister «uisseichn«n *' 

Vor Schubert hat man lediglich Mozart, den Erfinder diesiBr Gattüng, su 
nennen. Von ihm übernahm unser Meister eigentlich nur Andeutungen, den 
Hinweis auf den neuen Weg. Was der Männergesang nach Mozart geworden 
ist, erschöpft sich ausser einigen genialen .Stücken C. M. v. Webers — in 
Schubert, der zeitlich der erste, inhaltlich der grösste Männerchorkomponist war 
— bis auf den heutigen Tag. 

„Der Gesang der Geister", das von seinen Zeitgenossen so arg miss- 
verstandene Stück, ist eigentlich das einzige Werk Schuberts, dessen Entstehen 
keinem Momente zu verdanken ist, sondern das in merkwürdig langer Arbeil 
heranreifte. — Der erste, rein musikalische Anklang an die Musik des Geister- 
thores findet sich in der G-dur Sonate aus dem Jahre 1815 (Ges.- Ausgi, Ser. X, 
No. 2). Im September 1816 t>eschäftigte sich Schubert zum ersten Male niit dem 
gewaltigen Goetheschen Gedichte, das er zunächst für eine Singstimme mit 
Klavierbegleitung setzte. Di^se Fassung ist nur zum Teil erhalten.'-") Sie hat 
mit den späteren Formen nahezu nichts gemein. Im März 1817 schreibt Schubert 
das Stock zum ersten Male für -vier-.Männerstimm^n.^') Er ist zur. Erkenntnis 
durchgedrungen, dsiss der sohwlrmeriadhe, 'grh^knnisvoUe Ton*, der MäriAe^ 
stimmen das richtige Organ für die Wiederspiegelung der ganz einzigeA 
Stimmung des Gedichtes sei. Noch ist der Chor ohne Begleitung. Einzelheiten, 
manches Charakterisierende, Malende der. endlichen Fassung beginnt sich geltend 
zu machen: so z. -B. die Abwechslting iler CbOre tleS den Worten: . 




Vom aiB-ntI kommt 



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— 48 — 

die (hier noch in langsamem Tempo) rollende Figur an der Stelle: 



voo drr ho 



hrn 



Bin«. 





das Sprunghafte der Stimmen 
bei den Worten: 

Man siebt, Schubert *•-«« «"w««« «». «».gi.fM 
hatte eine bestimtr.te Vorstellung von dem, was er wollte, das Werk stand in 
seiner Totalität vor seinem Geiste, das richtige Wort war aber noch nicht ge- 
funden. Es ist, als suchte einer in einem tinsleren Zimmer die Türe. . . 

Mit einer dritten, unvollendeten Bearbeitung aus dem Jahre 1820'*^) — dies- 
mal fflr Männerchor mit Klavierbegldtung — entfernt sidi der Meister etwas 
von seinem Ziele. Das StOck ist schlichter, weniger kühn als die vorige Passung. 
Dafür versucht Schubert das milde, versöhnende Element hervorzukehren. 
Gewiss ist diese Studie den sanfteren Partien des Werkes schliesslich auch zu 
statten gekommen. — Im Dezember iÖ2ü nimmt Schubert die Arbeii**"; nochmals 
auf und bringt dieselbe mit einem gewaltigen Ruck nach vorwirts. Hat er 
doch jelit bereits die Zuziehung tiefer Streicher (Violen und Vkdonoelto, denen 
er nachträglich den Kontrabass hinzufügte) als unerlässlich erkannt, hat er doch 
hier zum ersten Male auch diejenige Musik erfunden, die wir in der letzten, 
allgemein bekannten Version'") seines genialsten Männerchorweikes bewundern. 
Im Februar i8ii war Schubert mit sich in allem und jedem im Reinen und 
vollendete — jetit gewiss in efaiem Zuge — das Stack. 

Die viele — scheinbare verlorene — Mflhe war unerlässlich, um Schubert 
auf jene einsame Höhe vordringen zu lassen, auf welcher dieser Faust der 
Männer-Chor-Literatur ohne jegliche Nachbarschaft thront. Schubert hatte unter 
harter Arbeit, zuletzt aber wie mit einem Genie-Gewaltstreich, ein neues Gebiet 
erobert, gleich mit seinem ersten umfangreicheren Stocke das GrOsste erreicfaend, 
ein Feld bis in sehie tiefste Tiefe aufgeaekert, das nach ihm sahflose Nachahmer 
und Nachtreter der Länge und Breite nach bis zur Erschöpfung bebauten. 

Vom „Geistergesang" an liess Schubert in ununterbrochener Reihe alle die 
vielen Männerchöre folgen, die heutzutage ~ nebst einigen wenigen Stücken 
sndecw Meister — die klassische Literatur des Männergesanges bilden. 

Schubert, der nun zur vollständig abgeschlossenen Persönlichkeit heran- 
gereift, auf der Höhe seines Könnens stehend, sich im Besitze der Mittel befand, 
sein eigenstes Wesen in selbständiger, ihm allein zukommender Weise aus- 
zusprechen, hatte um dieselbe Zeit, als ihn immer wieder der .Geistergesang" 
beschäftigte, im !• ebruar iö2U in aller Sülle ein anderes grosses Werk geschrieben, 
dieOsterkantate »Lazarus" oder die Feier der Auferstehung""'), nach der Dichtung 
A. H. Niemcyers*^ Kaum irgend eine andere Komposition Schuberts ist so 
sehr Rcei^net, die beispiellose Begabung und künstlerische Freiheit des Meisters 
zu zeigen, wie dieses Oratorienfragment. Kein Vorbild beeinflussle ihn. Von 
Bach kannte er — nach Hüttenbrenners Angabe — sehr wenig, Händeische 
Werke hatte er zwar gehört und einzelne mit Begeisterung durchgespielt; als 
er aber selbst an die Arbeit ^ng, kam es wie feurige Zungen über ihn und 
er konnte In einer Sprache reden, wie niemand vor ihm. Br schrieb keine 



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' ^^^^ 



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— 49 — 



archaisierende, sondern eine durchaus moderne, spezifisch Schubertsche Kantate, 
voll lief erj^reifcnder, origineller, eines Genies würdiger Musik. 

Am eigentümlichstea berührt in derselben einerseits die dem Zuschnitte 
des heutigen Muaikdramas aberraacbend iteilidie Form, andererseits der fmAur 
als in allen Opern Schuberts sidi geltend machende starice dramatische Zug. 
Ob Schubert did bei manchen grossen Komponisten auflfallMlde Gabe inne- 
wohnte, im Lyrischen und Epischen so nahe an das Dramati;iche heranzukommen, 
dass man auf entschiedene Anlage für diese Galtung schiiessen könnte, diese 
Anlage sich aber im Falle der TheaterkomposiUon als unzulänglich erwies, oder 
ob Sdiubert wirklich das Zeug sum Opemkomponisten besass und nur durch 
seine schauderhaften TextbOcber von vornherein lahmgelegt wurde, %vird wohl 
stets eine offene Frage bleiben. Nach dem »Lasarus" könnte man den sweiten 
Fall für den wahrscheinlicheren halten 

Merkwürdigerweise war es dramatische Musik, durch ivelche sich die 
allgemeine Aufmerksamkeit Schubert zuwendete. Im Jahre i8ao wurden knapp 
nacheinander zwei seiner Theaterwerke aufgefOhrt: am 19. Juni im Kimthner- 
thortheater „Die Zu il ün^sbrüder""*), ein Singspiel, zu dessen Kom- 
posilion er durch Vogls V ermittlung von der Direktion des Opernthealcrs auf- 
gefordert wurde, am 19. August im Theater a. d. Wien .Die Zauberharfe"*^;, 
ein Zauberspiel von HofTmann, su dem Schubert Melodramen und ChOre ge- 
schrieben hatte. Keines der beiden Stücke hatte dauernden Erfolg. „Die 
Zwillingsbrüdet" wurden nur sechsmal, die „Zauberhai fe", deren Musik einiges 
Aufsehen erregte, zwölfmjl gegeben. Wenn man von dem Texte absieht, der 
in beiden Werken gleich schlecht war, so ist die Schätzung, welche das Wiener 
Publikum diesen Werken gegenflber durch sonen Besuch erkennen liess, 
ziemlich richtig: „Die Zwillinge hatte Schubert'', wie Spaun berichtet, „ohne 
grosses Interesse an der Sache geschiieben", die Musik zeigt kaum steüeinveise 
Zeichen der Herkunft von einem grossen Meister. Anders die „Zauberharfe-, 
dersn textilcher Uniergrund hie und da Schuberts rasch bewegliche und auch 
Minderes g'ekdisam vergoldende Pnantasie anzuregen imstande war. Nament- 
lich sind es die Melodramen, die oft durch Schlagkraft des Ausdruckes, durch 
höchst tiezeichnendes Kolorit'") überraschen. Man merkt es diesen interessanten 
kurzen Sätzen an, dass oft ein einziges Wort genügte, um m dem Komponisten 
gewisse Vorstellungen hervorzurufen, die er in charakteristische Musik umsetzte 
Als ein ganz modemer Zug fSllt in der „Zauberharfe** die mit unverkennbarer Rflck- 
sieht auf dramatische Zwecke er- ^ 



folgende Verwendung des Leit- 
motivs auf. Die die Ouvertüre 
eröffnende Gruppe: 
erscheint wiederholt und in ganz 



Mi ! i. 1 f: i ;i n 




bestimmter Absicht in der Musik. — DasMetodram ZU Anfang des dritten Aktes 
deutet die Umkehrung desselben an. 

Das AUegro-Thema der ^ — ^ ^ 

Ouvertüre: J^r^fi-T ? j 4 .^^^31^4^^ 

ist — nach Weberscher Art — 

einer Nummer des Stückes, einem Melodram (Part. Seite 140) entnommen. 

Uebrigens nicht der einzige Zug in der „Zauberharfe", welcher an den Meister 
des „Freischütz" erinnert, dessen Stern damals bereits zu leuchten begann und 
auf Schubert keineswegs ohne Wirkung blieb. — Bemerkenswert ibt, dass 

BtinADO, Frans S«hubwt 4 



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— 60 — 



Schubert, ahnlich wie es vor ihm Beethoven im „f'idelio" und nach ihm 
R. Wagner in den meisten seiner Opern getan, den dritten Akt mit einer 
längeren Instrumentalnummer erOflflnete. Iii dieser «Ouvertüre zum dritten Akte* 
— wie sie Schubert neruit — tritt sum ersten Male jener nuursciiartige Rhyth 

mus nuf, von dem Schubert in seinen dramatischen Werken so schwer los 
kam und der zum guten Teil deren eigentümliche rhythmische Monotonie mit- 
verschuideie. 

AUS dem Jahre 1820 stammt nodi ein dramatisches Werk unseres Meisters: 
.Sacontala''»^), das Fragment geblieben ist Jedenfalls ist dies sehr ni bedauern. 

Der poetische Stoflf hätte — selbst wenn die Worte von miltelmässigem Werte 
gewesen wären — auf Schubert sicherlich anregender gewirkt, als die Bieder- 
metcrspässe der .ZwilUngsbrüder", der lappische Theaterzauber in der »Zauber- 
barre* oder die altmodischen, spanisch-maurischen Helden- und Grassmuts- 
gescbichten in .Alfonso und Es^ieUa* und .Fierrabras*, sweier Stoffe, denen 
Schubert später — 1821 und 1823 — zum Opfer fiel. 

„In sehr glücklicher Jugendschwärmerei, aber auch in sehr grosser Un- 
schuld des Geistes und Herzens" wurde — nach des Textdichters F. von Schober 
- eigenem Worte — .Alfonso und Estrella*i'») geschaffen. Theatarkenntnis 
ging sowold dem Dichter, als dim Komponisten ab. Erffaidiniff besass nur 
Swhubert. Was Schober beisteuerte, war ein Gemisch von Liebe, Politik und 
Langeweile. Alles in spanischem Kostüm. Wie sich Schubert für dieses ge- 
spreizte Ritterslück mit seiner unklaren, uninteressanten Handlung begeistern 
konntib ist unerfindlich. Jedenfalls begeiferte er sich dafür, ja, er und Schober 
versprachen dch sogar sehr viel davon. »•) In der Zeit vom 2a Sep te mber bis 
16. Okt<te entstand der J. Akt, vom 18. Oktober 1821 bis 27. Februar der 
zweite und dritte Akt. An musikalisch Reizvollem ist kein Mangel. Gleich der 
erste Chor ist echter Schubert; frisch, unbefangen, klaräugig. Die Arie: .Sei 
mir gegrüsst, o Sonne* (No. 3) beginnt mit einem prichtigen Vorqdel in E»> 
dur, auch dia erste Furtie der Arie ist bedeutend; die swelie HiUte etwas gar 
konventionell. Eine interessante Stelle (.Schon schleichen meine Spalier* pp. 
a-moll) enthält das Duett No. 6. Bald darauf verfällt die Musik in bedenkliche 
Sorglosigkeit. Noch sind in diesem Akte der frische Jagdchor und die A-moU- 
Arie der Elstrella: „Es schmückt die weiten Säle" (No. 7), die prächtige C-dur- 
stelle (,Ja, hiSre du mein Fleh'n») im Duette No. 9, der Marsch und der 
eigentümliche Unisono-Chor im Finale zu erwähnen. Der swdte Aufzug 
mit dem hübschen „Lied vom Wolkenmädchen" (No. ii\ dem in seiner ersten 
Hälfte (in G-moll) höchst originellen Duett No. 12, einem brillanten, für die 
Bühne aber zu langen .Verschworenen* - Chor (No. 17) und der reizenden 
Sopran«Arie «Herrlich auf des Berges Höhen* (No. 2t) sieht musikalisch 
g^n den ersten Akt wenig zurück. Viel landläufige, wenn auch überaus 
gesund erfundene Musik enthält der driUe Aufzug. — Eigentümlich muten 
auch in diesem Werke die Anklänge an Weber an. Am 3. Oktober l'i'Ji war 
dessen „Kreischütz" in Wien zum ersten Male gegeben worden. Die No. 16 
des «weiten und 37 des dritten Aktes von «Alfonso und E^trella*, beide später 
als am iH. Oktober 1821 geschrieben, seigen unverkennbare Einflüsse des 
genialen Dramatikers. 

„Altonso und Estrella" wurde bei Schuberts Lebzeiten niemals aufgeführt. 
Schober legte die Oper 1825 vergeblich L. Tieck an das Herz, der damals in 
Dresden als .Theaterhofrat* fungierte. Die von Schubert anfangs für ver> 



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— 51 — 



heissungsvoll gehaltene, im Jahre 1823 stattgehabte persönliche Aussprache 
mit K. M. V. Weber — mit dem Schubert bereits 1822 brieflch verkehrt 
halte — rückte die Aussicht auf eine Aufführunji in Dresden sicherlich 
auch nicht in die Nähe. In Berlin verwendete sich die berühmte Milder'^i) 
dafür, musste aber bald dem Komponisten melden, dass ihre Bemühungen 
keinen Erfolg versprächen. Bei einem Besuche in Graz (1827) spielte 
Schuberl die Oper in Gegenwart Hüttenbrenners und Dr. Pachlers dem 
Theaterkapellmeister Josef Kinsk}' vor, der sich für das Werk interessierte. 
Da es den Anschein hatte, als wolle die Grazer Direktion „Alphonso und 
Eslrella" auf die Bühne bringen, Hess Schubert die Partitur bei seinem 

1^ Schubert. 




Schubertiade. .I^ndpartie nnch AtzenbrugK-* 
Originalphoiographie nach einem Aquarell von Leop. Kupelwieser. 
Im Besitze der Städtischen Sammtungenr- in Wien (Raitutus). 

Freunde Dr. Pachler. Es kam auch zu zwei Orchesterproben, nach welchen 
aber die Oper, als „viel zu schwierig", beiseite gelegt wurde. Erst 184» kam 
das Auto^raph, nach geradezu diplomatischen Unterhandlungen,'-») in die Hände 
von Schuberts Bruder F'erdinand zurück. Fr. l.iszt brachte „Alphonso und 
Estrella" am 24. Juni 1854 in Weimar zur ersten Aufführung; Karlsruhe folgte 
am 22. März isSi. Johann Xep. Fuchs, Hofk^pellmeister in Wien (1842 bis 
189t)», arbeitete die Oper um und brachte sie in dieser Form in Hamburg und 
Wien zur Darstellung. — Einen dauernden Gewinn für die Bühne bedeuiete 
„Alphon -0 und E^trella" nicht, irotz so mancher in der Partitur enthaltenen 
musikalischen Perle. 

Ein gut Teil dieses Werkes wurde während des Landaufenthaltes 
Schuberts in St. Pölten und dem etwa drei Stunden davon gelegenen Schlosse 
Ochsenburg geschrieben. Dichter und Komponist waren der im Hochsommer 

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— 52 — 



unerträglich heissen Stadt Wien entflohen und arbeiteten in ländlicher Stille 
eifrig an dem neuen Werke. Für Schober lag ein Grund, gerade diese Gegend 
vorzuschlagen, vor allem darin, dass das Schloss Ochsenburg einem seiner 
Verwandten, dem Bischof Hofrat von Darkesreither, gehörte. Hier oder in dem 
unfern gelegenen Azzenbrugg'-«) trafen Schobers Freunde alljährlich zu einem 
dreitägigen Feste zusammen, das mit Tanz, Spiel und Landpartien gefeiert 
NN'urde. Da Schubert, wie es scheint, ohne es zu wollen, als der geistige 
Mittelpunkt'^!») aller dieser Unternehmungen galt, bekamen diese, sowie ähn- 
liche harmlos-heitere Zusammenkünfte in Wien, den Namen .Schubertiaden".'««) 
Um Schubert, als den einzigen Musiker in dem Kreise hochstehender Männer, 
gruppierten sich feingebildete Beamte, einzelne Literaten — so späterhin Bauern- 
feld — und etliche Maler: Ludwig Schnorr von C'arolsfeld, Leopold Kupfelwieser, 
A.,W. Rieder und — „der malende Schubert", M. von Schwind. 

Durch J. Kenner, Schuberts Schul- 
kameraden, sollen Schubert und Schwind 
^^■^^hj^^ gjä 1821 bekanntgeworden sein. Diese VoUblut- 
^^H^^l^^^ H menschen, diese Ur-Oesterreicher mussten 
^^^^^^^^^^ einander unwiderstehlich anziehen. Wenn 

E 'S Schwind in einem Briefe an Bauernfeld'^^) 

W :^9flt 0^m sagt: ,.Man lebt so in der Gesindestube 

~' ¥m« seiner Seele dahin — was kann da lieblicher 

1^, "yMm j*^"^ heimlichen Prunkzimmer 

-'^^K zu kommen, wo das Feinmenschliche erst 

zur Sprache kommt, und das auf die un- 
gesuchteste W^eise und in aller Wärme," so 
gibt er damit den Schlüssel zum vollen 
Verständnis seiner lebenslangen Freund« 
Schaft mit Schubert. — Schwinds ganze 
Natur, die sich in jener Schuberts wie in 
einem Spiegel wiedererkannte, dazu sein 
feines Musikverständnis'-*) machten ihn 
besonders geeignet, in jene heimlichen 
„Prunkzimmer" der Seele einzutreten, die 
Schubert mit verschwenderischer Freigebigkeit denjenigen bereitete, die sich ihm 
so recht von Herzen hingaben, und in denen das Feinmenschliche wahrhaft in 
ungesuchtester Weise und in aller Wärme zur Sprache kommt. 

Das hohe Interesse Schwinds an Schubert äusserte sich auch in künst- 
lerischer Weise, indem er den jungen Tonmeister selbst, sowie viele Angehörige 
seines Kreises aufs Getreueste in vielen, gerade durch ihre Frische und Un- 
mittelbarkeil so wertvollen Zeichnungen verewigt und so gleichsam Schuberts 
Biograph mit dem Stift wurde. 

Selbst noch lange Zeit nach Schuberts Tode beschäftigte sich der be- 
rühmte Maler mit der Persönlichkeit seines unvergesslichen F'reundes. So ent- 
stand eine überaus reizende Zeichnung, deren Mittelpunkt Schubert abgibt, 
vierzig Jahre nach Schuberts Ableben, im Jahre 18 8. „Ich habe etwas 
gemacht, was gewissermassen eine Illustration zu Deinen Briefen eines alten 
Wieners vorsteilen könnte . . schreibt Schwind an Bauernfeld.'^») „Es wäre 
„Schubert am Klavier", der alte Vogl singend und die damalige Gesellschaft, 
Männlein und Weiblein, drum herum . . ."""•) 



Moritz von Schwind. 



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— &3 — 



Die damals gepflegte jugendfreudige Geselligkeit hatte für Schubert nicht 
nur den Wert, ihm Erholung zu bieten, sie wies ihm einen Wep, den vor 
ihm keiner mit solcher Entschiedenheit eingeschlagen hatte, den Weg zu einer 
Wiedergeburt der Tanzmusik aus dem Wesen des Volkstumes heraus. Was 
die Romantiker mit der Literatur versuchten, das tat Schubert hier mit dem 
Tanz. Der Menuett, der Modetanz seiner Jugendjahre, erschien ihm steif, 
unzeltgemäss. Der Puls seiner Zeit schlug lebhafter. Er suchte und fand den 




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Nach 



fm 

1. lenax L«chner. 

2. Pintrrics. 

3. Witifciek. 

« Frz Lüchner. 

5. Lorl Siohl (verehlichte 

Schrotxberg). 
Ä. Kr. Diei. 

7. Frau Sophie Harimann- 
l>iei. 

9. Frau Carol. Ilelzen- 

ecker-.Mungtll. 
9. Baron Schöniiein. 

10. Marie PInlertcs 

11. B. Kandlhariingcr. 



Schubert-Abend bei Spaun. 

einer Sepia-Zeichnung von Moritz von Schwind (i868). •■*•) 

f nriiofirJtphie von A. Fetzmann. 
BeslUe der ..Städtischen Sammlungen" in Wien {Rathaus). 



12. J. Gahy. 

13. J Siriger V. Arnstein. 
|4. Marrhofer von Grfln- 

bOhl. 

ts. Br. A. V. Dubblhof. 
lA Vogl. 
17 Scnubert. 

18. J von Spaun. 

19. Hartmann. 

20 Comt.Karol R.<iztert°a/y 
21. Anton von Spaun. 
2:. (Unbekannt.) 
2i. Frau Vo^l. 
24. L. KrflMle. 



25. I. F. «Nchnorr. 34. 

26. Jns. Kennrr. 3S. 

27. Ma'ie V. Ottenwaldt, 

geb. V. Spaun. 96. 

38. Neiii Hönig. verehlichte 37. 
Mayrholer CrOn- 

bühl -'8 

29. .M V. Schwind. 3< 

30. A W. Rirder. 40. 

31. Kupelwieaer. 4i. 
32 A. DIetiicn. 42. 
S3. Iherese Puffer (rereh- 43. 

lichte HAoiü, in 2 ler 
Ehe Gutnerz). 



F. von Schober. 
Junline von Bruchmarin 

verrhi. von Schober. 
R. Seligmann. 
E. Freiherr v. Keuchten- 

leben 
GriPparzer, 
F Kruchmann. 
Johann Srnn 
Michier J. Mayrhofer. 
Ed. von Bau. mfeid. 
J. CaMclli. 



Tanz seiner Tage, indem er dem Wunderhorn lauschte, dessen Urlaute aus 
den Heurigen - Schänken des Wieneru aldes und von den Tanzböden der 
Vororte- Wirtshäuser herüberklangen. ... Er fühUe sich als der Mann, diesen 
Heurigen, den das Volk genoss, zu edlem Wein umzubilden. So erwuchs ihm 
unversehens der „Ländler", der „Deutsche*, der Walzer in künstlerisch veredelter 
Form, mit immer wertvollerem musikalischen Inhalt. Durch diese Tat hat er 
die Vorbilder für den ihm geistesverwandten Lanner'^'b) und die, das Angefangene 
organisch und der Zeit entsprechend fortbildenden Johann Strauss sen. und jun. 



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— 54 — 




M. von Schwind. 

Von ihm selbst geirirhnet : aus einer Humoreske, 
im Resitte Frl. M. v. ttechs in Omunden. 



geschaffen, die französische Mode aus dem Ballsaale verdrängt und für Wien 
und Oesterreich die Führerschaft in der Tanzmusik der ganzen Welt erobert. 

Zunächst schuf er für seine geselligen Zwecke. Er spielte gern zum 
Tanze auf, die Freunde hörten ihm leidenschaftlich gern zu. U as ihm von 
seinen Improvisationen gefiel, merkte er sich und schrieb es auf. So entstanden 

nach und nach diese wundervollen ^deutschen 
Tänze", „Walzer" u. s. \v., die in ihrem Melodieen- 
Ueberflüss und ihrer feinen Form Muster gemüt- 
voller, echt nationaler Tanzmusik bleiben werden 
für alle Zeiten. 

Der tiefe Ernst, mit dem Schubeit der Kunst 
diente, ist auch aus seinen BezieJ ungen zur Tanz- 
musik deutlich zu ersehen. Anderen schien es ein 
f^eselliges Spie , er schuf während dessen, ein Bahn- 
brecher ohne alle theatralische Pose, eine neue 
Gattung. 

Für eine leichtsinnig oder obenhin aufgefasste 
Kunst hatte er kein Verständnis Es ist in diesem 
Sinne höchst charakteristisch, was Bauernfeld 
über ihn in seinem Tagebuch"') notiert: „Dessauer erzählte mir heule, dass 
Schubert eines seiner Lieder gelobt D<issauer meinte: es sei nur zu traurig. 
— Schubert erwiderte: 
Kennen Sie eine lustige 
Musik? Ich nicht!" — Auch 
die Berichte verschiedener 
Freunde und Zeitgenossen 
über Schuberts Bereitwillig- 
keit, am Wirtshaustische 
schnell etwas zu kom- 
ponieren und Aelml. sind 
mit grösster V'o.sicht auf- 
zunehmen, wenn nicht 
ganz von der Hand zu 
weisen. So wird erzählt, 
Schubert habe das .Ständ- 
chen „Horch, horch" im 
Gasthause zum „Biersack" 
in Währing auf die Rück- 
seite einer Speisekarte ge- 
schrieben. Das Autograph 
steht nun auf starkem 
Regalpapier und keines- 
wegs auf einem einzelnen 
Blatt, sondern in einem 
Hefte, das mehrere Lieder 

enthält und dessen No.enlinien von Schuberl selbst sorgfältig mit Bleistift gezogen 
sind. So wie die Mär von der Speisekarte, ist wo^il die ganze Erzählung erdichtet. 

In musikalischer Gesellschaft mag der Meister ausnahmsweise tinmal 
' seh etwas entworfen haben. So erzählt Hütlcnbrenner, er habe einmal seinen 




1 1 3 4 S 6 8 7 

Schübe rliade: 

CcscUschnftssipicI: Das erste .Mcn«ohenpoar und die Schlange. 
Nach einem Aquarell von Leopold h'iipelwirser /182I/ im Besitze der 

städtischen Sammlungen" in Wien iRatttaus}. 
I. MayrAofer 2. Schufuri; J. Sdoher; 4. Kupelwicser; S. Jcnger; 
6. l>rriT«l; 7. Uoblhoff; «. Spaun. 



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— 55 — 



Freund (Schubert) gefragt, ob er nicht auch versuchen wolle, Prosa in Musik 
zu setzen, und wählte zu diesem Behufe den Text aus Joh, VI. K. 59. V.: 
„Dieses ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist" u. s. w. Schubert ,.löste 
diese Aufgabe herrlich in 24 Takttn", indem er hierzu „die feierliche Tonart 
E-dur erwählte und diesen Vers für eine Sopranstimme mit Begleitung des 
bezifferten Basses" setzte. — Auch diese Erzählung ist nur zum Teile genau 
und mischt Richtiges und Unrichtiges. In der Wiener Schubert-AussttUung 
befand sich ein Blatt"'), worauf ein berühmter Schubertischer „Deutscher'* 
mit einer übermütig lustigen Widmung an Assmayr. Die Rückseite des 
Blattes enthielt nun eine Stelle aus Joh. Kap. VI., V. 55—67: „In 
der Zeit sprach der Herr Jesus; Mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speis, 
u. s. w." Das Stück brach ab, ein „V." deutete aber an, dass dasselbe 
eine Fortsetzung gehabt habe. 
Dem Verfasser gelang es, diese 
F'ortsetzung, welche tatsäch- 
lich den von Schubert kom- 
ponierten Vers „Dies i.st mein 
Brot'"/' enthält, im Nachlasse 
Hüttenbrenners, und zwar von 
diesem nach Schuocrts Hand- 
schrift kopiert(nichtinSchu erts 
Autograph) zu entdecken.'^') 
Das herrliche Stück, welches 
hier zum ersten Male veröflent- 
licht wird, begann keineswegs 
mit den Worten: „Dieses ist 
das Brot ', und Hüttenbrenner 
kann Schubert daher nicht 
nur diesen Vers zum Kom- 
ponieren vorgelegt haben. 
Hüitenbrenner hatte die über- 
aus merkwürdige Komposition 
und wohl auch die Kopie so 
gut verschlossen, dass er sie 

bei der Abfassung seiner Memoiren nicht wieder aufTand und nach dem — 
bei bestem Willen trügerischen — Gedächtnisse berichtete. 

Dieser verschlossene und verschliessende Mann trägt auch Schuld, dass 
eines der bedeutendsten Werke Schuberts, die unvollendete Symphonie in 
H-moll'**), erst 1865 — durch Joh. Herbeck — ans Licht gezogen und der 
Welt bekannt wurde. — Seit 1HJ3 oder 24 schlummerte dieselbe in der „Obhut" 
Hüttenbrenners. Das Werk war ihm zur Uebermittlung an den steiermärki- 
schen Musikverein von Schubert übersandt worden, der dadurch seinen Dank 
ausdrücken wollte für die — durch J. B. Jenger'**) angeregte — Ernennung 
zum Ehrenmitgliede dieses Vereins. 

Die H-moll - Symphonie ist — aus unbekannten Gründen — ein 
Torso geblieben. Trotzdem zählt sie — ebenso wegen ihrer hohen Originalität, 
als wegen ihrer meisterhaften Ausführung — zu den kühnsten Werken sym- 




J. R. Jenjjer, Anselm Hült nbre^ner u. Fr. Schubert. 

Nach finrr Originalirichnun^ von J. Tellscher im DesiUe 
ttau Ida von SchwttUer's igeö. v. KleyU). 



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- 66 — 



phonischer Kunst Mit einem 
druhenden pp Unisono der 





beginnt der i. Sats (AUegro moderato); sogleich nehmen die Violinen ein wie 
ferner Regen .rauschendes Sitz- . . 

chen auf: ^ f ^-f j^ f^ ^ 

zu dem dann Hoboen und Klari- 
netten ein schmerzU.h-klagendes Thema anstirrmen: 

Diese Melodie Steigert sich bis 
zu einem heftigen fz-Ab- 
schluss in H-molI, dem nach 
ein paar \vunJer\oll überleitenden Takten das weltbekannte, ganz einfach be- 
gleitete Gesangsihema: vioi<,r.r«-ii» 




folgt. Plötzlich reisst dieser 
mild-tröstliche Satz ab; kräftige. 



wieder 



harte Akkorde erklingen, die Geigen schreien in die Höhe 
versuchen sich Teile des Gesangsthemas geltend zu machen, 

I 1— bald bekommen aber auch diese, durch ihr 






Staccato, ein strenges Aussehen, es drängt 
gegen einen scharfen Abscbluss in G>dur, dem 
noch ein rührender, mit Nachahmungen aus 

dem Gesangsthenia herge- . ^ s 

stellter Abgesang folgt: 
Auch diese Gruppe wird durch 
ehien herben unisono Bin- 
satz auf H gleichsam äbgß- 
schnitten. Der l^atz versinkt wieder in tiefe Trauer, wie anfangs Repetition. — 
Die sogenannte Durchführung enthält eine der ergreifendsten Stellen der ge- 
samten Musikliteratur. Dumpf grollend beginnt sie mit dem allerersten 
Unisono-Thema des i. Satzes (jetzt aber in E-moU); die Bisse sinken hoflhungs- 
los hinab auf das tiefe C, ober wetehem nun ein herzzerbrechendes Klsgen der 
Geigen, Violen und Fagotte anhebt, zu dem sich tief unten die Bisse, gewitter- 
schwangeren 




V.Grtlll| 
«.C.B. 



Wolkenmassen gldch, heraufwälzen .... Wie ferne Lichtblicke erscheinen 
ein paar Mal dazwischen Andeutungen des Gesangthemas, um so^eich wieder 
in den fahlen Nebeln des düsteren Nachtgemäldes zu erlöschen. Immer herber, 
unwilliger wird der Sau, Teile des Hauptthemas bekämpfen sich: 




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- 67 — 



dactt prasadt das rauschende Geigenmotiv des Anfangs, nun wie Hagel, hernieder, 
es drängt zu einer Entscheidung! Strahlende ßlechakkorde fallen schmetternd 

ein, um gleich darauf wieder im pp zusammen zu sinken Die Kraft ist 

erschöpft ... der Satz lenkt zum Anfang (H-moU) mit seinen Klagen zurück, 
die ganze erste Psartie erscheint wieder, und mit einer tiefschmerzlichen, aus 
dem ersten pp-unisono-Thema gebildet«!, Schlussgruppe endet das ersdiQttemde 
TonstQck. 

Aeusserlich ruhiger, aber dennoch voll tiefer Wehmut ist der 2. Satz, das 
Andante con molo. 





Die zwei, dem eigentlichen Thema vorausgehenden 
diesem Satze eine bedeutende 
Rolle, denn alsbald wird die stark (f 
markierte Achtelbewegung über || 
mächtig; und stellt sich der Ober- (e 
Stimme selbstherrlich gegenüber: 
um aber dann bald vor der milden Melodie zu 
zerstieben. Ein zweites, breites Thema hebt sanft 
klagend die Klarinette an: 
bald darauf erscheint es, breit und A 
mächtig einherslapfend, in den Bässen: 
dann wieder in weicherer Form nach- 
geahmt: 



Takte spielen in 






nach Durchführung des >— ^ i tritt wieder das Haupllhemu auf, ^aan 
il^ytmiscben Fragmentes f 6f If der 2. Gesang bi A-molt (diesmal nicht 
In der lOaiinette, sondern in der Hoboe), worauf die Gruppe A in der Verkehrung 
erscheint: ^ ^ ij^ 

Mit Ableitungen aus 
dem ersten Thema ver- 
lischt der Satz. (WMi 

Ehe Schubert diese 

zwei, wie mit Cydopenhand hingestellten Sätze schuf, hatte er, im August 1821, 
eine ganze Symphonie in E**') skizziert, die wieder in anderer Art, wie jene in 
H-moU, unvollendet gelassen wurde. Er hat dieses blühend erfundene Werk in 
einem Flusse in Partitur hingeschrieben, die wichtigsten Stimmen zu Papier ge- 
bracht, die Detail>AnfQhrung aber — vMleicht nur ein paar Tage — verschoben. 
Uet>er neuen Arbeiten kam er nicht mehr dazu. 

Nach einer Adagio-Einleitung kommt das Hauptthema des 1. Satzes 




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— Ö8 — 



dum das Gesangstbema, von dar A-Klarinette vorgetragen: 



dies, neben einem kräftigen punktierten Motiv, das Hauptmaterial Jes f^atzes. 
Das Andante besitzt das schöne, rhythmisch eigentümlich entu ickelie Thema; 

, Andant« eoa «oto. 





Das Scherzo beginnt: 




das FInala 




J. Brahms dachte einmal einen Augenblick daran, das Werk in aUan 

Teilen auszubauen. Bald erkannte er die Unmöglichkeit. Ein tOchtiiger 
«rglischer Musiker hat das getan, was Hrahms unversucht Hess. 

Schubert, der sich nun der meisterhaften Beherrschung grosser Kon- 
zeptionen völlig sieber wusste, schrieb bald nach der H*moll Symphonie sein 
gewaltiKStes KlavierstQck ,.Die Wanderer-Phantasie'' op. i:."") Zeitlieb das 
erste in solchen Dimensionen einheitlich entworfene Klavier-Solostück, ist die 
Phantasie bis zum heutij^en Tnge ein we thinragendes, in seiner gigantischen 
Art einzig dastehendes Denkmal unserer an Schönem und Gewaltigem doch so 
aberreicben Klavierlitteratur geblieben. 

Das „ Wanderer*-! hema (»Die Sonne dOnkt mich hier so kalt*^ ^ 
Schubert der Phantasie zu Grunde l^te, klingt schon in dem ener^schen 
Anfang^themu derselben: 

AI I»Kro con fuoco ma crni troppo. 
^3 





an. Der Rhythmus 

der ersten 3 Noten 



ist ohne den Auftakt derselben, wie an Jener 
Stelle des Liedes, und kehrt auch in dem ersten 



Ableger des Themas, der schönen £-dur StcUe: 




wieder. Bald darauf wird der erste Gedanke aufgenommen, liegt aber der Hauf>t- 
sache nach in 
derUnterstimme: 
Nun Werden ein- 
zelne Motive des 




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~ öa — 



Themas — unter Zuziehung 
von Nebenstimm^ — durch- /s^^ 

geführt, in gerader - 
oder Gegenbewegung. 





Aus dem Motivcfaen 6 
entwickelt äch eine Art 
Gesang^ema: 



das Schubert breit mit feinster AusnQtzung ' des modernen Klaviers ausführt 
Wieder meldet sich das Haupi- a« tt» tf '^t t 0 , 

■ m u f U i 'tU ' 



Ihema an: 

Das pochende Motiv 
liegt der gansen nichsten Partie su 
Grunde, vor Allem dem schönen 

Uebergang: 
der,schliesälich zu 
<lem,-in Cis-motl 
erscheinenden 

nWanderer"- 

Thema hinüberleitet, das nun in freier Weise paraphrasiert wird. Gegen Ende 
dieses Adagiosatzes — weniger Variationen als Glossen d.s ber ühmten 'l'hemas 

darstellend — entwickelt sich 1 ^^HvLBB welchem plüizlicli, 

immer mehr und mehr ein 





wie mit einem Satze, 
Beglel'ungsmotiv * das Hauptthema des 

Scherzos 




hervorspringt, das wieder iiiohts ist, als eine Umformung des allerersten Themas 
der Phantasie. (Das charakteristische Motiv 2 ZU beachten!^ Im Laufe der 
Fortsetzung blüht mit einem Male 

eine neue, reizende, durch das Ajf^.yj' J l Y' f ^ f ^f^ f f ^ T -^&te 
Motiv 8 angeregte Melodie auf: 

deren Rhythmus aus der ganzen darauffolgenden Parthie hervorklingt. Dem 

Gesangsthema 7 nachgebildet ist der sich nun anschliessende Des*dur Teil — 
man könnte ihn das 1 rio des ^Scherzo nennen — 




auf welchen, abrundend, wieder das Scherzo folgt, das sich unter Zugrundelegung 
desRhythmus ' * J * immer mehr steigert, bis es auf der Dominante von C 
abbricht, um dem letzten Abschnitt der Phantasie, dem Schlusssatze (AlkgroX 



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— 60 — 



PUits zu RMchen. 



Das Thema desselben 




ist aus Teilen des aller ersten Themas gebildet and in tosserlich Ihnlictier 
Form bereits in 5 angedeutet Anfangs fuglert, wird der Satz unter mandieriei 

Rückbeziehungen auf den ersten Satz in freier ' m m d rhythmisch den 

Form fortgeführt, wobei die Notengruppe 1 U Ton angiebu Selbst 

in den letzten Takten 
des ganzen Werkes 
vermag man noch 



eine Vergrifsserung 
desselben 




Iii 




zu erkennen, 
j Die Ungezwungenheit der Polyphonie in 
diesem Finalsätze zeigt, wie tief Schubert in 
den Geist des Kontrapunktes eingedrungen ist. Trotz der strengen Form schreibt 
er Scbubertsche Musik, spricht er seine eigene Sprache. - N'ur e-nigen Aus- 
erwählien ist dies gelungen. Die meisten fallen sogleich in Bachs Ausdrucks- 
weise, sowie sie nur den Versuch machen, polyphon zu schreiben. 

In ähnlicher Weise, wie sich Schubert mit «ineni Gewaltwerke, dem , Ge- 
sang der Geister", ein neues Gebiet eroberte, so stand er mit der »Wanderer- 
Phamasie" plötzlich als ein Mächtiger auf dem Ke'de der Klavierkomposition da. 
Dort wie hier liess er nun eine Reihe unendlich kostbarer Werke folgen, dort 
wie da geradezu neue Gattungen schaffend. 

Das „kleine Klavierstück", das bis in unsere Zeit hinein in so poesie- 
und geistvoller Weise gepflegt wurde, hat Sdiubert ber^ auf sdne volle HObe 
gebracht. Den ersten Anstoss zu kleinen Klavierpoesien hat wohl Seb. Bach**^) 
durch manche seiner wundervollen Präludien zu den Fugen des „Xv'ohltemperierten 
Klavieres" gegeben. Beethoven machte mit seinen „Bagatellen" den nächsten 
Schritt, ohne öfter als gelegentlich auf diesem Wege fortzuschreiten, den nach 
ihm entschiedener erst W. J. Tomaschek (1774—1830, wie Dr. L. Scheibler in 
Bonn bemerkt. ,von 1811 — bis vor Schubert der Hauptmeister der Im- 
promptuform") und dessen Schüler Worzischek, den Schubert wohl bei 
Kieseweiter kennen lernte, weiter und mit Erfolg gingen. Schubert — 
dem d.ese kleine Form nicht „bagatell" erschien — kam mit dem hell- 
sehenden Auge des Lyrikers an das Ideine KlavierstQck heran. Hatte er In 
seiner, ihm selbst die Bahn brechendMi HWanderer*PhantasiS" an bdunntes 
Lyrisches angeknüpft, um den Sinn des Spielers oder Hörers, gleichsam durch 
ein Citat, in ganz bestimmter Weise zu beemflussen, so tat er unausgesprochener- 
massen in seinen »Impromptus", den »Moments musicals" u. dgl."";, in derselben 
Richturg Schritt flir Schritt nach vorwärts. Mit diesen entzQckenden Klein- 
kunstwerken schrieb er die ersten „Lieder ohne Worte", aber in um so viel 
weiterem, tieferem Sinne, als er dem Erfinder dieses Titels an Weite des Em- 
pfindungskreises, an Tiefe des Gemüts überlegen war, und drückte den poetischen 
Gehalt mit einer Deutlichkeit, einer Wärme und Inbrunst aus, die nur einem 
so gewaltigen, im Ausdruck tausendfältiger Stimmungen zu höchster Meister- 
sdiaft gelangten Lyriker erreichbar war. Diese Musik kann fast ^wechm, abw 
ihr grOsster Reis beruht darin, dass sie es doch nicht kann. 



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— 61 — 



Im Jahre i8_' j, in welchem Schubert die H-moU-Symphonie, die „Wanderer- 
Phantasie", ausserdem wohl einen gewichtigen Teil der grossen Messe in As 
schrieb, scheint er, wie gewöhnlich wohl aus Geldmangel, Wien nicht auf längere 
Zeit verlassen zu haben. Erst im nächsten Jahre, i8'_'3, tinden wir ihn wieder 
in seinem geliebten Oberösterreich. Wahrscheinlich hat ihn auch diesmal Vogl 
eingeladen, mit ihm zu reisen. Ein bisher ungedruckter Brief'*") Schuberts an 
Schober bezieht sich auf diesen Ausflug. 

Ste^'r, den 14. August 1823. 
Lieber Schober! 

Obwohl ich etwas spät schreibe, so hoffe ich doch, dass Dich dies 
Schreiben noch in Wien trifft'*')- Ich korrespondiere fleissig mit Schäffer'*') 
und befinde mich ziemlich wohl. Ob ich je wieder ganz gesund werde, be- 
zweifle ich fast'**). Ich lebe hier in jeder Hinsicht sehr einfach, gehe fleissig 
spazieren, schreibe viel an meiner Oper und lese Walter Scott. 

Mit Vogl komme ich recht gut aus. Wir waren miteinander in Linz, wo 
er recht viel und recht schön sang. Bruchmann'**), Sturm'*^) und Streinsberg'*^) 
besuchten uns vor einigen Tagen in Steyr und 
wurden ebenfalls mit einer vollen Ladung 
Lieder entlassen. Da ich Dich schwerlich vor 
Deiner Rückreise noch sehen werde, so wünsche 
ich Dir nochmals alles Glück zu Deinem Unter- 
nehmen, und versichere Dich meiner ewig 
währenden Liebe, die Dich auf das Schmerz- 
lichste vermissen wird. Lass', wo Du auch 
seyst, von Zeit zu Zeit etwas von Dir hören 
Deinem Freunde 

Franz Schubert mpia. 
Kuplwieser, Schwind, Mohn'*') etc. etc. ,an 
die (unleserlich) bereits auch ge- 

schrieben ist, grUsse ich a]le(s) herzlich. 

Meine Adresse: 
Stadt Steyr, abzugeben L 
am Platz, bey H. v. Vogl. |Jf 

Gegen Ende September war Schubert 
wieder in Wien'**), wo ihm bald darauf die Michicl Vogl und Franz Schubert ziehen 
freudige Nachricht zuging, dass sowohl er als »us tu K«mpf und Sieg. 

,. »»1 r>u BleistUtieUhnunt \vermutlicH von Schober) aus 

Vogl vom Lmzer Musikverein zu Ehren- dem BesiUe des HermRob.KUnkhardt in Leipzig. 

mitgliedern'*') ernannt wurden. Die beiden 

Künstler hatten wohl ausser ihren lieben Freunden Spaun und Stadler, die 
damals in Linz weilien, ein paar einflussreiche Gönner gewonnen '"). 

Die Oper, von welcher Schubert in dem obigen Briefe spricht, ist 
Fierrabras."'*') Diese Oper komponierte Schubert gewissermassen für Barbaja, 
den damaligen Pächter des Kärnthnerthortheaters. Jos. Kupelwieser, Bruder 
des Malers, Sekretär im Josefstädter-Theater, lieferte das Textbuch, das unter 
dem 22. Juli 1823 von der Censur approbiert wurde. Es war wirklich 
niemandem gefährlich — den Komponisten allerdings ausgenommen. Schubert 
erkannte diese Gefahr — wieder die Langeweile — nicht und stürzte sich mit 
Leidenschaft auf die Arbeit.'**) In vier Monaten lag die Oper fertig da. Zu 
einer Aufführung kam es nicht, da Barbajas Vertrag im März i8j5 zu Ende 



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— 62 — 



ging und die neue Leitung aiil das Werk nicht reflektierte. Schubert hatte 
wieder einmal im wahrhaften Sinn des Wortes umsonst gearbeitet. 

So wie in den meisten dramatischen Werken Schuberts ist auch in 
«Fierrabras* viel muslkaliscb Schönes, Eigentamtiches enthalten. Die Oper beginnt 
mit einem allerliebsten Chor mit Sopran-Solo. Das darauffolgende Duett ist 
zwar echt Schuherlisch, aber etwas maniriert. Die Xo. 3 ein Chor-Marsch mit 
dem Tno in G-Dur. „den Sieker lasst uns schmücken-, ein durchaus originelles 
Stück. Die Verwendung des Piccolo im Trio überaus charakteristisch, witzig. 
Viel Wertvolles enthält die umfangreidie Na 4 und die darauffolgende 5. Szene, 
so geradezu ^>rechende dramatisdie ZOge in den begleitenden Recitaliven,"*) 
originelle Einfälle in der Instrumentation, vor allem aber den reizenden Chor 
»Der Landestöchter fromme Pflichten." Das dramatisch bewegte 1. Finale be- 
ginnt mit einer anmutigen A-mo 1 Tenor-Romanze, die sogleich darauf in einer 
Nachbildung in A>dur vom Sopran vorgetragen wird. Darauf ein interessantes 
Nacht-Stimmungsbild (Fierrabras im Garten), in welchem die tiefen Violen aüv 
charakteristisch benutzt sind. (S. 166.) Das Schluss- Ensemble effektvoll, über- 
aus klangschön, sehr breit. Im 2. Aufzuge zeichnet sich ein Marsch in D moll 
(N'o. 8) durch begehst originelle Krtindun>; aus. Die an dieser Stelle mögliche 
dramatische Spannung — Mauren lauern einem Zuge von Rittern auf — wird 
durch die darauffolgende — wenn auch musikalisch sehr hübsche Clior>Nummer 
«Was mag der Ruf bedeuten" (S. 246) und durch die ebenfalls durchaus un- 
dramatische 4. Szene'") zerstört. Mit Ausnahme des Terzetts (No 12. und der 
präcntigen, harmonisch oft sehr überraschenden Arie No. 13 ( „Die Brust gebeugt 
von Sorgen") bleibt der 2. Akt nur auf mittlerer Höhe. Im Finale fällt ein 

Ii^otiv auf, das ähnlich bereits in der t.y^, l. 

«Zauberharfe* vorhanden war. Der ~ | fc- i '* | f, 7. f J l p I T 
3. Akt enthält ein wertvolles Quartett 

(No. 19), eine sehr schöne F-moU-Arie mit Chor (No. 21), einen eigentümlichen 
Trauermarsch, in (H-moll), ein frisches, kräftiges Schluss- Ensemble. 

..Fierrabras" ist gleich „Alphonso und Estrella" eine „Buch- Oper' ge- 
blieben. AU die viele sdiOne Musik ist vergebens geschrieben worden. Unsere, 
im Dramatischen so fein empfindende, ja überempfindliche Zeit mit ihrer Sudit 
nach starken Wirkungen wird kaum ein Werk zum Leben erwecken wollen, 
das in den gemütlichen Tagen der zwanziger Jahre als undramatisch erkannt wurde. 

Sowohl bei „Alphonso und Estrella", als auch bei „Fierrabras" trifft die 
Hauptschuld den Textdichter. Ist Kupetwieser mit dem Theatar audi etwas 
besser vertraut, als Schober, so leidet er doch, wie jener, an dem totalen 
Unverständnis der Rolle, welche die Musik in der Oper spielt lUid — bei so 
nahen Freunden des .\lci.sters ist dies besonders befremdlich - noch grösserem 
Unverständnis dessen, was man Schubert hätten bieten müssen, um ihm den Hoden 
für ein »irkliches, seine Kräfte auslösendes Theaterwerk zu bereiten. Offen- 
bar sahen sie nur den Liederkomponisten in ihm und waren ängstlich besorgt, 
sobald als möglich von einem lyrischen Ruhepunkt zum anderen zu gelangen. 
In dieser Sorge gingen sie so weit, dass nun die Arien, Duette und oft auch 
de Ensembles neben u d nicht in der Handlung stehen. Der beste Stoff 
für die Nummern wird in ein paar einleitenden, als Recitativ kornpünierlen 
Sätzen vorweg genommen; das dramatische Interesse ist erschöpft sobald der 
Sänger den Mund auftut um ein Musikstück zu beginnen. Die Albernheit 
vieler Textdetails flUt gegenüber diesem Kardinalfehler weniger schwer in die 



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- 63 — 



Wagschale. Wären die Stoffe der Stücke spannend, deren dramatischer Aufbau 
korrekt, wären die Nummern mit Rücks cht auf einen bestimmten dramatischen 
Zweck richtig dispuniert, so könnten kleine Uichierische Entgleisungen dem 
ganzen nichts anhaben. 

Alle Schuld allein auf den Lihrettisten su schieben» wfira aber un^^recht 
Sieht man sich die Musik der zwei grossen Opern Schuberts an, sr) muss man 
zur Erkenntnis kommen, dass Schubert — mag der Grund immeriün in der 
geringen Anregung durch die iexte gelegen sein — in keiner deräelt>en sein 
Höchstes, GrOsstes gab. GeniezQge, wie sie fai zahllosen fdner Lieder, Klavter- 
und Chorwerke, in den Quartetten und Symphonien oft dicht aufeinandirfolKen« 
sind in den zwei Opern nur vereinzelt zu finden Pm so behag icher drückt sich 
der Meister in immer neuen V^arianten seiner Lieblingswendunpen aus. Kaum 
in einem anderen seiner Werke ist so viel persönlich Schubertisches enthalten, 
als in den swei grossen Opern, aber mehr das Gewohnheitsmässige, wenn auch 
von ihm selbst ErftindOM. Dieses Sich-gehen-lassen, <fiese8 Vonviegen des 
Subjektiven ist gerade in der Oper, wo der Komponist die möglich Me Charak- 
teristik anderer, seiner Bühnen-Gestalten, anstreben m.uss, entschieden vom 
UebeL Dazu kommt, dass Schubert, unbekümmert um die Korderungen des 
Theaters, deren oberste: KQrze heisst, seine Musik fortentwickelt, in ChOren 
die Textworte bdielng wiedeiiwlt und nur gar selten aur eine genügende 
dramatische Steigerung bedacht ist. Schubert scheint den gewissen Grad von 
Feldherrn- oder Taschenspieler -Schlauheit, deren kein Theater- Dichte oder 
-Komponist entbehren kann, nicht besessen zu haben, jene künstlerische Hinter- 
hältigkeit, die den Effekt klug vorbautet, ohne ihn vorzeitig tu verraten, dabei 
die Kunst, das Publikum ab» dennoch insoweit in die Karten schauen ro 
lassen, als es die Erweckung und fast bis zum Unerträ<^lichen fortschreitende 
Steigerung des Interesses notwendig macht, die Fähigkeit, den Hörer zugl ich 
zu befriedigen und zu überraschen, kurz — das Talent des musikalischen 
Regisseurs. Schubert plaudert mit seinem ZuhOrer. statt ihn gelegentlich zu 
flbemimpeln, su unterwerfen. Beim Theater gilt aber keine Kameradsi.haft. 
Beachtet man nun noch, dass Sdlubert die Vorspiele zu den Nummern zuweilen 
interesselos hinschreibt, die Chöre oft nur auf dem gemütlichen Wechsel von 
Tonica und Dommante aufbaut, im Rhythmischen überaus sorglos verfährt — 
de mdsten seiner Opemnummem, oft drei oder vier nacheinander, Sind im 
oder */rTakt, wobn es von Marsdiartigem wimmelt — , so kann man Schubert 
nicht ganz von aller Mitschuld an dem Missglücken der beiden grossen Opern 
freisprechen, wenn dies auch — um des vielen darin enthaltenen Schönen 
wüien — tief zu bedauern bleibt. 

Wie Wertvolles, Lebensfähiges Schubert trotzdem auf dem Gebiete der 
Theatermusik unter gewissen Bedingungen hervorbringen konnte, zeigt sein 
Singspiel „Die Verschworenen",*") bekannter unter dem der Censur weniger 
bedrohlich erscheinenden Titel: „Der häusl iche Krieg", das der Meister knapp 
vor der Inangriffnahme des „Fierrabras" geschrieben hatte. Das Textbuch von 
J. F. Castelli führt mehr einen Scherz, als einen Konflikt in dramatischer Form 
vor. Die Frauen der aus dem heiligen Kriege heimkehrenden Ritter beschUessen, die 
Männer bei ihrer Ankunft frostig zu empfangen und dadurch für ihr langes 
Fembleiben zu bestrafen. D e Ritter, durch einen Zwischenträger von dem Vor- 
haben verständigt, beachten die Frauen nun ihrerseits gar nicht und setzen sich, 
ohne die durch ihr Beginnen Bestürzten auch nur zu begrüssen, zu emem 



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- 64 - 



Bankett nieder, bei dem sie zum Schein erklären dies wird wieder den 
Frauen hinterbracht — , nochmals in den Krieg ziehen zu wollen, ohne den 
Frauen den kleinsten Beweis von Liebe gegeben zu haben. Nur Eines könne 
sie umstimmen: die Frauen mOssten sich, mit Hamisdi und Waffen angetan, 
berdt finden, mit den Männern fortzuziehen. Die Liebe siegt Die Frauen 
nehmen Panzer und Schwert . . die Männer sind gerührt . . V^ersöhnung, 
Ende. Diesen hübschen Stoff hat Schubert mit einer entzückenden Musik ver- 
sehen, die in jeder Nummer Liebenswürdigkeit und feinsten Humor atmet und 
trotz einiger Breite Mneswegs der Bflhnenwirloamkdt entbehrt Spät genug 
nahmen sich die Theater des reisenden Werkes an. Es erlebte sdne Premiere 
im Jahre 1863 in Frankfurt a. M.; Wien und viele andere Städte folgten. 
— Am öftesten erschien das Singspiel, und zwar auch mit grossem Erfolge, 
in Konzertaufliihrungen, zu denen Herbeck in Wien, 1861, den ersten 
Anstoss gab. 

Ein wäteres BQhnenwerk Schuberts, das noch im Jahre 1823 entstand, 
verdient, obwohl es — ohne Schuberts Schuld — - such auf dem Theater nidit 

erhalten Iconnte, besonders rühmend hervorgehoben zu werden: die Musilc zu 
H. V. Chezys Schauspiel „Rosamunde".i") Frau H. v. Chezy'»^) kam im Jahre 
1823 nach Wien und wurde im selben Jahre das Verhängnis zweier grosser 
Komponisten: C. M. v. Webers und Schuberts. Des Ersteren „Euryanthe*' 
brachte es trotz der genialen Musik Webers, trotz des grossen Namens ihres 
Schopfers zu wenig mehr als literarischer Berühmtheit, Schubert hatte mit 
„Rosamunde" einen unverhüllten Misserfolg zu beklagen, obgleich seine Musik 
zu dem unsäglich läppischen Stücke'") zum Bedeutendsten gehört, was er Zeit- 
lebens geschrieben, ist schon die Ouvertüre — welche übrigens in der l^remiere, 
wie Schwind mitteilt, wiederholt wurde — eüi reizendes, fein aufgebautes Musik- 
stück, so stdtt Schubert mit den Bntre-Acts geradezu selbständige Dichtungen 
hin, wie sie in der Theater-Musik-Literatur zu den grössten Seltenheiten ge- 
hören. In den Konzertsälen haben diese Stücke, sowie die Balletmusik und 
Chöre eine Stätte gefunden, und gehören zu den vornehmsten Nummern der 
Repertoirs. Namentlich der Entre-Act „nach dem 1. Aufzuge", jener in H-moU, 
ist dn berdhmtes Vortragsstflck guter Orchester. Er eröffnet den Reigen der 
dramatischen Musiknummem der Partitur. Hier dessen wichtigste Themen: 




neben denen eine ganze Anzahl abgeleiteter Bildungen Bedeutung gewinnt Das 
Hauptthema — eine jener herrlichen, poesiegetränkten Marschmelodien, wie sie 
ausser Schubert kein .Meister geschaffen — bildet, in etwas geänderter Fassung, den 
Kern der 1. Gruppe des Ballets, im 2. Akte. Die zweite Gruppe desselben ist aus dem 



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— 66 — 




aus dem Thema : 
entwickelt. Ein Stück 
von ganz eigenem Re» 
ist die Romanse: ,J>er Vbllmond strahlt auf Beigeshah*n**; Musik, die von 
Zfirtycbkeit und Wärme überflies^t, ohne dnen Augenblick sentimental zu werden. 
Manche Wendung darin erinnert an die kurz vorher peschafTenen ,. Müllerlieder"'»), 
deren Frische und Natürlichkeit einzig geblieben ist in der ganzen Literatur. — 
In düsterer Pracht erscheint der, nur von Bläsern beg eiiete üeisterchor „In der 
Tiefe wohnt das Licht**. Der Entree-Akt ^naeh dem 3. Aufzuge** enthält im 
Hauptteile das An-iantiQu. 
berühmte Thema:, 
welches dem 

Meister selbst so gut gefiel, dass er es in einem Klavierstücke (No. 3 der vier 
Impromptus op. 143) und im Andante des A-moli-Quartetts (op. 29) nochmals 
ausführte. Echt ländliche Stimmung spricht aus dem Hirtenchor: „Hier auf den 
Fluren", helle Freude aus dem darauffolgenden Jägerchor. Die Musik schliesst 

mit dem hochoriginellen 




And*n 1 1 no 



erstes 





Ballet, dessen 
Thema 

gleich den darauffolgen- 
den Melodieen 
eine Eingebung persön- 
lichster Natur ist, unnach- 
ahmlich in seiner Grazie 
und gesimden FQlle. 

Merkwürdigerweise scheinen all' die Herrlichkeiten selbst den nächsten 
Freunden Schuberts nicht völlig eingeleuchtet zu haben. So schreibt Schwind 
unterm 22. Dezember i8'_';5 an Schober: „Nach dem ersten Akte war ein 
Stück angelegt, das für den Platz, den es einnahm, zu wenig rauschend war 
und s'ch zu oft wiederholte. Ein Ballet ging unbemerkt vorOber und ebenso 
der zwJte und dritte Zwischenakt. Die Leute sind halt gewdmt, gleich nach 
dem Ak zu plaudern, und ich begreife nicht, wie man ihnen zutrauen konnte, 
SO ernste und löoliche Sachen zu bemerken. Im letzten Akt kam ein Chor von 
Hirten und Jägern, so schon und natürlich, dass ich mich nicht erinnere, etwas 
Admiidies gehört zu haben. Mit Beifall wurde er wiederholt und Ich glaube, 
er wird dem Chor aus der Weber'schen Euryanthe den gehörigen Stoss ver- 
setzen. Noch eine Arie, wiewohl von Madame Vogl auf das gräulichste ge- 
sungen, und ein kurzes Bucolicon wurden beklatscht. Ein unterirdischer ( hör 
war unmöglich zu vernehmen . . („Aus Franz Schuberts Leben"; mitgeteilt 
von ü. Glück. Wien, „N. fr. Presse", 2a Nov. 1904.) 

Bahnenerfolg blieb „Rosamunde**, wie schon erwähnt, trotz der wunder- 
vollen Musik völlig versagt. Schubert, der an dem Werke mit voller Begaste- 
rung gearbeitet hatte, scheint durch das I"ehlschlagen auch dieses Werkes ziemlich 
schwer getroffen, sein durch Krankheit und die Not des Lebens ohnehin ge- 
drücktes Gemüt tief verdüstert worden zu sein. 

Ein kluger Mann hatte ihm Obrigens den Ausgang der „Rosamunde^'-An- 
gelegenheit richtig vorhergesagt: CM. v. Weber! — Der .Meister des „Freischütz" 
kam im Herbst iHj > nach Wien, um seine „Euryanthe" zu dirigieren und war, 
Zeit seiner Anwesenheit daselbst, Gegenstand grösster Verehrung seitens der 

Htinaon, Vnm Schubert. & 



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— 66 — 



Künstlerschaft und der vornehmen Gesellschaft — Btf Sonnleitner, scheint es, 
hat Weber Franz Schubert kennen gelernt, „dem er das Misslingen seines 
dramatischen Versuchs . . . Rosamunde voraussagte und den eminenten jungen 
Mann sich dadurch für immer zum Gegner machte.""^) Immerhin interessant ist 
es aber, dass Weber auf Schuberts Andringen der AuflDlirung von Schneiders 
„Weltgericht-' in den „Conserts spirituels" beiwohnte, wo der junge Reissiger'**) 
eine der Solopartien übernommen hatte, dessen Stimme und Vortrag ihn . . . 
entzückte.'""-) — Diese Erzählung ist — was den Grund der Verstimmung zwischen 
den beiden Meistern beu-ifft — nicht sehr wahrscheinlich. Wesenthch verläss- 
licher erscheint Spauns Beridit: „Er (Schubert) war ein grosser Verehrer Webers 
und der „FVeiachfits** gefiel ihm unendlich. Weber 
kam nach Wien, um seine Euryanthe zu diri- 
gieren. Er fand grosses Wohlgefallen an Schubert, ..• ""v^^ 
pries seine Kompositionen und versprach, seine 
Oper „Aironso und Estrella", die ihm sehr ge- 
fiel ... . zur Aufführung su brmgen. Schubert 
war fast täglich bei Weber, und sie kamen sich 
sehr nahe. Am Tage nach der ersten Aufführung 
der „Euryanthe" fragte Weber Schubert: „Nun, 
wie hat Ihnen meine Oper get allen?" Schubert, 
immer aufrichtig und wahr, sagte, es habe ihm 
wohl Einiges gefallen, aUein es sei ihm zu wenig 
Melodie darin, und der Freischütz sei ihm um 
gar \ iel lieber! Weher war über diese kalte 
Aeusserung beleidigt und antwortete unfreundlich; 
von Schuberts Oper war kdne Rede mehr." — 
Das Ende der Bekanntschaft war jedenfalls nicht 
so freundlich, wie der Anfang. — 

Das folgende Jahr (1S24) brachte ausser 
einem Sommer-Aufenthalte in Zelez — wie das 
erstemal bd Estertiasy — keine Abwedutfamg 
im äusseren Leben Schuberts. Um so reicher 

war die Fülle der Gaben, mit denen ihn sein Genius, er die Welt beschenkte. — 
Nebst mehreren Liedern schrieb i?chubert 1824 das weltbekannte Oktett op. 
i66>'^), das berühmte D-moll-Quartett"'), die vierhändigen Variationen in As op. 
35*'^)t die Sonate op. 140'"'), das Streichquartett in A-moU und — angeregt durch 
musikalische Eindrücke in Zeles — das „Divertissement k la hongroise" op. 54**0- 
Das Oktett (für 2 Violinen, V^iola, Violoncello, Kontrabass, Klarinette, Horn 
und Fagott) ist eines der erfindungsreichsten, klangschönsten Weike der 
Kammermusikliteratur, ohne Spur einer Ermüdung tliesst es in einem un- 
unterbrochenen Su-ome fort, Schönheit an Schönheit reihend, sicli in Wohllaut 
schier erschöpfend. Aeltere Beurt^er, darunter sdbst Kreissie, meinten, das 
Werk stehe an Tiefe der Gedanken, an Kunst des Aufbaues gegen andere 
Stücke Schuberts etwas zurück. Diesem Urteile kann niemand beipflichten, der 
den Zauber dieses, wie ein Tropengewächs an allen Enden treibenden, vor 
Lebenskraft manchmal fast ausser Rand und Band geratenden, dabei aber aufs 
fdnste ausgearbeiteten Stückes unbefangen auf sich wirken lässt Will 
man durchaus daran mäkeln, so kann man sagen, es sei spezifisch süd- 
deutsch, österreichisch. Das ist aber der ganze Schubert, hier mehr, dort 




C. M. V. Weber. 
Zeichnuot voa W. HaiwI a. d. Jahn MI. 



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— 67 — 



weniger, und das nimmt ihm nichts von seiner Grösse, macht vielmehr gerade 
ein Teil seiner 
Grösse aus. 

Ein Adagio er- 
öffnet den ersten 
Satz: 

Ein TeU des- 
selben 

erscheint im ersten Satze selbst als Episode 
wieder, desgldchen klingt 

im Thsmm 2 an. Bemericenswert ist, wie 

Schubert die Figur 0 Sätzchen mit 
in dem einleitenden ' besonderer Be- 
tonung auf guten Taktteilen bringt, während er dieselbe in Thema des Allegro: 

Allricro 







vorwiegend auf schlechten Talctteilen verwendet; dieses energische Hauptthema 
treibtfreudig und lebensmutig vorwärts, bis es dem schönen, innigenGesans^ema: 




Platas macht, weL-hes sowohl durch die Tonart — es steht statt in der Dominant- 
ronart C-dur in D-mcjll, bald darauf in F dur — als auch durch den thematischen 
Zusammenhang mit dem Thema 1 — dies klingt im Bass deutlich an — eine 
interessante formelle Abnormität zeigt. Die abschliessende Gruppe bringt zwei 
Einfülle; zuerst das leicht bewegliche Sitzchen: 

I ^ f 





dann das energische: 
welches, der Anlage des 
ganzen Werkes entspre- 
chend, eine besonders 
üppige Ausgestaltung er- 
fährt. — Repelition. — Mit einer höchst überraschenden Modulation nach Fis» 
moU beginnt der „Durchführung"-Teil, welcher zuerst wieder auf die wohlige 
Melodie 2 zurückgreift und dann das darin enthaltene Motiv 
zum Gegenstand weiterer thematischer Arbeit macht. Zwischen 
dem Gespinnst taucht eine Nebenmelodie auf: 

die plötzlich 
durch die Re- 
miniscenz nn 
die Emleiiung 
unterbrochen 
wird, AUS wel- 
cher, wie zu 

5* 





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Anfang, das F-dur-Thema hervorgeht. Die damit beginnende dritte Partie des 
Satzes ist analog der ersten gebaut und schliesst mit einer wunderschönen Ver- 
wendung des Themas _>. Das Horn sagt gleichsam Lebewohl. 

Mit «ner innigen Melodie der Klarinette 
beginnt das Adagio, die i. Violine wiedertiolt den 
ausdrucksvollen Gesang, wozu die Klarinette dne 

blühende Nebenstimme ausführt, die auch dann nodi eine Fortsetzung erfahrt, 
als die Bässe die Hauptmelodie andeutungs- 
weise ergreifen. Eine kurze Gruppe: 
fQhrt zur prächtigen zweiten Melodie: 

hinOber, die etwas knapper ge- 
hatten als die erste Gruppe, bald 

einem neuen Thema: 
Haumgiebt. Kurze Zurückleitung 
in die Haupttonart, in welcher 
dann die Themen a und b, (bdde jetzt in B stdiend) wieJererschdnen. Die 

Coda des Satzes ist ausschliesslich aus dem ersten Thema gebildet. 

Das Scher2(; ist eines der charakteristischsten Beispiele für den ganz 
eigentümlichen Ton, welchen Schubert in einer ganzen Reihe von Scherzi aus 
seiner Meisterzeit anzuschlagen wussle. Das ist echt Schubert'scher Humor; 
die Schwämutimmung seiner Märsche in den */4>Takt Obersetzt. Hier die 
Hauptthemen. Scherzo: . Aut«>oTi*«tr 





Trio: _ ^ Der vierte Satz 

dieses 6sitzigen 
Kammermusik- 
stückes sind Variationen über ein einfaches Thema in C-dur. der fünfte ein 
Menuett mit Trio und Coda. Das Finale, beginnend mit einer höchst spannenden 
Einleitung: 




Allfgro 




führt die Themen m dner zwisdien Rondo- und Sonatenform schwankenden Ge- 
staltung vor. Das Hauptthema: 
ist merkwürdig genug ge- 
gliedert; die i() Takte, aus 
denen dasadbe besteht, gruppieren sich — von Cäsur zu Cäsur gezählt — 
folgendermaassen: 3, 5; 2, 2; 4. Der Hörer empfindet trotzdem keine rhyth- 
mische Unsicherheit Ein In Viertebi einhetschreitender Bass erklärt die überaus 
kecke Bildung vollständig. 
Ein legato-Sätzchen: 
leitet zum zweiten Thema 

Uber,da8 einen entschieden ^ r^^ 

volkstümlich«! Ton an- u^l 
schlägt: 




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— 69 — 





In der Fortführung wird der erste Takt | j zu allerlei thematischen 
und kontrapunktischen Nebenbildungen herangezogen. Einmal erscheinen Teile 
von I und II kombiniert: 
ein anderes Mal wird der 
Anfang von I nachgeahmt 
(Buchstabe E der Gesammt- 
AusgabeV 

Dieses längere Zeit 
währende Spiel führt nach 
einem Gang durch ver- 
schiedene Tonarten wieder 
zu dem Thema II, das diesmal in A-dur erscheint. Nach kurzer Steigerung tritt 
ff und mit allem Glanz des Ensembles das Hauptthema I ein, dann Thema II 
(beide in F). Nochmals kommt es zu einem kurzen 
Spiele wie bei dann erklingt die langsame Einleitung 
des Satzes. Die i. Violine phantasiert gleichsam dazu; 
die rasche Coda (aus dem Hauptthema gebildet) schliesst 
den Satz efTektvoll ab. 

Das Oktett, welches auf Bestellung des Grafen 
Ferd. Troyer, eines vorzüglichen Klarinett-Amateurs, ge- 
schrieben worden sein soll, erlebte seine erste Auf- 
führung im Hause dieses Mäcens, mit Schupp mzigh'**) 
an der l. Violine. In einer öffentlichen Produktion 
Schuppanzighs gelangte das herrliche Stück im April 
1827 zur Wiederholung. So wie fast alle grossen Werke 
Schuberts, geriet das Oktett in Vergessenheit, so dass 
es Joset Hellmesberger ''"*) in Wien in einer Soiree am 
29. Dezember 1861 als Novität ankündigen konnte. 
Seitdem wird es überall gespielt und lebt daher erst wirklich im Bewusstsein 
der Musikfreunde. 

Mit dem energischen: 
setzt das D-moll-Quartett 




Ignaz Schuppanzigh. 
• 1776 zu Wien, t ebrnJ» !■< 0. 
Xach einer LitograpMe v. B. v. Schröder.) 




ein. Diese paar Takte ent- 
halten fast das ganze mo- 
tivische Material der ersten 
Gruppe des Allegro-Salzes. Denn schon bei der unmittelbar darauf folgenden 
Weiterführung , _ 

wird das Triolen- jp'j j-j J -fcJ^ 



motiv ergriffen, wel- 
ches den nächsten 
schnitt belebt (a): 



r 



Ab- 



Auch ein Zwischen- 



glied: 





ist aus demselben 
entwickelt. Im 
zweiten Thema — 
das nun bis zur 
Kepetition allein 
herrschend bleibt 



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— 70 - 



trtt Tnclenbewegung in die Pfglritong zurödt: 




Konstruktiv ist das Motiv: 



erst wieder an der Stelle 




verwendet 

So lA'ie das zweite Thema in itiythmiscber \'erschiebung auftritt, so steht 
die bisher meist auf schwachen TaktteUen erscbienene iSatoniscfae Tnokn- 
gruppe nur auf einem starken. 
Der Schiuss- 





ist nur eine Ab- 
leitung aus dem 

zweiten Thema. Die nicht sehr weit ausgreifende Durchfuhrung beschäftigt 
sich ebenfalls mit diesem; stellenweise, wie z. B. hier: 





unter Zuziehung einer aus a entwickelten Bildung. Nach der Cinmflndung in 
das Hauptthema folgt die ganxe erste Partie in der Qblichen Anordnung der 

Tonarten. Hcichst interessant ist die Coda gestaltet, in welcher Schubert nierst 
wild-schrr er/.liche Föne anschlägt, um dann tief betrabt und resigniert zu schliessen. 

Wie Thränen fallen die 
Triolen des Anfangsthemas 
herab. • 

Der zweite Satz bringt die 

berühmten Variationen (G- 
moll) über ..Der T<.d und das 
Mädchen." Dem Aufbau nach aus Formal Variationen einfachster Ait bestehend, 
ist dieses Andante con moto mit Poesie und Wohllaut gesättigt, wie nur wenig 
andere Sätze der Quartettlitteratur. Das Scherzo-Thema: 

Aii'-rrojiioHo enthält zwei integrierende Mo- 

tive — das rhythmische in 
den oberen, das diatonisch 
absteigende, markiertei in den 
unteren Stimmen, aus deren 
Gegensätzlichkeit der weitere Verlauf des Satzes entwickelt ist. Das Trio 




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— 71 - 



bOdet mit seinem langhinziehenden Gesänge den stärksten Kontrast su dem 

unermücllich Torthastenden Scherzo. 

Das Finale (Mischrorm von Rondo- und Sonatenform) bringt das tiöcllSt 
originelle, wie gehetzt dahin eilende Thema 



von dem sich dw zweite 

Gedanke : 

kräftig abhebt S. 
Ein dritter: 





'S' 








I 


m 










ff 














X - 


fl - 


rXC. 

JL 




4^ 


=4^ 












■*- - — 1 

4^ 




4^ 




ist in der überstimme aus dem Motivchen m, in der Begleitung aus dem Motiv 
b des' Hauptthemas entwickelt 

Die vieihändige Sonate (op. 140) ist eines jener Werke, die bei 
aller Originalität der Erfindung einen mächtigen Einschlag Beethoven'schen 
Blutes verraten. Namentlich das Andante trägt deutliche Spuren dieses Ein- 
flusses. Freilich wird ein Genie wie Schubert durch einen anderen Grossen 
mehr angeregt als unterjocht. Es bleibt des Eigenen, Eigentümlichen genug 
übrig, um der Sonate — Schubert fiberscfarieb das Werk ausdrOcklich: Sonate 
— einen hohen Rang in der Litteratur ansuweisen. 

Echt Schubertisch hebt 

das erste Allegro moderato an: _ ^ 

dessen Thema bald darauf im ' 
Basse erscheint, um In einer 
Mittelstimme fortgesetzt zu werden: 





In der folgenden Partie 
sdir zu bemerken die Qber- 
rascbende sprungweise Ein- 
führung von Cis-inoll ( in ähn- 
licher Art oft bei Schubert 
vorkommend): 

Das zweite Thema rhyth- 
misch dem ersten etwas ähn- 
lich) 

tritt, statt (wie übliqh) in der Dominanttonart, zuerst in der kleinen Dber-Sext 
auf, um erst später — aber nur teilweise — in der Dominante zu erscheinen. 
Ein drittes Thema ist eigentl ch nicht vorhanden, sondern nur eine, durch 




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— 72 — 



1 ent- 





Verkleinerung des Rhythmus f 

standene Schlussgruppe: 

Nach der Repetition beginnt eine 
Partie, welche vom Hauptthema ausgeht, das Motiv a behandelt, ein ebenfalls 
dem 1. Thema nahestehendes 
neues Gebilde heroisdien Inhalts 
bringt, dann das 2. Thema auf- 
nimmt und endlich in besonders 
graziöser Weise"') nach dem Hauptsatz zurückführt. Zweites Thema und 
Sctiluäsgruppe folgen in C-dur, die Coda greift zuerst den punktierten Rhytmus 
aus dem h«oischen Motiv auf, um dann pMHslich, 
wie von Schmerz übermannt, den Anfang des 
2. Themas, durch eigentümliche Harmonik zu 
wehmütiger Klage umgestaltet, zu bringen: 
Eine contrapunklisch sehr feine Endgruppe führt 
zum Schlüsse. 

Die Tbemm des Andante 






erscheinen in folgender Ordnung: 1 (as) — 11 (E) — III (Es-As [im Bass] -Es) 
— r(As) — II (Q — ni (As-Es-Des [im Bass]) — III (As) — Coda, gebildet aus 
dem neuen Thema: 
Das Scherzo, 
wieder ein geradezu 
klassisches Beispiel Schubertischer Eigenart in dieser Gattung, setzt nach einigen 
einleitenden Takten 

mit dem Thema: ll^lf \ mfh^ ^ifMf tf fl f f I r T 'M 
ein; , der 2. Teil " 

greift das Motiv der Einleitung auf und gelangt 2U der capridösen (aus einer 

Umk ehru ng des Motivs 
h ervorg egangenen) Bil- 
dung: 

Das Motiv wird weiter 
beibehalten, es ent- 
wickelt sich eine ab- 
schliessende Gruppe; 

Das Spiel wie bd 
a kehrt wieder, und aus 
diesem M< )iiv ist die feu- 
rige Schlusssteigerung 
gebildet. Das Trio bringt als starken Gegensatz zu dem prickelnden Scherzo 
ein durchweg aus ganzen Takt-Noten bestehendes, sehnsüchtiges legato-Thema, 
das der Second mit Synkopen begleitet 




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— 78 — 



Dtr weit AusgefOhrte, vorwiegend graziOse letzte Sats — Allcigro vivace 

— beginnt mit dem 
trippelnden Thema: 

Im weiteren Ver- 
laufe des Themas 
macht sidi eine gang^ *) 

artige Gruppe: 

bemerkbar, die späterhin vielseitige Verwertung erfihrt Ein festlich klingendes 

Sätzchen (3) 

leitet zu dem zärtliclien 
sweMen Thema 







^ . hinüber, an das sich 

dieSchhi88melodie(5) 
schliesst Der Ueber- 

gang zur W' ieder- * 
holung des ersten 



Teiles ist durch ein Spiel mit dem Moti\ chen a (aus 1) gebildet Nach der 
Repeütion wird dieses Spiel — mit demselben Motivcben und dem Gang 2 

— «1 frucbttiarer thematischer Arbeit benOtzt, die dann wieder 211m Haupt- 
sätze zurückführt. Wie Tifter bei Schubert und manchen anderen Meistern 

— erscheint dieses Hauptihema nicht in der Grundtonart (sondern hier z. B. 
in Es), auch wird die Tonart C-dur nur einmal gestreift, um sogleich nach 
dem Sitschen 3 sum zweiten und sum dritten Thema (No. 4 bezw. 5) über- 
zuleiten, die nun beide in C encfaeinsn. Die Coda (beginnend Seite 48—49, 
3. System, 3. Takt) ist in diesem Satze besonders lang geraten, ein Zug. 
der, gleich so manchem anderen, den starken Einlluss Beethovens erkennen 
lässU Die Meister vor Beethoven legten keinen besonderen Wert auf diese 
Partie — Bach kannte sie noch gar nicht, — und erst die ungeheueren 
Wirküngen, die Beethoven mit seinen gentalMi, eine Kidnung des Werkes 
und oft seinen höchsten Aufsch\\ unq bedeutenden Codas erzielte, veranlassten 
die Neueren, auch ihrerseits für den Schluss einiges Ueberraschende, Spannende, 
Aufregende aufzusparen, dem durch anstrengende Eindrücke etwa bereits er- 
mfldeien Hörer mit flberwiltigenden Mitteln beisukommen. Schubert entwicketle 
in mehreren seiner Sätze, und namentlich im Finale dieses Duos, die Coda 
ungewöhnlich lang und interessant. Er setzt bei deren Beginn wieder so an, 
wie beim Uebergang zur Kepetition, bringt dann das Hauptthema in veränderter 
Form, greift endlich das Trillermotiv^'-) b (aus 1) auf, das eine Zeitlang fest- 
gehalten wird. Eben, als es wieder zum Sdihisse zu drängen scheint (Seile 
50—51 Ittztes System), wirft 




Schubert etwas ganz Neues gleich- 
sam in den Weg, das zornige: 
das vorerst allerdings friedlich in 
das Schlussthema (5) auaUluft, Sich 
aber immer wieder Geltung ver- 
schafft, bis endlich eine einfache, durch das Trillermotiv bewegte Gruppe, der 
es auch nicht an ein paar Aper9us gebricht, den interessanten Satz zu Ende führt 
Die im Jahre 1824 besonders bemerkbare Vorliebe für Komposition 



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— 74 — 



vierhändiger Werke'^*) betätigte Schubert noch durch eine vierhändige Ouvertüre 
op. 34,'"*) mehrere Ländler und Walzer. 

Die Gesundheit Schuberts scheint sich im Sommer, wohl durch den 
Aufenthalt in Zelez, wieder etwas gefestigt, seine Stimmung infolgedessen 
wesentlich gehoben zu hüben. 

Der Freundeskreis, der ihn nach seiner Wiederkehr nach Wien mit Freuden 
empfing, wurde kurz darauf um eine interessante Persönlichkeit vermehrt, 
Eduard von Bauern feld.i"*) Der junge Dichter, damals noch Jurist, erzählt den 
Verlauf seiner Annäherung an den Komponisten in seinen Tagebüchern''«) 
sehr anschaulich: „22. April 1821. Kärnthnerthor- 
theater. Goethes Laune des Verliebten machte kein 
Glück. Das Beste ein Quartett von Schubert. 
Ein herrlicher Mensch! Den muss ich kennen 
lernen." — „22. Jänner 1822. . . . Gestern mit 
Fick einen Abend bei Weindridt. Der Kompositeur 
Schubert war zugegen und sang mehrere seiner 
Lieder. Auch mein Jugendfreund Moriz Schwind, 
der den Schubert mitbrachte.' (Dies war das erste 
persönliche Zusammentreffen.) — „Februar 1825. 
Schwind besuchte mich eines Abends mit Franz 
Schubert, den ich bisher nur von weitem kannte. a d <• ^ 

, — Eduard von Baucrnfeld. 

Ich las den Freunden auf ihr Verlangen das . ,9 i wien; t d»ieib»t 9. via lew. 

Drama „Madera" vor, spielte vierhändig mit ''''m ^"ichwina"'*^ 

Schubert, dann ins Gast- und Kaffeehaus." — im Besitze von hau v. Bauemfeind.) 
„März 1825. Viel mit Schwind und Schubert zu- 
sammen. Er sang bei mir neue Lieder. Da eine Tabakpfeife fehlte, richtete 
mir Moriz eine derhi aus Schubens Augengläser-Futteral zurecht. Mit Schubert 
Du geworden bei einem Glase Zuckervvasser . . 

Das köstliche Treiben der genialen jungen Männer wurde durch die bei 
allen fast ununterbrochene Geldnot nicht im mindesten gestört. Der gemütliche 
Kommunismus, in dem sie lebten, half über alle Untiefen der Geldbörsen hinweg. 
Wer etwas hatte, zahlte! Manchmal konnte dies allerdings keiner! . . . 

Den Sommer des Jahres 1825 brachte Schubert — wieder in Gesellschaft 
Vogls — in Oberösterreich und Salzburg zu. Vom 20. Mai bis Anfang Juni 
finden wir die beiden in Steyr, von wo aus St. Florian und Kremsmünster 
besucht wurden, dann in Gmunden, wo sie (Badgasse 2) bei einem warmen 
Verehrer Schuberts, dem Kaufmanne Traweger'"*) wohnten, der ein prächtiges 
Pianoforte besass, wie Schubert in einem Briefe ausdrücklich meldet. Im Juli 
hielten sich die Freunde eine Zeitlang in Linz und Steyeregg'-^) auf, hausten 
vom 28. Juli bis halben August wieder in Steyr und reisten dann nach Salzburg. 

Von da führte sie ihr Weg nach Wildbad-Gastein, wohin dei Dichter Lad. 
Pyrker,"***) ein Gönner unseres Meisters, denselben eingeladen hatte. Am 
10. September trafen Schubert und Vogl wieder in Steyr ein, wo sie — vor 
ihrer Rückkehr nach Wien — noch etwa acht Tage verlebten. 

An den Gasteincr Aufenthalt knüpft sich — man darf wohl sagen — eine 
Hoffnung der musikalischen Welt '"') — Schon manchem Musikfreunde 
war die lange Pause zwischen der Komposition der H-moll Symphonie (1822) 
und der grossen in C (1828) aufgefallen. Eine ganze Reihe von Anzeichen 
deutet nun darauf hin, dass in jener Zwischenzeit, und zwar 18241^")— 1825, 



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— 75 - 



zum Teile in Gastein, ein Symphonie entstand, deren — bis jetzt wenigstens — 
vollständige Verschollenheit wir um so mehr zu bedauern haben, als Schubert 
und seine Freunde darauf grosse Stücke gehalten zu haben scheinen. Der 
Meister hatte das Werk für die „Gesellschaft der Musikfreunde" bestimmt, 
welcher er sein V< rhaben durch den ihm persönlich bekannten Hofrat von 
Kiesewetter (in der Sitzung vom 9. Oktober 1826) bekannt geben Hess. Es 
wurde hierauf be- 
schlossen, Schubert 
ohne Bezug auf die 
S> mphonie, sondern 
bloss in Anerken- 
nung der um die Ge- 
sellschaft erworbe- 
nen Verdienste^"') 
eine Remuneration 
von 100 n. ausfolgen 
zu lassen. Am 12. 
Oktober 1 H26 wurde 
dieser Beschluss 
Schubert mitgeteilt. 
Zwischen 9. und 
1 2. Oktober muss 
Schubert seine Sym- 
phonie dem Musik- 
vereine übergeben 
haben. Er schreibt 
ausdiücklich, er 
„wage es als ein va- 
terländischer Künst- 
ler, diese Sym- 
phonie demselben 
dem Musikverein) zu 
widmen und sie sei- 
nem Schutze zu 
empfehlen.-'^*) Da 
Schubert schon in 
einem Briefe vom 
Jahre iHj^ von 
einer geplanten 

„grossen Symphonie" spricht, diese auch im Briefwechsel mit Schwind — aus 
dem Sommer 1.S25 — erscheint, Bauernfeld in seiner „Biographischen Skizze" 
unter den Hauptwerken Schuberts aufführt: „1825. grosse Symphonie", und 
an anderer Stelle ganz bestimmt von der , Gasteiner Symphonie" spricht, ist 
an dem Vorhandensein respektive an dem Vorhandengewesensein einer solchen 
nicht zu zweifeln. In den letzten Jahren wurde das Archiv des Musikvereines 
auf das Genaueste durchforscht, ohne dass sich eine Spur jenes, dem ,, Schutze" 
des Vereines anvertrauten Schatzes hätte entdecken lassen. Ob ihn jetzt, nach 
bald achtzig Jahren, ein Zufall ans Licht fördern wird . . 




Franz Schubert nach Jos. Kriehubcr's Lithographie. 
Aus Max h'albeck s Studien zur Oeschichle und Kniik der Oper: ..Opem Abende". 



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Graz ( 1 K2n) mit dem .Hallerschlossel" (vom rechts). 
Nach eiium QuachebUde im Besilie des Herausgebers. 



Letzte Jahre. Letzte Werke. Ende. 



Schubert, der bisher ohne Amt, ohne Anstellung, nur seiner Kunst lebte, 
machte i8j6 verschiedene Versuche, sein Privatleben durch Sicherung 
bestimmter Einkünfte auf eine weniger schwankende Grundlage zu stellen. 
Vor allem trachtete er nach Verbindungen mit grösseren auswärtigen Ver- 
legern: lireitkopf und Härtel, später mit Schott, H. A. Probst und anderen. Seine 
Erfahrungen mit den Wiener Druck-Gewaltigen hatten ihm nahe gelegt, diesen 
Herren in weitem Bogen auszuweichen.'*") Diabelli, in welchem der grosse 
Erfolg der von Schuberts Freunden veranstalteten Lieder-Ausgabe die Gier rege 
machte, den, Schubert zukommenden Verdienst in seine Tasche zu lenken, 
wusste eine Periode finanzieller Bedrängnis des Meisters zu benutzen, kaufte 
diesem das Verlngsrecht der damals erschienenen zwölf Hefte um 8o(^ fl C. M. 
ab und zeigte sich auch späterhin als ein Meister in der Bewucherung des 
jungen, unpraktischen Genies'*^). Wie arg er es getrieben haben mag, wird am 
besten durch einen Brief vom lo. April 1823 bewiesen, in welchem der gut- 
mütige, endlich aber in den Harnisch geratene Schubert in die leicht verständ- 
lichen Worte ausbricht: „Indem ich aber sehr zweifle, dass Sie diese zu 
menschliche Gesinnung hegen, so mache ich Sie höflichst aufmerksam, dass 
ich die gerechte Korderung von ... zu machen habe und die noch gerechtere 
von 50 n., welche Sie mir wirklich auf eine gar feine Art zu entlocken 
wussten." Merkwürdigerweise ist der Brief unterzeichnet: „Mit Achtung Franz 
Schubert mp. Kompositeur.""^') Auch das Verhalten der deutschen V'erleger 
gegen Schubert ist nicht danach angetan, um auf einem Ruhmesblatt ver- 
ewigt zu werden. Die reichen Kaufherren suchten den in seinen Forderungen 
"^^hnchin sehr bescheidenen Schubert möglichst zu „drücken" (so gab ihm die 



, Google 



Firma H. A. Probst für das Es-dur-Trio, wofür er loo fl. verlangte — 20 fl. 
60 kr.), ihm den Vertrieb seiner Werke als schwierig zu schildern u. s. w., 
kurz, jene günstige Position aufs Grausamste auszunuizen, in der sich ein 
».Geldbesitzer" dem „Hirnbesitzer"'"*) gegenüber meistens befindet. 

Da die Verleger mit dem Gelde zurückhielten, suchte Schubert eine An- 
stellung. Eine Hoforganistenstelle, die ihm Graf Dietrichstein"**) durch Vogl 
hatte antragen lassen, schlug er aus, desgleichen einen Korrepetitorposten an 
der Hofoper in Wien. Dagegen strebte er 1826 die Erlangung zweier Aemter 
an: Jenes eines Kapellmeisters am Kärnthnerthortheater und das eines Vize- 
Hofkapellmeisters. Die erstgenannte Stelle war durch den Abgang C. A. Krebs' 
vakant, der sich als Musikdirektor nach Hamburg begab, die zweite durch den 
Tod Salieris. Am Theater halte sich Schubert einer Art ..Probe" zu unter- 
ziehen, die nicht nach Wunsch ausgefallen sein soll. (Die Berichte über die 
Probe lauten übrigens widersprechend.) Um die Bestallung als Vizehof kapell- 
meister kompeiierte Schubert in aller Form schriftlich (unter dem 7. April 1826), 
erhielt aber Ende Januar 1827 eine abschlägige Erledigung. Von den acht 

Bewerbern (ausser Schubert traten 
noch von Seyfried, Gyrowetz, Kon- 
radin Kreutzer, Joachim Hoffmann, 
^^^^ Anselm Hüttenbrenner, W. Würfl 

j^HB^ und Franz Gläser in die Kompetenz 

^■^"-^ ein) war keiner erwählt, dafür Jos. 

^^■^■^L^ Weigl ernannt worden. Schubert 

^fl^HV^^I^^ hat weiterhin keine Schritte getan, 
^^^^B ^^^^^^ um irgend eine Anstellung zu er- 
^^^^^m ^^^H^ langen. Seine Ernennung zum 
'^^^Hj^ I^Mf^ Ersatzmann im Repräsentations- 

körper des Musikvereins in Wien 



Joh. Mich. Vogl 



(12. Juni i8'_>7) hatte keinerlei 
musikalische Verpllichtungen zur 




• steyr o. «. 176»; t Wien TO. 11. iwo. Folge Und bedeutete mehr eine 
Nach tüier Liüto^pjue (1830) von Anerkennung der Verdienste des 



Joh, Mich. Vogl. 

Xach finer HanäzeichntMg von 
M. von Sctnrind, im Betitle von 
tri. M. von Frech in Omunäen. 



Meisters. 

Um diese Zeit trat wieder, wohl durch die Bekanntschaft mit Bauernfeld 
veranlasst, ein Opernplan Schuberts in den Vordergrund. Aus Bauernfelds 
Tagebuchnotizen"") ist der ganze Verlauf der Angelegenheit zu ersehen. Schon 
nach dem Abend, da die beiden Männer sich bei einem Glase Zuckerwasser 
das „Du" zugetrunken, notiert der Dichter: „Er (Schubert) will einen Operntext 
von mir, schlug mir „die bezauberte Rose" "') vor. Ich meinte, ein „Graf von 
Gleichen'* gehe mir durch den Kopf'' .... In Paternion (Kärnthen), wo sich 
der Dichter mit seinem Freunde, dem k. k. österreichischen Mappierungs-Offizier 
Mayerhofer von Grünbühel, aufhielt, schreibt er (wir folgen immer dem Tage- 
buche): „(7. Mai 1826.) So dachte ich an den Operntext für Schubert, machte 
mich über den Grafen von Gleichen her. Dramatisch-musikalischer Gegensatz: 
Orient und Occidcnt. Janitscharen und Rittertum, romantische Minne und 
Galtenliebe u. s. w. — kurz, ein türkisch-christliches Brouillon. Die Verse fliessen 
mir ziemlich leicht." „9. Mai 1M26. In Ober-Villach. — Die Oper in acht 
Tagen fertig gebracht. Darüber an Schubert berichtet, der mit der Antwort 
nicht zögerte. Er brennt nach dem Operntext, langweilt sich in Währing mit 



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— 78 — 



Schwind." „Juli iRi-'S. Als wir fßauernfeld und Mayrhofer) des Abends in 
Nussdorf landeten, lief mir Schwind und Schubert aus dem KafTeehaus ent- 
g^en. Grosser Jubel! — «Wo ist die Oper?'* fragte Schubert. «Hier!'* — Ich 
Qberrridite Smi feierlich den Grafen von Gleichen.* — „August 1826. Dem 
Schubert hatte die Oper sehr gefallen, dodi fUrchten wir die Censur . . . . 
Schubert geldlos, wie wir Alle. ..." „Oktober 1826. . . . Der Operntext von 
der Censur verboten. — Schubert will ihn trotzdem komponieren." „Oktober 
1Ö27. . . . Grillparzer will uns die Oper an das Königstäiiter Theater senden. . .* 
— Dies ist eigentlich die ganze Geschichte des „Grafen von Gleichen". Schubert 
nahm die Arbeit mit Feuereifer in Angriff, kam äbtr nicht Ober sablreicbe 
SIcizzen hinaus, trotzdem ihn die Sache bis zu seinem 'lV>Je beschäftigte. 

Blieb die Oper unvollendet, so sind dafür im Jahre 1S20 die schöne 
Sonate in 0*") und drei der herrlichsten Kammermusikwerke Schuberts ent- 
standen: das B-dur-Triü""), das Streichquartett in G-dur,'") und das schwung- 
volle Rondo brillant fOr Violine und Klavier op. 70 (Ges. Ausg. Serie VIII No. 1). 

Die G-dur-Sonate gehört nebst jener in D-dur (op. 53) und den 1828 
komponierten (in C-moll, A-dur und B-dur) nicht nur zu den poesievollsten, 
sondern auch äusserlich vollendetsten Klaviervverken .Schuberts. 

Für den Kenner gibt es wohl kaum etwas Interessanteres, als die im 
Revisionsberidit zur Gesamt-Ausgabe mit rühmenswerter AusfQhrifehkeit mit- 
geteilten Ski^en dieser Kompositionen mit der endgOltlgen Passung derselben 
zu vergleichen. — Im allgemeinen ist Schubert fast immer bestrebt, bei der Aus- 
führung zu erweitern, zu dehnen, zu bereichem, in jedem Falle aber zu ver- 
schönern, zu vervollkommnen, zu vertiefen. Einmal baut er vier- zu viertaktige 
Gruppen durch Dehnung in zehntaktige (die er besonders liebt) aus und bringt 
so in das Metrum einen eigenen Reiz. Ein anderes Mal schreibt er ^e 
Uegende Stimme in der Oktave oder Quint der Harmonie über eine Mdodie, 
dann wieder motiviert er den Eintritt einer neuen Tonart besser (man sieht an 
der Einführung des zweiten Themas im ersten Satze der .A-dur-Sonate [Seite 3 
(233) No. 14 der Gesamt- Ausgabe], dass Schubert in der schliesslichen Fassung 
die in der Skizze vorher berdts abgebrauchte Tonart E-dur vermied); oder er 
sofgt für lebhaftere Bew^ung (so in der Sonate in B-dur [Gesamt-Ausgabe 
No. l'ö, Seite 3 (26') i], wo er die Sechzehntel einführt und daraus die Triolen- 
bewegung herleitet), oder er bringt überraschende harmonische oder rhythmische 
Züge an (so die halben Takt-Pausen in der B-dur-Sonate, Seite 3 (267), 5. System), 
oder legt, um gleichsam eine andere LichtiAirkung zu erreichen, einen Abschnitt 
in die tiefere, romantische Lage des Klaviers, oder aber er organisiert etwas, 
anfänglich nur en masse Entworfenes bis ins Kleinste bhiein thematisch oder 
motivisch U.S.W, u.s.w. 

Mag Schubert auch, wie alle seine näheren Freunde, namentlich Vogl 
behaupten, »in ehiem Zustande von Oabwiaiwe* entworfen haben .... bei 
der Ausarbeitung war er ein mit unfehlbarer. Hand formender Meister, der 
strengste Redakteur seiner eigenen Eingebungen. 

Das G-Dur-Quartett, in dem der Meister manchen Faden aus dem 
C-moU-yuartellsatze'^) aufnimmt, weist in allem und jedem die Merkmale der 
Werke aus Schuberts letzter, grösster Zeit auf: kühnste, oft etwas rhapsodische 
Gestaltung der Themen, möglichste Freiheit der Form, unglaublich vorwärts 
stürmende, Unerhörtes anstrebende und erreichende, auch das Seltsame nicht 
vermeidende Originalität, grösste Klangfülle. 



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- 79 — 






Gleich der 

Anfang: 
mit dem bei 
Schubert so oft ( 
und so unend» 

lieh reizvoll verwendeten Wechsel zwischen Dur und Moll mit seinen — an 

den lk<^inn des C-dur-Quintetts erinnernden — lang ausgehaltenen Akkorden 
und seinem eigentümlichen Tremolo ist ganz charakteristisch für die Jahre 
1825-1828. 

Das 'I^hema findet seine Fortsetzung in dem recitativisch ansetzenden 
Miltelsatze: 

dem wieder der erste 
Teil des Tliemas folgt, 
aber enggeführt und 
doppelchiirig: 

Dieses Ant- 
worten zweier 

Chöre be- 
herrscht die 
ganze nächste 
Partie, die in 

einem fT-fls-dur-Akkord ihren Ahschluss findet. Folgt das zärtliche zweite Thema: 

welches bis zur 
Repetition mass- 
gebend bleibt, 

wenn man nicht 
etwa die Gruppe: 
als Schlusssatz 

gelten lassen will. — Die Durchführung greift zuerst das Schlussmotiv: 

des ersten Teiles auf und behandelt dann das erste 
Thema und dessen Ausläufer. Bei der Wiederkehr 
des Hauptsatzes (nach der Kückleitung) erscheint 
dieses »der ersten Form gegenüber) etwas verändert 
durch Vertauschung der Dur- und Moll-Gruppen: 
Die Phrase: 

ist — sowie alle ihr entsprechenden Noten-Gruppen 
variiert: 

Im l 'ebrigen weicht der Verlauf 
der Keprise kaum von dem usuellen 
ab. 

Die Coda ist aus dem Abschlussmotiv entwickelt. Das E-molI-Andante 

con meto beginnt im Cello 
mit dem echt Schuberti- 
schen Gesänge: 
Von dem Sätzchen 







3 





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— 80 — 



an verdüstert sich die Stimmung des Stückes; drohende Tremoli, heftige 
Modulationen und besonders der ^ ,ein Unikum in der Literatur 

oft oller Haimonie widerstrdtende i C 1 1 geben zusammen ein schau- 
dgensinnige Aufschrei ^ riges Nacfatbfld aus dner ge- 

ängstcten Seele. Wieder erscheint das milde, liebliche Thema, wieder senkt sich 
das Dunkel herab .... endlich entlässt der Meister den Hörer in v\ ehiiiütiger 
Stinuiiung, die durch das ganz zuletzt eintretende Dur nur noch stärker be- 
tont wird. 

So wie in den beiden ersten Sfltcen das Tirenudo gleichsam thematisdien 

Wert besass, so ist im Scherzo-Thema 
die bei Schubert fast niemals bloss zu ' '' 
klanglichen, sondern meist zu kon- 
struktiven Zwecken bentttzte Ton- 
wiederlK>lung vortierrschend. In entschiedenstem Gegensatz zu dem eiligen, 
bew^l^idien Wesen des Sdierso steht das gemütliche, echt r)sterreichische Trio 
^, Das Finale wie im I)-inoll- 



Quartett ein rasch dalunsiürmender 
*/f Takt — hebt mit dem Thema 






an, in welchem wieder, wie im i. Satze, der rasche Wechsel von Dur und Moll 
eine bedeutsame Rolle sfrfett Ein zweiter, übermütig-lustiger Gedanke in G-dur 

läuft gleichsam nur so 




nebenher. .Als zweites 
Thema tritt das U )lgende: 
^ auf, zu dessen Fortsetzung 

'^'t-^Ji^^if^ sich «ne spftterhin mefarfadi 
verwendete Oberstimme: 
entwickelt. .Als drittes 
Thema stellt sich breit und 
energisch der durch das 
Thema S aus dem D-moU-Quartette sichtlich beeinflusste Satz 





hin. Nach der rondomässigen Wiederkehr des Hauptthemas erscheint noch ein 

viertes Tlienia 




mit wekihem das Material des im ununterbrochenen Laufe vorwirtsdrSngenden 
Satzes erschöpft ist 

Trotz all des frohen, rastlosen Schaffens gewann, wohl in Folge zu- 
nehmender Kränklichkeit, die Schubert angeborene Melancholie immer mehr 
Gewalt über ihn. Wie aber bei einem so begnadeten Menschen Freud" und 
Leid schliessUch doch seiner Kunst zu statten kommen, so danken wir all* dem 
Schmerzlichen, das das Schicksal Schubert zugefügt, «ne seiner gewaltigsten 



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— 81 — 



Schöpfungen, den Liederaykhis „Die Winterreise'is^) deren erste Hälfte der Meister 
im Februar, deren zweite er im Oktocer 1827 schuf. Mehr als je war er 
persönlich an dem Werke und dessen in die dunkelsten Tiefen der Seele hin- 
einleuchtenden Inhalt beteiligt, mehr als je gab er sich selbst in diesen «schauer- 
ficben Uedem*, wie er sie Spann gegenOber beseidinete. Niemand vor ihm 
hatte solche Töne in der musikalisdien Lyrilc angeschlagen, ja, et selbst kaum. 
Was Wunder, dass sogar Schuberts nächste Freunde anfangs mit mehr Be- 
fremden als freudiger Bewunderung in dieses musikalische ,Tal der Tränen" 
blickten. Wir Nachlebenden wissen, dass neben dem Ergreifendsten, was die 
Literatur aller Zeiten aufweist, neben dem «Buch Wob*, neben so manchem aus 
dem »Prediger Salomonis* in gleicher GrOsse die .Winterreise" des damals 
dreissigjährigen Schubert steht. 

Ausser dem düsteren Nacfitstück der „Winterreise" entstanden 1827 einige 
der sonnigsten Werke Schuberts, das Es-dur-Trio, die Phantasie für die Violine 
und Klavier op. 159 (komponiert Dez. i827)>^^) und das nach Griliparzers 
Dichtung komponierte Stindcben: «Zögernd Idse".'«*) 

Ueber die Entstehung des Ständchens erzählt Anna Fröhlich"'): ^So oft 
ein Namens- oder Geburtstag der Gosmar^"") nahe war, bin ich allemal zu Grill- 
parzer gegangen und habe ihn gebeten, etwas zu der Gelegenheit zu machen, 
und so habe ich es auch einmal wiedergetan, als ihr Geburtstag bevorstand. 
Ich sagte ihm: Sie^ lieber Grillparzer, ich Icann Ihnen nicht helfen, Sie sollten 
mir dodi dn Gedidit machen für den Geburtstag der Gosmar. Er antwortete: 
No, ja, wenn mir was einfällt. Ich aber: No, so schauen's halt, dass Ihnen 
was einfällt. In ein paar Tagen gab er mir das „Ständchen": „Leise klopf 

ich mit gekrümmtem Finger " Und wie dann bald der Schubert zu 

uns gdr<Mnmen ist^ habe idi ihm gesagt: Sie, Sdiubert, Sie mflssen mir das 
in Mu^ sdsen. Er: Nun, geben Sie*s dnmal her. Ans Klavier gdefant, 
rief er dn Ober das andere Mal aus: Aber, vnt das schön ist — das ist schönt 
Er sah so eine Weile auf das Blatt und sagte endlich: „So, es ist schon fertig^ 
ich hab's schon." Und wirklich, schon am dritten Tage hat er mir es fertig 
gebracht, und zwar für einen Mezzosopran (für die Pepi nfimlich) und für vier 
Männerstimmen. Da sagte ich ihm: „Ndn, Sdtubert. so Icann ich es nkdit 
brauchen, denn es soll eine Ovation lediglich von Freundinnen der Gosmar 
sein. Sie müssen mir den Chor für Frauenstimmen machen. Ich weiss es 
noch ganz gut, wie ich ihm dies sagte; er sass da im Fenster. Bald brachte 
er es mir dann für die Stimme der Pepi und den Frauenchor, wie es jetzt ist." 
Am 11. August 1837 nun wurde das Ständchen in dieser Passung gesungen. 
fjch hatte meine Schülerinnen" — berichtet A. Fröhlich weiter — „in drei- 
Wagen nach Döbling, wo die Gosmar im Lang'schen Hause wohnte, geführt, 
das Klavier heimlich unter ihr Gartenfenster tragen lassen und Schubert ein- 
geladen. Er war aber nicht gekommen. Anderen Tags, als ich ihn fragte, 
wanun er ausgd)lieben, entscfaukUgte er sich: Ach ja, ich habe dsrauf gans 
veiigessen. Dann habe ich das „Stindchen" hn Musikveretossaale (Tucfalauben) 
öffentlich aufgeführt, und ihn nachdrOcklich wiederholend dazu geladen. Wir 
sollten schon beginnnen, und noch immer sah ich unsem Schubert nicht. 
Dr. Jenger und der später erzherzogliche Hofrat Walcher waren anwesend. 
Als idi nun zu diesem sagte, dass es mir doch gar zu leid täte, wenn er auch 
heute es nicht hören s(dlte — denn er bat es ja noch gar nidit gehOrt; wer 
weiss» wo er wieder steckt ...... hatte Walcher die gute Idee: „XHeUeicht ist 

StlBBan, Fhutt SelrabMt 6 



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— 82 — 



er bei Wanner „nir Eiche" auf der „Brandstätte**, denn dorthin gingen zurzeit 
die Musiker gern wegen des guten Bieres. Richtig sass er dort und kam mit 
ihm. Nach der Aufführung aber war er ganz verklärt und sagte zu mir: 
„Wahrhaftig, ich habe nicht gedacht, dass es so schön wäre." 

Um diese Zeit lernte Schubert, wenn auch ganz flüchtig, den Dichter 
Hoffmann von Fallersleben kennen. Hoflmann war im Juni 1627 in Begleitung 
des Musiken Panofka und eines Kaufmannes Reimann von Bredau nach Wien 
gekommen. Seine germanisüschen Arbeiten führten ihn in die Hofbliothdc; 
die freie Zeit benützte er zu Ausflügen in die Umgebung Wiens. Bei einem 
solchen kam er mit Schubert zusammen. Hoffmann schildert diese Begegnung 
selbst in höchst anziehender Weise-"'): » • • • Schon mehrmals hatte ich g^en 
Panorica den Wunsch geäussert, wie gern Iclt Fnms Schubert kennen tenien 
möchte. „Gut", sagte Panofka, „dann wollen wir nach Dombach hinaus, dort 
ist Schubert den Sommer über sehr viel, und es ist auch besser, wenn wir ihm 
dort begegnen." Wir fahren mit dem Siellwagen eines Samstags gegen Abend 
hinüber. Bei unserem Emtritt zur Kaiserin von Oesterreich ist unsere erste 
Frage nacti Schubert. Da heisst es denn: ^fiet kommt schon lange nicht mehr 
nach Dombach — er mOsste sich denn des Sonntags mal einfinden.** Also 
etwas Trost doch auf moigen. . . . Den andern Morgen gehen wir in den Wald 
zum Jägerhaus, freuen uns an dem schönen Grün, lustwandeln oder liegen 
auf dem Hasen, frühstücken und kehren zu unserer Kaiserin zurück. Nu-gends 
ein Schubert. Wu* speisen zu Mittag, setzen uns auf den Stellwagen und 
fahren .... heim. . . . 

Wir versuchen nun einen anderen Weg, an Schubert zu gelangen. Wir 
aden ihn freundUchst dn in den wdssen Wolf.*») — Der Plats ist fflr ihn 
belegt, wir und der Wein warten auf ihn. Er kommt nicht, und wir trinken 

seinen Wein. . . . Vierzehn Tage später ist gerade Maria Himmelfahrt*«'') und 
die Bibliothek geschlossen. Um zwei Uhr fahre ich mit Panofka im StelKvagen 
nach Nussdort. Wu^ fahnden auf Schubert, vergebens. . . . Wir wandern 
weiter Us Heiligenstadt .... weiter bis Grinzing» und kehren tief im Dorfe 
ein. Der Wein schledit, aber es ätst skh gut im Garten. Ein alter Fiedler 
spielt aus Mozart und dreht sich nach allen Weltgegenden. . . . Plötzlich ruft 
Panofka-'^'*) aus: „Da ist er!" und eilt fort zu Schubert, der eben, von mehreren 
Fräulein umgeben, sich einen Platz sucht Panofka bringt ihn zu mir. Freudig 
überrascht begrfisse ich ihn, erwähne flüchtig, wie viel Mühe wir uns gegeb)en 
hätten, ihn zu finden, wie sehr idi midi freute, ihn persOnlidi kennen zu 
lernen etc. Schubert steht verlegen vor mir, weiss nicht recht, was er ant- 
worten soll, und nach wenigen Worten empfiehlt er sich und — lässt sich nicht 
wieder blicken. „Nein, sage ich zu Panofka, das ist denn doch ein bischen 
staik. Nun wäre mir lieber gewesen, ich hätte ihn nie gesehen, ich hätte dann 
bei dem Schöpfer so seelenvoller Mekxlien nie an einen gewOhnlidien, gldch- 
gültigen oder gar unartigen Menschen denken können. So aber, abgesehen von 
seinem heutigen Benehmen, unterscheidet sich der Mann ja gar nicht von jedem 
anderen Wiener, er spricht Wienerisch, hat wie jeder Wiener feine Wäsche, 
einen sauberen Kock, einen blanken Hut, und in seinem Gesichte, seinem ganzen 
Wesen nichts, was meinem Sdiubert ähnlich sieht — . . . . Franz Schubert, 
damab erst etwas über dreissig Jahre alt, schien mir eine recht gesunde, lebena- 
kräfUge Wiener Natur zu sein. Um so mehr musste mich das Jahr darauf die 



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— 83 — 



f A 


1^ 








Dr, Carl Pachler. 

• Graz 1790, t 1850. 

Nach tinem Aquarell von Teltscher Im 
BesiUe von tri. Ida KhOnl in Vitien. 



Marie Leop. Pachler, geb. Koscbak. 
> Graz 1794, t daselbit 18SS. 



BesiUe von 



Aqua 
tri. 



Ida Khünl in Wien. 



Trauerkunde überraschen, dass diesem bedeutenden Künstler nur ein so kurzes 
Leben beschieden war." .... 

Als der Herbst herannahte verliess Schubert am 2. September Wien, um 
in Gesellschaft seines Freundes J. B. Jenger die seit mehreren Jahren geplante 

Reise nach Graz zu unter- 
nehmen. Die Familie 
Pachler,**) die auch in Be- 
ziehungen zu Beethoven^'*) 
stand, hatte den Meister 
wiederholt zu sich in die 
schöne Murstadt geladen, 
und Schubert, der in der 
Frau des Hauses eine sogar 
von Beethoven hochge- 
schätzte Künstlerin**^) ver- 
ehrte, wäre dieser Ein- 
ladung längst nachge- 
kommen, hätte ihn nicht 
Geldmangel daran ver- 
hindert. — Nun hatte sich 
wohl wieder eine seiner 
intermittierenden Geldquel- 
len aufgetan und frohge- 
mut, erquickt durch den Anblick lieblicher Gegenden, die sie durchzogen, trafen die 
Freunde in Graz ein, herzlichst empfangen von Dr. Pachler und dessen Frau. Familie 
Pachler bewohnte damals ein an der Stelle des jetzigen Thonet-Hofes in der Herren- 
gasse in Graz gelegenes Haus (am Thonethofe wurde am 26. Juni 1907 eine 
Schubertgedenktafel, vom Wiener Bildhauer Hans Mauer gefertigt, angebracht) und 
brachte schöne Nachmittage, in dem un- 
weit Graz gelegenen „Hallerschlössl" zu, 
das Pachler's Freund Dr. Fr. Haring 
gehörte. Schubert genoss, als leiden- 
schaftlicher Naturfreund, in vollen Zügen 
den Reiz der Landschaft, die liebens- 
würdige Geselligkeit erhob sein Gemüt. 
— Einen Taglang (11. Sept.) wurde 
Schuberts Aufenthalt in Graz durch 
einen Ausflug des Meisters nach Schloss 
Wildbach bei Deutsch-Landsberg unter- 
brochen. Dies Schloss wurde von der 
Tante Pachler's, P'rau Anna Massegg be- 
wirtschaftet und einer Einladung dieser 
Dame folgend, waren Schubert und seine 
Grazer Freunde nach dem Landsitze ge- 
fahren, wo sie eifrig Musik pflegten. Bei 
den Liedervorträgen besorgte der Lehrer 
Fuchs aus dem benachbarten Orte Frauen- 
Ihal die Begleitung. (Dieser Lehrer 



Fuchs ist der Vater des Komponisten 



Maler Josef Teltscher. 
• zwiich«n IBOO — 1810 in Brünn ; im Pirius ertrunken laiB. 

SelbstportrAt im BrsiUe Herrn Dr. A. Heymann in Wien. 

6* 



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— 84 — 




Robert Fuchs). — In der schönen Murstadt, wo Schubert seinen Jugendfreund 
Anselm Hüttenbrenner wiedergetroffen und Beziehungen zu verschiedenen musi- 
kalischen Persönlichkeiten an- 
geknüpft hatte, kam es sogar 
zu einer öffentlichen musika- 
lischen Betätigung des Mei- 
sters. Er wirkte — wie dies 
0. E. Oeutsch mitteilte — in 
einem Konzerte mit, das am 
8. September 1827 im „Stän- 
dischen Schauspielhause'* 
(dem heutigen Theater am 
Franzensplatze) ,bey dop- 
pelter Wachsbeleuchtung* 
stattfand, und zwar — was 
Schubert besonders sympa- 
thisch gewesen sein mag — 
^.zugunsten armer Ueber- 
schwemmter und der dürf- 
tigen Landschullehrers-Wit- 
wen und -Waisen." Das 
Programm enthielt als No. 2 
derl. Abteilung: „Nordmanns- 
gesang aus Walter Scotts 
„Fräulein vom See", für Tenor 
und Pianoforte, komponiert 
und begleitet von Herrn Franz 
Schubert, auswärtigem Ehren-mitgliede des „steyerm. Musikvereines" (des Ver- 
anstalters des Konzertes). Als No. 1 der 
II. Abteilung erschien: „Chor für 2 Soprane 
und 2 Alt-Stimmen von Franz Schubert" (ge- 
nauere Bezeichnung fehlt. Es dürfte entweder 
„Gott in der Natur", komp. 1822, oder „der 
23. Psalm", komp. 1825, gewesen sein), als 
No. 4 „Geist der Liebe" von Matthison, in 
Musik gesetzt für vier Männerstimmen von 
Franz Schubert". Ueber das Konzert ist kein 
Bericht vorhanden, weder in einer Grazer noch 
in einer Wiener Zeitung. *"a) 

Nur sehr schwer und mit dem Vorsatze, 
im nächsten Jahre wiederzukommen, trennte 
sich Schubert nach ein paar Wochen von 
Graz und den Freunden. Am 20. September 
reiste er mit Jenger ab und fuhr über 
Fürstenfeld, Hartberg und Aspang nach Wien, 
wo die beiden am 23. September anlangten.**) 

So schloss das Jahr 1827 freundlich ab; es hatte für Schubert —'ausser 
so vielem Ernsten, das ihn persönlich betraf — ein ihn tief ergreifendes 
Ereignis gebracht: Beethovens Tod. 



Beethoven 

nach einer Zeichnung des Bildhauen A. Dietrich «ui dem Jahre 1816 
Aus Frimmel's illustr. Beeihooen- Biographie. 




Fr. Schubert. 
Nach einer Lithographie von Tellicher. 

Photographie von E. v. Miller jr. Wien. 



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- 86 — 



Seit Jahren lebten die beiden grossen Tondichter in Wien, ihre Wohnungen 
lagen bisweilen nur wenige Minuten Wegs auseinander. Trotzdem und trotz 
der anbetungsgleichen Verehrung Schuberts für Beethoven scheinen die beiden 
entweder nie, oder nur ganz tlüchtig in persönliche Berührung gekommen zu 
sein, was um so liefremdlicher erscheint, als eine ganse Anzahl von Freunden 
aus dem Kreise Schuberts auch dem Beethoven-Kreise angehörte. Pintericz, 
Hüttenbrenner und Hummel*"*) zählten ^ii Recthovens näheren Freunden, der 
junge Mozart-'"), Grillparzer pflegten Verkehr mit ihm, Teltscher-'°a), Jenger — dem 
wir eine ergreifende Schilderung von Beethovens letzten Tage verdanken — , 
Bauemfeld,'") wahrscheinlich auch Schwind"*"; kannten den grossen Meister. Fast 
wtire man versucht zu Rauben, was Lenz in sdner Beethoven-Biographie sagt: 
,,Franz Schubert kannte Beethoven nur kurze Zeit. Man hatte ihm den edlen 
Geist verdächtigt, ihn absichtlich von Beethoven entfernt gehalten. . .*• Auch 
diese „Kurze Zeit'* währende Bekanntschaft wird von — sehr zuverlässlichen — 
Gewährsmännern nicht zugegeben. Spaun sagt: „Schubert hätte sich glücklich 
geschätzt, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich Beethoven zu nähern, allein 
dieser war die letzten Jahre seines Lebens ganz verdüstert und unnahbar. 
Doch aber halte Schubert die Freude zu erfahren, dass Beethoven sich aner- 
kennend über ihn geäussert, ja, dass er, schon krank, mehrere seiner Lieder- 
hefte durchlesen und sich sehr freundlich darüber geäussert habe.*'-'") An anderer 
Stelle schreibt Spaun: „Schubert klagte oft, und namentUch bei dem Tode Beet- 
hovens,-'*) wie leid es ihm tue, dass dieser so unzugänglich gewesen und dass 
er nie mit Beethoven gesprochen." 

Wenn angegeben wird, Schubert sei beim Verleger Steiner öfters mit 
Beethoven zusammengekommen,^'") wenn A. Hüttenbrenner berichtet, dass 
Schubert bei Beethoven „ungehindert Zutritt hatte** und Schindler ausführlich 
erzählt, wie befangen ^ch Schubert bei der Ueberreichung der Beethoven ge- 
widmeten Variationen benommoi habe, so wiegt das alles dem Zeugnis Spauns 
gegenüber ziemlich leicht. 

Eine gewisse innere Wahrscheinlichkeit erhalten diese Nachrichten über 
durch die Mitteilung des mit Jengnr von Graz her an Beethoven*s Sterbelager 
geeilten A. HOttenbrenner: «Das weiss ich aber ganz bestimmt, dass Professor 
Schindler, Schubert und ich, ungefähr acht Tage vor Beethovens Tode, letzterem 
einen Krankenbesuch abstatteten. Schindler meldete uns beide an und fragte, 
wen Beethoven von uns beiden zuerst sehen wolle, da sagte er: Schubert 
möge zuerst kommen. Aus dem schliesse ich, dass Schubert dem Beethoven 
aus froherer Zeit bekannt war. (A. HQttenbrenners Brief an Ferd. Luib vom 
23. Februar 1858.) 

Auch eine aus den Memoiren des Dichters Rellstab-'*"') stammende Nach- 
richt gibt für die Möglichkeit bestehender, wenn auch etwas künstlerischer Be- 
ziehungen einen Anhaltspunkt. Nach diesen Aufzeichnungen habe Kellstab, der 
1826 in Wien weilte, Beethoven seine damals noch ungedruckten Gedichte vor- 
gelegt, denen eine Reihe von Liedern aus Schuberts MSchwanengesang** ent- 
nommen ist; Beethoven sei zu unwohl gewesen, um si^h selbst mit der 
Komposition derselben zu beschäftigen, und er (Beelhoven) habe sie zu diesem 
Zwecke Schubert übergeben. — Kreilich meldet Reilstab selbst, dass er die Ge- 
dldite aus Beethovens Nachlass wieder zurflckerhalten habe; Schubert mOsste 
sie also Beelhoven wieder zurOckgestellt haben. Da mit Ausnahme eines einzigen 
Uedes (die im Oktober 1828 auf ein Gedicht von Schuberts Freunde J. G. Seidl 



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— 86 - 



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geschriebene „Taubenpost") der ganze „Schwanengesang** im August 1828 
komponiert wurde und Schubert die Rellstabschen Gedichte sehr wohl aus der 
ersten, 1827 erschienenen Ausgabe kennen konnte, ist auch diese Beziehung 
swiscben den beiden grossen Meistern keineswegs als erwiesen Anzunehmen. 
— Nur ein Begebnis in Schuberts Leben ist sweifellos mH einer dimh Beethoven 

— wenn auch diesem un- 
bewusst erhaltenen Anre- 
gung in Beziehung zu 
bringen : das einzige Kon- 
zert, das Schubert 1828 
veranstaltete. Schon in 
einem Briefe an L. Kupel- 
wieser aus dem Jahre 1824. 
(31. März) schreibt Schu- 
bert: ,^ . . . Das Neuestein 
Wien ist, dass Beethoven 
ein Konzert gibt, in wel- 
chem er seine neue Sin- 
fonie, drei Stücke aus der 
neuen Messe und eine neue 
Ouvwtflre ' produzieren 
lässt — Wenn Gott will, 
so bin ich auch gesonnen, 
auf künftiges Jahr ein ähn- 
liches Konzert zu geben.'* 
Finanzielle Nöte, die Schu- 
bertEndei827 bedrängten, 
mochten der Anstoss ge- 
wesen sein, dass das Vor- 
haben endlich zur Tat 
wurde. Schubert selbst 
befasste sich eifrig mit 
den Vorbereitungen zur 
Aufführung, die zuerst für 
den 21. März angesetzt 
war, endlich aber am 26. 
MIrz — genau ein Jahr 
nach Beethovens Tode — 
unter Mitwirkung einer 
ganzen Reihe von erprob- 
ten Freunden des Meisters 

Im Saale des österreichischen Mustkvereines stattfand. „Der Saal war aberfüllt, 

der Erfolg ein so glänzender, dass die Wiederholung dieses gelungenen Ver- 
suches zu gelegener Zeit beabsichtigt wurde." (Kreissle.l Bauernfeld schrieb in 
sein Tagebuch: „ .... Am 26. war Schuberts Konzert. Ungeheurer Beifall, 
gute Einnahme. (8üü fl. W. W.) Schubert wurde unzählige Male hervorgerufen.'* 
So viel die Veranstaltung des Konzertes Schubert auch Mflhe und Arbeit 
gekostet haben mag, der Strom seines Schaffens floss unaufhaltsam, unberührt 
von allen äusseren Erlebnissen dahm. Schrieb er doch zu Anfang des Jahres 



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7 



Elnladun;; zu Schubert's einzigem Konzerte. 

PMOgraphu >von r. Anderer in VC'icn) nach dem OiMMU 
im ItesiUe von frL ida Khänl in Wien. 



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— • 87 — 



die grosse vierhändige Fantasie in F-moU^'^) und im März das breit ausgeführte 
Gesangsstück „Mirjams Siegesgesang''''^) und seine grusse Symphonie in 
C>i»), mit welcher er sich dicht neben Beethoven, sein gewaltiges Vorbild, 
stellte. 

Der erste Satz dieses Riesenwerkes wird mit einer wdt ausgreifenden An- 
leitung eröffnet, deren Thema: 



Andante. 
2 Horner 







manchmal wie ebi cantus firmtis behandelt wiid, wie 2. B. in dem ftSn cisdierten 
Abschnitte : 

manchmal entweder ganz 
oder in Teilen freieren 
Bildungen zu Grunde 
liegt Von jenen einzebien 
Teilen wird das Motiv 
m, in dessen ersten zwei 
Noten der rhythmische Keim des Allegro-Themas liegt, besonders bevorzug. 
Nach einer starken Spannung ringt sich endlich das eigentliche Thema des ersten 
SatseS**»): ^ j s , , 

k», das ebie l± . ^ . . l-A^i-i i-l-Yi -i .i=L 



maditige Ausfüh- 
rung erfährt 

Die zweite Haupt- .-- ^ 

melodie: ^^^Hlt^friH^ f f 

besitzt dnen reizenden r ' ' 

Einschlag von Fremdartigem, vielleicht Üngaro-Slavischem, das sich in der 
Symphonie überhaupt sowohl in der Stimmung als in der Melodik bemerkbar macht 

Ein eigentliches drittes Tliema enthalt der Satz nicht; alles, vom zweiten 
Thema an bis zur Repetiliun Folgende ist aus diesem und dem mit Auftakt 
auftretenden Motiv m (aus der Einleitung) entwickelt Audi die Durdiführung 
aibeitet mit diesem Materiale. — Die Reprise ist normal gebaut und mflndet 
schliesslich w icdcr in das lapidare Tliema der Einleitung» 

Das Andante con tnolo he- ^ ■ • - 

handelt das originelle Thema: -ft"^- F— -^^ ^^ TT ^ Tl f l ^"^"^ T 

mit welchem die Gruppe 

in Beziehimg stdit und die zwdte 
HaupUndodie 





hn Scherzfithema: 
griff Schubert einen Rhyth- 
mus auf, welcher ihn sdion 
1814 — in seinem B-dur-Quartett (als op. 168 erschienen). — beschäftigt hatte, 
jetzt aber durch den grossen Inhalt ein ganz neues Gesicht bekam. 

Als Gegensatz zu dem pochenden ersten Gedanken bringt Schubert im 
Scherzo die gesangvoUen Stellen: 
und 




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- 88 

* 

Das Sdierao vermeidet flbrigens die 
diemals übliche, vom Memiett her- 
stammende, liedmässige Befjrenzung und 
ergeht sich breit und vielseitig in thematischer Arbeit, wovon hierein reizendes 

Beispiel: 




1.V1. 




vu 




VJctIlo 



Das lyrisdie Wideispid dieses goistvvdlen Sctierzo's tnldet das ebenfalls 
in grossen Dimensionen gehaltene Trio mit dem Anfangstbema: 




Im Finale benseben die Themen; 





Schubert hat sein grösstes 
^:ir:g^::^^^ i^^^ } ^^^^^^ symphoniscbes Werk nie 
VC_iJ." gehat. Nach seinem Tode 

wurde es in einem Gesellschaftskonzerte (14. Dezember 1828) aufgeführt, am 
12. März 1820 wiederholt und — - dann vergessen. R. Schumann, der bei seinem 
Wiener Aufenthalte (1838) das herrliche Werk in dem von Ferdinand Schubert 
behüteten Nachlasse des Meisters auffand, ist als der eigentliche Erwecker des- 
sdben zu betrachten. Er sandte die Symphonie an Mendelssohn, der sie am 
31. März 18 im „Gewandhause" zur ersten AuflRttming brachte. — — 

Der Gesundheitszustand Schuberts fing im Sommer 1828 an wieder äusserst 
schwankend zu werden; vor allem peinigten dtn Künstler unausgesetzt heftige 
Kopfschmerzen. Aber sowohl der Wunsch, wieder sein geliebtes Oberösterreich 
zu besuchen, als auch derjenige, einer Einladung Pachters nach Graz zu folgen, 
musste unerfüllt bleiben, „da Geld und Witterung gänzlich ungünstig" waren, 
wie Schubert an Jenger schrieb. Der rastlos tätige Meister stürzte sich um so 
eifriger auf die Arbeit und schuf, statt sich Erholung zu gönnen, trotz seines 
Leidens und seiner Bedrängnisse ausser kleineren Stücken seine grosse Messe 
in Es, ein gewalltes Denkmal seines Geiües, den Lieder-CJ^dus „Scbwanen* 
gesang**^*) und das b«Qbmte Streichquintett in C, vieUeidit das klangschönste 
Stück der gesamten Kammermusikliteratur. 

In der Es- Messe hat Schubert mit Wucherzinsen zurückerstattet, was 
er der Kirche verdankte. Durch die Erfahrungen im Convikt und in der Lichten- 
thalerkirche war er mit geradezu wunderbarer Schnelligkeit zu einer ganz eigen- 
tOmlichen fnstrumentalsprache gelangt, an den fugierten Messsilaen lernte er, 
der die Sprache des Individuums besser kannte als jeder andeie, die stylisierte 
Lyrik der Polyphonie kennen, deren Sprache er gerade in seinem letzten kirch- 
lichen Werke mit so hoher Meisterschaft, mit so tieiem Ausdruck zu sprechen 
wusste. — Wie ein mächtiges Portale tut sich das Kyrie vor dem Hörer auf. 
Tief empfundene rührende Mu>ik, die sich einmal in einer genialen Orgelpunkt- 
steigerung gleichsam zusammenballt. ... Da dringen schneidende Scbmemns- 
laute aus Fagotten und Htirnern hervor, wieder nimmt der Chor sein „Kyrie 
eleison" auf, leise verklingt der Gesang, beschwichtigt, weiche^ gefärbt, schwankt 



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— 89 — 



das Leidensmotiv dem Ende zu. — Im hellsten Gegensatze zu diesem tief-d»- 
mütigen Satze schwingt sich das Gloria jubelnd empor; eine breite, eigentüm- 
lich skandierte Instrumentalmelodie schwebt, von den Worten „Gratias, agimus 
^atäf an lllMr dem Chor, mil einem — sich mit der ObUchen TextaufTassung 
diametral in Gegensatz stellenden — leise verbaucbenden „gloriflcamus, laadamus 
te!" schliesst die erste Gruppe. Nun beginnen — als Einleitung vor den Worten 
„Dominus Deus" — die Posaunen einen Inpideren Cantus firmus, bei dem das 
Streichorchester gleichsam in seinen Grundfesten erbebt. Unisono und mit voller 
Kraft setzt der Chor ein: „Oomine Deus*'. hat aber gleichsam nur den Mut, den 

Namen des Herrn mit lauter Stimme su rufen schon das nachfolgende 

„Agnus Dei*' lässt im Tone nach, das „qui toHis peccata mundi'* ist nur mehr 
ein schuldbewussles, leises Stammeln; dreimal kehrt, immer in ähnlicher Art, 
diese geniale Stelle wieder ; wie sich der Satz zum vierten Male aufrafit, steigert 
er sich, durch immer dringender werdende Bitten im Chore, bis zu einem fff, 
In das Trompeten, Posaunen und Hörner mit aller Madit hindndröhnen .... 

gleich darauf, zitternd und bebend, schliesst das Stück hat die Kreatur 

das Antlitz des Herrn gesehen? .... Eine kräftige Fuge (B-dur) über ein 
sehr langes Thema (Cum sanclo spiritu) schliesst den im grössten Style auf- 
gebauten Satz majestätisch ab. Das ist nicht die Stimme des Sängers der 
wMOUarUedei^, das ist dner, der es Michd Angelo und Beethoven gleich zu 
tun vermag. 

Aus dem Credo leuchtet das milde, für Soli geschriebene „Et incarnatus" 
hervor, ein Stück von herrlicher Erfindung und voll reinsten Wohlklanges. 
Bei der Erinnerung an die Menschwerdung Christi schlägt Schubert die 
weichsten, süssesten Töne an. Im Crudflxus trifft er mit ein paar Meister- 
sflgen die Stimmtmg des Höhepunktes der Christustragödie, und namentlich 
dort, wo der Chor, zum zweiten Male der Kreuzigung gedenkend, in einem 
ungeheuren crescendo aufschreit, da kommt Schubert mil seinen kühnsten 
harmonischen Eingebungen und erzielt damit eine Wirlcung ohnegleichen. Die 
Sohhissflige „Et vitam venturi'* wird bes(mders hiteressant von der Stelle an, 
wo ein chromatisch abwärts schreitendes Motiv eingeführt und festgehalten wird. 

Das Sanctus, einer der gewaltigsten Sätze der modernen Musik, bringt in 
jedem zweiten Takte eine andere Harmonik, eine üeberraschung um die andere. 
Wer es nicht schon gewusät hätte, würde es aus diesem Cyklopenbau erfahren, 
dass Schubert einer der kOhnsten Harmoniker aller Zeiten war und in diesem 
Betrachte dicht neben Sebastian Bach steht. Bei diesem Sanctus muss man 
unwillkürlich an die Oeniezüge in dieses Meisters G-nioU- Orgel-Präludium denken, 
das trotz aller modernen Künste in seiner imerhörten Phantastik nicht wieder 
erreicht wurde 

Das Osamia, welches das Sanctus abschliesst, ist der weitaus sdiönste, 
gedrungendste Fugensatz der Messe. Er ist unmittelbar aus dem lapidaren 
Thema hervorgequollen, nicht gemacht 

Im Agnus Dei stellt, wie mit einem nur dem Wissenden verständlichen 
Geheimzeichen, das Datum der Komposition eingeschrieben. Das Thema 
erinnert lebhaft an das im August 1828 geschriebene Lied „Doppelgänger". 
Die mächtige Melodie beschäftigte den Meister offenbar selbst in ganz un- 
gewöhnlichem Masse. Solche Anklänge sind bei Schubert oft vorhanden. 
Gewisse Lieblingswendungen kehren in den Arbeiten einer und derselben Zeit 
vielfach wieder. 



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— 90 — 



Das Agnus Dei enthält, abgesehen von seiner grossen Konzeption und 
seiner harmonischen Pracht, noch eine Reihe feiner poetischer Züge. Das 

gleich im ersten 
Takte in den Bässen 
auftretende syn- 
kopierte Motiv 
schleppt sich durch 
das ganze Gewebe 
fort wie ein unter 
Sündenlast schier 
zusammenbrechen- 
der Büsser. . . . 

Die scharfen 
Trompetenstösse, 
die einmal in ihrer 
starren Beharrlich- 
keit sogar zu einer 
herben Dissonanz 
— g in den Trom- 
peten, as in der 
Posaune — führen, 
sie mahnen gleich- 
sam an das Ge- 
„agnus dei", haben 

gemacht. Aber hier treten sie noch eindringlicher, noch 




Schubert's Sterbehaus. Wien IV, KettenbrOckengasse 6. 



im Gloria, ebenfalls bei den Worten 



rieht Schon 

sie sich bemerkbar 
drohender und zür- 
nender hervor . . . 

Je mehr sich der 
Meister in seiner 
Arbeit dem nahen 
Tode entgegen- 
schrieb, desto deut- 
licher sprachen zu 
ihm die Stimmen 
aus dem Jenseits . . 
Rüstete sich der 
mächtige Sänger 
ahnungsvoll zu der 
grossen Reise auf 
jener Strasse, „die 
noch keiner ging 
zurück . . Bald 
genug mussteer sie 
gehen! 

Im Herbste 182H 
verschlimmertesich 
Schuberts Zustand. 

Dr. Rima, der Schubert behandelte, riet ihm, eine mehr an der Peripherie der Stadt 
gelegene Wohnung zu beziehen, um rasch ins Freie gelangen zu können. Schubert 



®fAf« Wrmm* 1U*matt m 5 U»i i " ' |> li» »•f«a w 

lu*m e«t* 8">1 C^altM, tMtMtin (•■HUm. u4 mm larin t>iiii>i <i «M 
tm CjaH<at> >fT tniwa 0inV^«rTu>>«n , it. Ztn fmn Juni«. 

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} U«l . TM tm Ou|< Ml«. t»tMt tm riiHi« II XI uu(it<ala »tf »iM »«• Ut^ 

tmtß(<tim 

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Ji <•! 94<liii. 
ftl>i«i>i M im tn 9U*W- 



Gedruckte Todes-Anzetge. 
Original im BesiUe der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 



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— ai — 



quartwrto sidi daher Anfang September bd aetnem Bruder Ferdinand ein, der in der 

LumpertRasse 694 — jetzt Kettenbrückengasse 6 — eine Wohnun«; in einem neu- 
gebauten Hause---;' inne hatte. Dieser Wechsel übte kaum einen wohltätigen Ein 
fluss auf das Beßnden Schuberts. Auch eine anfangs Oktober mit seinem Bruder 
Ferdinand und swd Freunden unternommene Partie nadi Unterwalteradorf und 
Baenatadt — wo er Jos Haydna Grabmal aufeucbte und lange ainnend vor dem- 
selben verweilte — brachte keine Besserung. Nach Wien zurückgekehrt, verlor 
er allen Appetit, das Leiden begann einen ernsten Charakter anzunehmen. 
Trotzdem ratTte sich Schubert so weit auf, um noch am 3. November in der 
Hemalaerkircbe ein von Ferd. Schubert Itmnponiertea Requiem anzuhören, am 
4. November Seehter au beaoehen, deaaen System des Kontrapunloes er genau 
kennen lernen wollte. Es kam nicht mehr dazu'*'^). — Am 1 1. November wurde 
der Meister bettlägerig. „Ich bin krank", schrieb er an Schober, ,,ich habe schon 
elt Tage nichts gegessen und nichts getrunken und wandle matt und schwankend 
von Sesad au Bett und zurOck.** Er wQnachte in diesem letsten Briefe, den er 
achrieh, noch, Schober mOge ihm LelctQre verschaffen. Coopert ^ Die Freunde, 
Spaun, Lachner, Bauernfeld u. a. besuchten ihn, andere hielten sich zurück, 
nachdem die Aerzte die Krankheit als Nervenfieber diagnostiziert hatten. Am 
Abend des 17. November wurde das Delirieren, das ihn bisher nur von Zeit zu 
Zeit befallen hatte, heftiger und anhaltender, bi lichten Augenblicken erkannte 
er daa Gefahrvolle seines Zustandes, und einmal sagte er — mit der Hand an 
die Wand deutend — „Hier ist mein Ende!" — Am 19. November, Nachmittag 
3 Uhr, hatte er ausgerungen. Bauernfeld schrieb, tief erschüttert, in sein Tagebuch: 
„3a November. Gestern Nachmittag ist Schubert gestorbenl Montags 
sprach ich ihn noch, Dienstag phantasiette er, Mittwoch war er tot Er sprach mir 
noch von der Oper. Es ist wie Traum. Die ehriidiale Seele, der 
treueste Freundl Ich wollt*, ich Uge statt aeiner. Er gdit dodi mit Ruhm von 
der Erde". 

In das zu jener Zeit übliche Gewand eines Einsiedlers gekleidet, um die 
Sddäfen den Lorbeer — unter welchem die wallende Menge seiner Haare mit 
Kimmen featgehahen werden muaate - , lag er unentstellt, einem Schlafenden 
gleidl, da. Eine Menge von Kränzen ward an seinem Sarge niedergelegt. 

Am 21. fand die Beerdigung statt. Trotz des schlechten WeUers fanden 
sich, ausser den Familienangehörigen und näheren Freunden, eine grosse An- 
sahl von Verehrern ein. Junge Männer (Beamte und Studierende) trugen den 
Saig vom IVauerhause bis in die nab^de^ie kleine Pfarrkirche, wo Schuberts 
„Pax voblscum" — auf dessen Melodie Schober einen Text geschrieben hatte 
— und eine vom Domkapellmeister Gänsbacher komponierte Trauermotette unter 
Leitung dieses allgemein verehrten Künstlers vorgetragen wurde. Nach der 
Einsegnung wurde der Leichnam auf dem Ortsfriedhofe in Währing — einem 
oftmala ausgesprochenen Wunsche des Verstorbenen entsprechend — ein paar 
Schritte neben Recthoven begraben. Jenger, Hüttenbrenner und mehrere andere 
Freunde veranlassten die Abhaltung eines feierlichen Trauergottesdienstes, der 
am 23. Dezember in der Augustinerkirche stattfand und bei welchem Anselm 
HQttenbrenner doppelchöriges C-moU-Requiem zur Aufiuhrung kam-^). 

Auch die Frage der Errichtung eines würdigen Grabdenkmales kam bald 
in Fluss. Grillparzer schrieb eine „Aufforderung zu Beiträgen fOr ein GratH 
denkmal I'r. Schuberts", Anna Fröhlich veranstaltete am 30. Januar 1829 ein 
Konzert, dessen halber Ertrag dem Denkmaifond gewidmet war und das so 



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— 92 — 



grossen Erfolg hatle, dass es am 5. März — zu demselben Zwecke — wieder- 
holt wurde. Der Erlös der beiden Konzerte, sowie Beiträge von Freunden 
gestatteten bald, an die Errichtung des Denkmals zu schreiten, v. Schober 
entwarf die Zeichnung dazu in Gemeinschaft mit dem Architekten Förster. 
Die Büste-') modellierte der Bildhauer Franz Dialler, den Grabstein stellte der 
Steinmetzmeistcr Wasserburger bei-*^). 

Nun ruhte, was an Schubert sterblich war, bis zum 13. Oktober 1863. 
An diesem Tage wurden durch die Gesellschaft der Musikfreunde sowohl Beet- 



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//h.uä,/ I >,/, , */ //,,,.■ t„.i ,/' , 



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Das Original dieser, an Schuberts Vater ßerichtelen Einladung besitzt Frau A. Siegmund in Wien. 

Original-Photographie von H. v. Millrr Jr. in St/ien. 



hovens als- Schuberts Ueberresie exhumiert, um — durch Verwahrung in neuen 
Metallsärgen — vor weiterem Verfall geschützt zu werden. Am 23. Oktober 
wurden die beiden Särge in den in der Zwischenzeit neu hergestellten Grüften 
beigesetzt'^"'). Als in den siebziger Jahren der neue Zentralfiiedhof in Wien 
errichtet und die alten — seit Erweiterung der Stadt inmitten des Gemeinde- 
gebietes liegenden — Kirchhöfe nach und nach aufgelassen werden mussten, 
wurde der Beschluss gefasst, sowie Beethoven auch Schubert auf das neue 
Todenfeld zu überführen. Am 2j. Juni isss wurden Schuberts Reste neuer- 
dings der Erde entnommen, in einem Prachtsarge verwahrt und am 23. d. M. 
unter Begleitung einer nach Tausenden zählenden Menge auf dem Zentralfried- 
hofe in jenem merkwürdigen, malerii^chen Bosquet beerdigt, in welchem sich 



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Franz S'hubert's ehemalifte Grabstätte 

auf dem Währinger Friedbore. 

Nach einer Photographie aus dem Verlage 
von V. A. Heck in Wien. 



um das Gassersche Grabdenkmal Mozarts die Gräber so vieler grosser Meister 
der Tonkunst gruppieren, diejenigen Glucks und Beethovens, sowie neuerdings 
die Brahms' und Joh. Strauss"! Der Wiener 
Männergesangverein bestritt die Kosten eines 
neuen, von Kundmann und Hansen geschaffe- 
nen Denkmals. 

Diese Korporation liess schon Jahre vor- 
her im Wiener Stadtpark ein in Marmor aus- 
geführtes, ebenfalls von Kundmanns Meister- 
hand herrührendes Denkmal errichten, dessen 
Enthüllung am 15. Mai 1H72 stattfand. 

Die Pflege Schubertscher Musik geriet 
nach des Meisters Tode bedauerlicherweise in 
Verfall. Nur die Lieder, und von diesen 
meistens auch nur etliche Favoritstücke, 
wurden gesungen, immer wieder gesungen. 
Der Symphoniker, Kammer-, Klavier- und 
Chor-Komponist verfiel immer mehr der Ver- 
gessenheit. Robert Schumann gebührt das 
Verdienst, durch Wort und Tat für Schubert 
«ingetreten zu sein und ihn, als Erster, nach 
seiner ganzen Grösse gewürdigt zu haben. 
Liszt machte durch seine Bearbeitungen Schu- 
bertscher Lieder und Tänze wirksame Propa- 
ganda für diese Werke und brachte „Alphonso 

und Estrella" auf die Bühne; Herbeck führte 
im „Wiener Männergesangverein" nach und 
nach die Männergesangsstücke Schuberts 
auf — wenn auch oft in einer keineswegs 
empfehlenswerten, durch zahllose Eigen- 
mächtigkeiten entstellten Ausgabe, ent- 
deckte die H moll- Symphonie und eroberte 
„Lazarus" und den „Häuslichen Krieg'' für 
den Konzertsaal. Kerd. David, Hellmesberger, 
Joachim, die Gebrüder Müller machten Pro- 
paganda für die Kammermusik. Unter den 
Sängern wirkten für Schubert ausser der 
Schröder- Devrient Staudigl und dem Fran- 
zosen Nourrit (seit 1837) vor allem der ge- 
niale Stockhausen, der, in dieser Richtung 
ein Bahnbrecher, die grossen Cyklen zum 
Vortrag brachte und dadurch ungemessenen 
Enthusiasmus erregte. Helene Magnus, 
Stockhausens gefeierte Schülerin. Eugen 
Gura, A. Haizinger, Gustav Walter, neue- 
stens Dr. Felix v. Kraus, Hermine Spiess und 
die unvergleichliche Barbi folgten ihm nach. 
Die seit der Mitte der fünfziger Jahre immer steigende Erkenntnis von der 
Bedeutung Schuberts brachte es mit sich, dass sich der Wunsch nach korrekten 




Schubert's Grab-Denkmal von Kundmann 
auf dem Central- Friedhofe in Wien. 

^fach einer Photographie aus dem Vertage von 
V. A. Heck in Wien. 



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— 94 — 



Ausgaben und nach Edierung der zahlreichen, noch ungedruckten Werke zu 
regen begann. Randhartinger, Dr. Gänsbacher, Selmar ßagge begannen für die 
Revision der Lieder zu wirken, welche dann Dr. Max Friedländer, der sich auf 
diesem Gebiete überhaupt grosse, schwer wiegende Verdienste erwarb, energisch 
^ und im grossen Massstabe auf- 
genommen hat. 

Als die grundlegenden Vor- 
arbeiten für eine Gesamt-Ausgabe 
sind v.Kreissles grosse Biographie 
Schuberts"^') G. Groves Aufsatz 
Franz Schubert" im „Dictonary 
of music and musicians" (London 
1883 und 1899) und namentlich 
G. Nottebohms ausgezeichnetes 
Quellenwerk : „Them. Verzeichnis 
der im Druck erschienenen Werke 
von Franz Schubert" anzuführen. 
In Nikolaus Dumba,^) dem edlen 
Kunstfreunde, der seit langen 
Jahren auf die Sammlung aller 
noch irgend aufhndlichen Schu- 
bert-Manuskripte und -Reliquien 
bedacht war, erstand dem grossen 
Tondichter ein nachgeborener 
Mäcen, welcher, so wie einst die 
Sonnleithner, Grillparzer usw. für 
das erste Erscheinen Schubert- 
scher Werke sorgten, seine 
schützende Hand über der 
durch die Firma Breitkopf und 
Härtel unternommenen, das 
Wirken Schuberts in einem grossen Gesammtbilde vorführenden Monumental 
Ausgabe hielt. Ausser Brahms, Dr. E. Mandyczewski — dessen im Revisions- 
berichte niedergelegte Forschungs- Ergebnisse ein ganz neues Licht auf Schubert 
werfen — J. N. F'uchs, dem Revisor der Opern Schuberts, beteiligte sich eine 
ganze Reihe verdienter Männer an der Ausgabe die nun seit kurzem vollendet 
vor uns liegt, das schönste Denkmal für einen der grössten Künstler aller Zeiten. 




Schubert-Monument von (Kundmann) im Wiener Stadtpark. 
Nach einer Photographie aus dem Verlage von V. A. Heck in Wien. 




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> 




Silhouetten von M. von Schwind. 



ANHANG. 



1) Haydn scheint die Volkshymne im Januar 1797 komponiert zu haben. Am Januar 
dieses Jahres erhielt das Lied das offizielle „Imprimatur" durch den Grafen Saurau, der Haydn 
zur Komposition dieses seither weltberühmt gewordenen Gesanges veranlasst hatte. 
^ Die Familie schreibt sich jetzt Mück. 

Die .Consignatio copulatorum cx tiliali Ecclesia Seiberdorffensi siib parochia Altstadiensi 
pro anno 1754" berichtet: r:Copulati: In Majo, die 13, Assistens copulans: R. D. Andreas 
Richter Coop. — Copulati: Carolus Schubert, filius Joannis Sch. inquilini. — V'.(irgo) Susanna, 
filia Andreae Möck, rustici. Uterque ex Neudorff. Testes: Joannes Lindenthal, rusticus, et 
Joannes Bührent, rusticus, uterque cx Neudorff. 
Die Kinder aus dieser Ehe sind: 

Joannes Carolus Aloysius, geb. 3. April 1755, 
Franciscus Antonius, geb. 6. Jänner 1757, 
Maria Theresia, geb. 26. Oktober 175<*, 
Johannes Josephus, geb. Oktober 1761, 
Franciscus Theod. Flor., geb. 11. Juli 1763, 
Maria Theresia, geb. '2H. Juni 1765, 
Anna Elisabeth, geb. 18. September 1767, 
Anna Maria Thecla, geb. 2. Mai 1770, 
Gottfried, geb. 12. Februar 1774, 
Joannes Joseph, geb. 4. August 1775. 
Wie mir der hochw. Herr Pfurradministrator Kafael Riml In Hohcnseibersdorf, welchem 
ich alle diese Daten verdanke, mitteilt, lebt ein Nachkomme der Schubcrt'schen Familie, der 
Landmann Conrad Schubert, dermalen in Neudorf. Er ist sehr gut musikalisch. Sein Haupt- 
vergnQgcn besteht darin, auf einer kleinen Orgel zu spielen, zu welcher er sich ein originelles 
Trittbrett verfertigte. Seine Tochter ist Kirchensängerin. 

*) Seine Frau Susanna starb am 6. August I8()^>, 75 Jahre alt 

') Das Familiendokumrnt (früher im Besitze von Schubcrt's Bruder Andreas, dann seiner 
Tochter, Fr. Anna Sitgmund; derzeit ist das Schriftstück verschollen, die Veroffcnllichung ge- 
schieht hier nach einer vom Verfasser dieses Buches im Jahre 1870 gefertigten Abschrift) ist ein 
Register der „Geburts- und Stcrbefälle in der Familie" F. Schuberts scn , von diesem zum grusstcn 
Teile eigenhändig geschrieben, von seinen Kindern Maria, Joscpha und Andreas fortgesetzt: 



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nOstarü- ni tHittWIlt !■ 4&r RnriUe §u IciUttftn Frau ScMktrt 

Igoas PraiiE, geb. 8. Mirs 1785» frflli Uhr, t 3a Novmbcr 1844» nitti« Vt>2 Ulir 
(SchIagflui>X 

BBiiMli. gib. 1. mrB 1786» frth •/46 Ubr, t 13.'Aagi»t 1788, frflh 7 Uhr. 
CmI, geb. 23. Apifl 1787, mcbmiltag lAr» t 6. Februar 1788. frOh 7 Uhr. 
Franziska M»g<la1eM, gcb. t. Juni 1788, früh V|2 Uhr, t 14w Aogiut 1788, abends 
nach 11 Uhr. 

Pramiika Mi^dalena, gCb. 8. JuH 1789, frOb 3 Ubr, t 1- liiuiar 1792, frOh Uhr. 
Frans CM, geb. la Aogust 1790» nacbmiHsg 6 Ubr. f la Septambar 1790^ frOh 
•^n Uhr. 

Anna Caroline, geb. 11. JuU 1791, früh ^/^\2 Uhr, f 29. Juli 1791, früh um 7 Uhr. 
PMms, geb. 29. Joni 1792, Mb V42 Uhr, f H. Jinner 1793, frth Vs6 Uhr. 

Josef, geb. 16. September 1793, früh ' 4I Uhr, f 18. Oktober 1798, nachts 11' I hr. 
Ferdinand Lukas, geb. 18. Oktober 1794, frOh Vs« Ubr, t 26. Februar 1859, 

früh 4 Uhr (Typhus) 

Prens Carl, geb 5. November 1795, abends »/tl2 Ubr, f Dienstag, 2a Mirt 1855, 
nachts (Herzleiden). 

Franz Peter, geb. 31. J&nner 1797, nachmittag •'j2 Uhr, getauft I. Februar, 
t Mittwoch, den 19. November 1828, nachmittags 3 Uhr (am Nervenfleber), begraben Samttag, 
23. Novmnber 1828. 

Aloysia Magdalena, gd>. 17. Desonber 1799, frflh Uhr, t 18. Desember 1799, Mb 

nach 6 Ubr. 

lisria Theresia, geb. 17. September 1801, frOb »/«S Uhr, varehalidits Sehnaldcr. 

1812, den 28. Mai, am Frohnteichnamstage, nachmittags 4 Ubr, starb die innjgstgesebltsts 

Eh^ttin Elisabeth, geb. Vitz. 

1813, den 25. Apnl, vermihlte ich mich zum zweiten Male mit der werlgeachätiten 
Jnngfrsu Anna KleyenböA, geb. 1. Juni 1783. 

Mariu Barbara Anna, geb. 22. Jänner 1814, VfiO Uhr abends, getauft 23. Jänner, nsdl* 
mittags 4 Uhr, t Mittwoch, f>. August 1835, nachmittags um 4 Uhr (Luftröhrenschwindsucht.) 

Josefa Theresia, geb. 8. April 1816, früh ^48 Uhr, geUuft 9. April, nachmittag 5 Uhr. 
Verehelicht* Zant Wttwe. Verehdichls Bitttian. f 27. Mai 1861, Monfa«, 8 Uhr nachmittags. 

(Typhus.) 

Theodor Cajetan Anton, geboren 15. Dezember 1816, früh 3 Uhr. Getauft 16./I2., nadk* 
mittag Vr*» ^^<^- t 30. Juli 18)7, früh Vs» Uhr. 

Andreas Theodor, geb. 7. November 1823, frflh Vt^ Uhr. Verehelicht mit Anns Flenriett 
(geb. 28. Mal 183(<) am 14. Februar 1855. 

Anton Eduard, früh » ^7 Uhr, 3. Fcbrucr 1826. Primiz 29. Juli 1849. 

Am 16. Dezember 1787*) aUrb des Schullehrers Vater, Carl Schubert um Va^ Uhr früh." 

*) Vster Sdinbcft und sdne Frso Elisabeth kanflen das Haas pSuf dem P^graad 
Sporkenbichl sub No. 14 zum schwarzen Rössel genannt" laut Kaufskontrakt vom 14. Marz ISOl 
von Elisabeth Mulzerin, die es am 26. Jänner 1793 von Ihrer Mutter geerbt hatte. Die „Um- 
lagen* waren damals nicht bedeutend. Schubert bekam diesbesQgUch eine Zuschrift: .Davor 
dienM man der K. K. Ksmeral-Herrschaft HfanmelpforU JIhrlidi su Michaeliseit 45 Kn. so 
rechten Grunddienst und nicht tnehr. D.mn ist auch an Robolgold jährlich unaK-inderlich fünf 
Gulden nebst all übrig herrschaftl. landesfürstl. und Gemeinabgaben zu entrichten.* Am 
28. Mai 1812 stsib Frau Elisabeth Schubert Am 16. JuH 1812 wurde jedem der vlar am ' 
Leben bafindiichen Kinder, Ferdinand, Carl, Frans und Theresia (warum der ErstgeboMM^ 
Ignaz, übergan^ren wurde, ist nicht bekannt) ein mütterlicher Erbantheil von 204 (1. (zusammen 
816 a.) grundbücberlicb gutgeschrieben. Am 3a Mai 1827 löste Vater Schubert diese Anteile 
wieder ab und blieb, bis Jak. Ridul und Frau das Hsos von ihm kauften, sUdniger Bigsntflmer 
desselben. Dermalen gebttrts das Haus der Familie DQrböck. — 

*) Das Datum 16. Dsssmber ist in dem Doknmsnt uorieMIg; d«r hochw. Herr Pfatr- 
administcstor Ruf. Rhnl hat das rlditige Dsturo — 24. Desember 1787 — lostgestsllL 



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— 97 — 



") Der älteste der Brüder, Ignaz. wirkte als Schullehrer in der Rossau, Ferdinand, der 
dem Meister am nächsten Stehende der Familie, wurde 1809 Scbulgehilfe im Waisenhause, 
1816 litlinr daselbit, 1820 regens diofi in AlbLardMOlUd, 1824 L^bnt an dtr Wormil IlMipt- 
aehuit tu St Anna itt Wteo, 18&1 Dirdrtor di«aar Anitilt und itarb 1889. Br maebto liGh 

durch theoretische Schriften pädagogischen und musikalischen Inhalts, sowie durch Kirche»« 
kompositionen bekannt. Auch verwahrte er nach F. Schubeit's Tode dessen musikalischen Nadl- 
Imi. — t^tal Sditibert ward ein tflchtiger Landaehaflamakr. und Kalligraph. Von den Halb- 
brfldem Schuberts's starb Andreas als kk. Rechnungaiat am 20. April 1893, der jQngste, Anton 

Eduard «als Schottenpriester Pater Hermann) am 7. September 1892 zu Kaltenleutgehcn bei Wien. 
Am 17. Juli 1887 hatte er seine 1000. Predigt gehalten — Meister Franzens Vater starb am 
9. Jali 1880, deatea swell« Frao im Jantiar 1860. 

s) Michael Holzer, geb. Wien, Himmelpfor grund, 20. März 1773, gestorben Wien, 23. April 
1R26, Chorregent und Komponist. (In der Wiener Schubert-Ausstellung 1897 war ein Manuskript 
Holzer's, eine Phantasie in ODur für Pianoforte, zu sehen.) 

•) Antonio Salieri, geboren 19. Augifat 1780 sd Legnago, geatoiten 7. Mai 1825 in Vnm, 
Schaler seines Bruders Francesco, Simoni's und des Hofkapellmeisters Florian Gassmann, der 
ihn in Italien kennen lernte und 1766 nach \V;cn brachte. Hier lernte Salieri Gluck kennen, 
der sein eifriger Förderer wurde. 1788 wurde Sahen Hofkapellmeister, in welcher Stellung er 
Ms zu setner Pensionierung (1824) veibli^ Mit ihm war einer der berOhmtesten Opemkoapo> 
nisten seiner Zeit, eine Hauptsäule der italienischen Musikerpartei in Wien, ein rücksichtsloser 
Kämpfer gegen al'es Deutsche, dahingegangen. Er galt, wohl mit Recht, als Mozart's heftigster 
intriguanteater Gegner. Das Märchen, er habe den Meiater des .Don Juan" veigiftet, bertiht 
aber sidierlich nicht auf Wahihett 

'*>) Jos. Eybier, geboren 1764 zu Schwechat bei Wien, Schüler Albrechtsberger's, \HOl 
kaiserlicher .Musiklchrer, 18'>4 \'ice-, 1825 wirklicher Hofkapellmeister, gestorben 1846 in Wien. 

11) Jos. Freiherr von $paun war 1788 in Linz geboren, trat 1806 ins Convict in Wien, 
wurde 1811 Reehtspiaktikant, 1835 Regiarungsnt, 1841 Lottodfreittor und HtOM^ «tub 1865. — 
Der Herausgeber konnte durch die Güte Frau M. v. Baurnfeinds eine wortgetreue Abseht ift der 
Spaun'schen Memoiren ein-^ehcn, und ist daher imstande, einige Inaher noch nicht liekanate 
Stellen dieser wichtigen Aulzeichnungen zu veröffentlichen. 

Wir beteiohnen sie von nun an stets: Ges.-Auag. 

'8) Eines davon erschien Gcs -Ausg., Serie V^, No. 1. 

m Zumsteeg Joh. Rud., geb. 10. Jan. 1760, f 27. Jan. 1802; abrieb Opern, Kirchen- 
kantaten, Lyrisches, Balladtn. Mitschülrr Fr. v. Schillers in der Carlschule. Wertvolles über 
<)ie Besiehungen Sdiubert'a su Zumsteeg - enthilt der Auftats Ton Praf. Dr. Ad. Sandberger: 
«Johann Rud(df Zumsteeg und FranzSchubert." (Beilage suTnAllg Zeitung**, MQndwn» 15bDes. 1906. 
Nr. 291.) Wichtig auch L. Landsboff: J. R. Zumsteeg. 

1«) D. E. MandyxewsU bemeritt in seinem Revisloosbsridit dar Ges.>Auag., Sar. I.: 
«Sdmbcits HsndschriAan aus frflharer Ztit seigen durdiwegs kflhne, grosse SchrifUO^ und eher 
eine Papierverschwendung, als ein schonungsvolles l'mgchcn mit dem teuren Materia!. Erst in 
späteren Jahren wurden Schuberts Scbriftzüge zierlicher, feiner und kleiner, und vom liederreicbeo 
Jshre 1815 sn geht er immer sparsamer und vorsidittger mit dem Pfepier um." 

X) des alten ICärnthnertor-Tbeatan. 

H) Ges.- Ausg. Serie XV. No. 1. 

^'a) Die zwei auf Seite 98 und 99 reproduzierten Seiten aus einem Notizbücblein Jos. Hütten- 
brenners niOgen bensugen, einerseits in welch' steter Geidverlegenheit er war(.Sdiubert haar . . 

kehrt mehrmals wieder) und andererseits, wie bereit J. HQttenbrenner war, mit grosseren und 
kleineren Summen auszuhelfen, sobald es not tat Die Notizen: „Brief an Weber [C. M. v. Weber] 
und Antwort", „Otto von Holbein", .Peters geschrieben und Antwort" beziehen sich auf Einzelheiten 
von Sehuberto Brierwtcbset, die im Teito bchaoddt aind. — Recht betrflhend ninunt aieh die 
Aufschreibung vom 9. 8* 1822 aus. Sie lautet: „Notenpapier fOr die Messe 4 FL 80 Xr., dem 
SandbOchler a conto für's Copiren 3 Fl. . . Schubert lOXr.'MIl 
1*) Später Direktor des k. k. Hofburglheaters in Wien. 

Keimaaa, Fnwt Schabert. 7 




- 98 — 

•♦,r Alb- Stadler 'ce^oren ;7>4 in Stextr, gestort«n 5. I>ei?ti;b«r la Wien) lr»l 

IH',2 in't SUdtccn\.:t. absolvierte IS IT i:e ;uri±5ch«n Sluiien und widicete sich der Bcamien- 
lautbahn. Er war d;cht?r,Kh ur.i r7..:5n£a;:sch veranlagt und schon in (rjhesier Zeti ein 
leidenschaftlicher Anhänger Sch-bert». . . . rr.it Schubert* Mui« bin ich ganx leicht sehr 
vertraut geworden, denn ich lebte rr n dem Verklärten viele Jahre im persönlichetJ freandschafi- 
lichcn Unt'ane ur.d war irr.aer der E'ste ira Beli ze se ner I'.jbt jriien und der Urschrift . . ."* 
»chre:rt er ;%32 an den s:einächcn b chter C G. v. Le:tner in Graz. — Auf s ineo Reisen naH» 
f Jber-Oe*terreich traf Sch.;ber; irii Stad'er inifrer w;cder zusaxr.n^en. Schubert koinponierle 
n;ehrere l^ichtunjico Stadlers- 

- I Joh- Mirhael Senn, pebvren in Pfurds iT;r. ; . I. .April ;T>2, ges'orben Irnsb-uck. 

A '. September :S''T. »-ar von l*»"'" an 
.n'. Cor.vict. wo er ^h-bert :yjcht:p kennen 
lernte. *pä er aber du'ch Spa..n oder 
Schobert mit 1*^01 in nähere Verbindung 
tr^L A!s Senn .we.;en Tciliahtie 

an burschtn>chafil ch?i Tnnk^ebgen und 
wep n fa^.atlsc^.er Hmnefi-'un^ zu den 
Him:;esp:n5ten von Vi.IiLäiunj und Re- 
präsentattYsyslein" von W.en abjcschafft 
wurde, wid. rsetzten «tich die zu'_i ig an- 
weserden Freunde Schubert und Bruch- 
mann der Verhaftung und erhie'ten hier- 
für einen strengen arr tHchen Verwe s. 
Senn nahm in Innsbruck .\ureotbaU (hier 
erschienen auch, ISS**, seine ^Gedichte" ', 
trat für kurze Zeit in deD Militärdienst, 
wurde spater Advokatcnschreiber und 
starb endlich in tiefer Armuth itn Spital. 

*'i .Anton Holzapfl war der älteste 
und intimste Jugendfreund Schuberts; 
er kam |8"^ ins Convict, wurde später 
Beamter und starb am - . Oktober 
in Wien. Schuberts Jugendfreund Ebner 
(1791 — ISTö. Hofkameralrath, eifriger 
Sammler Schubert scher Werke) sagt, dass 
Holzapd „ein enthusiastischer Musikfreund 
war und mit Schubert bis zu dessen 
Tode in Verbindung stand.* 

— ) In einem Briefe an Kr. Pachler 
in Graz, de dato September IHJ", 
schreibt Schubert: .... zu einer innigen 
Fröhlichkeit (^el-'m^^t man selten oder nie. 
F.'\ isl zwai int.-lich, dass ich selbst Schuld bin mit meiner lanjjsamen Art, zu erwarmen . . 

Th. Kotner wci'.tc \<>w .A'j;:usl IMl bis .M;irz 1M3 in Wien, verkehrte viel in 
musikalischen Kreisen und war ein eiJ7ii;<:ä .Mit;;Iied der gerade damals neu entstandenen 
»Gesellschaft der Mu«>ikfrcundc"', in deren Aufftihrunücn er als Bassist nrtwirktc. 

Ncstroy war mit Schubert sehr gut bekannt und s;ini,- wiederholt in den Männer- 
quirtftten Schuberts die zweite Ii;i*5slinimc. — Auf der B.ihne war Nestroy in Wien zum 
cr-.tcn Male am (>. N<»vcmbcr aN Gouverneur in Grctr\-5 „Kvhurd L'.wenherz" in Theater 

a. J. Wien aiifictrcti-n. Man rühmte al . gemein seinen schonen Mas-*. 

l>ie Symphrjnie wurde zur Naniensfeicr des Omvicts.; nkjors J. Lang \-on den Zoi-- 
tint^en .iurt;e führt. 

-', iJas spate Datum des zweiten StUckes konnte auffallen! W"aren doch ^Die Befreier 




Aus Jos. HüHenbrenncr's Kinschreibbijch 
Original im bntitf des Hrrrn Rad. von VCtis-Ostbom in 
KnillrlfrlJ 'Striermarki 
fPhotographie von Rud. Praseh in Vienj 



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~ 99 — 



Europas*^ schon am 31. Mirs 1814 in Paris etogesogvo. Napoleon seit 4. Mai auf Ell». — 
Schubert halte die Komposition wahrscheinlich unter den frischen F.indrücken entworfen; die 
vieUaofaen Aendeningen schoben aber die Vollendung bis zum 16. Mol hinaus. (Revisionsbericht 
der Ges^Attsg. S«r. 3CX. Seite 117, No. 584). 

") Es sind noch Studien eriialten (Ges.<Au8g. Serie XX. N'o. 67(^—572), weiche sich auf 

die Icorrckte Behandlung der italienischen Sprache beziehen. 

^) Porpon wohnte Kobltnarlct No. 11, Salteri in der Göttweihei^asse 1 (alt, Stadt 
Na 10081.») 

*a) Auf diese Vorginger, deren Arbeiten — Jene Zumstergs ausgenoauoen — Sdiubert 

zum i,-ro>stcn '^<^i'<-' unbekannt geblieben sein dQrflen, haben Prof. Dr. Max Friedlaender und 
Dr. Ludwig Schcibler in Bonn hincewiesen. 

**) Das Haus gehörte nicht — wie 
Kreisele angiebt — Salieri, sondern wm 
vom 16. Juli Min an im Besitze Carl J.ik. 
Helferstorffers. Vom 21. Dez 1W >S ,„ V ■ 
saüsen es Joh. Bapt. HelferstorfTer und die 
minor. Salierischen Kinder. Von 18/8 an 
19/12 des H iU'^est Anna und Kath. Salieri und 
(3/12) Farn. H Iferstorfer, von 1H29 an Kath. 
Salieri, verchliclile liumfcld '/OO. Xawera 
Antonia Salieri 5/60 und die min. Anna Sa- 
lieri r>*'^>. Von isj'j an besass EJ.tar.l 
Rumfeld, Sohn der Kath. Salieri, e nen Anteil. 
Von 1847 an geborte das Haus (welches in- 
zwischen umgebaut wurde) Susanna Wagner 
laus der Fdtiiilic HelferstorfTer) allein. 

Anselm Hültcnbrcnner (geboren 
13. Olttober 1794 tu Gras, gestorben 5. Juni 
1868 Andrits bei Gras) besuchte das Gym- 
nasium tifd die phi'osophischc Fakultät und 
wurde iÖil Kleriker im Stifte Rain. Trat 
aber wiejer aus dem Kloster, um in Wien 
die Rechte und — bei Salieri — Contrapunkt 
zu studieren. Hier lernte er — \H\'> 
Franz Schubert kennen. Verkehrte viel mit 
Bethoven, bei dessen Tode er anwesend war. 
— Nach Steiermark zurückgekehrt, wurde 
Hiittcnbrenner DireVtnr des Grazer Musik- 
Vereins. In der Zeil dieser seiner Wirksamkeit 
hat er nicht ein Orchesterwerk Schuberts 
cur AuffQhrung gebracht. Kmer .Aulfor- 
derunp Fr. I.iszts entsprechend (Jer, einer 
Anregung Schobers folgend, 1854 in Weimar Schjbcrts „.\iphuns und L.strclla" zur 1. .Auf* 
ftthrung brachte und Ober das Werk einen, in seinen gesammelten Schriften Band III. I wieder- 
abircdruckten Aufsatz scSricb). vcrfasstc Ilüticnbrcnncr im seihen Jahre c;ne Bii>f.'r.)ptiic 
Schuberts unter dem Titel: „Bruchstücke aus dem Leben des Liederkomponisten Franz Schubert". 
Diese Biographie, deren erstes Concept der Graser Buchhändler Cari MQhlfeit von Hütten- 
brenner erworben hatte (und der Herausgeber dieses bei Mühlfeit vor langen Jahren gesehen 
hat) erschien, von O F. I>e;i!~.l) her uis^cKchen zum ersten Male vollst.m.ü^ ini „Grillp;irzcr 
Jahrbuch" rAX>. Hans von der Sann hatte vorher Auszüge daraus in der Grazer Tagespost 
(4., 6. und 7. November 1891) verüfTentlicht. 0. E. Deutsch hat Obrigena in der „Neuen freien 
Presse* (23. Februar 1906) eine Eintragung Schuberts in d.-is im Landesnuist um ,Joan- 
neum* in Graz befindliche ^Stammbuch" A. Hültenbrenners bekannt gemacht. Uer Meisler 




Alis Ins. Htitfcnbrenncr's Finschreibbuch. 

Original im Ui sitze lies Herrn Rud. v. Weis Ostbom in 
hmtietfeld (StHmmHH, 
(Photographie von Rud. t*nueh In Vten}. 



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— 100 — 



schrieb daselbst fidgpode Stella am dar cleeroalMliM VailaidigttQgarada Ar dm iltaren 

C. Kabirius: 

.Exiguom ooUa vitaa onnkalam natum atfenoMcripsit, immansain gloriaa. 

Cbaro ex Orat 

pro Rabirio 

Vindobonae 16./ 12. 1817. Francisc. Schubert." 

Ein auafOhrUcbes Tagebuch, welches HQttenbmioar gagen 20 Jahre lang fahrte „und 
worin Sdmbait vom Jabr» 836 bia 828 gairiaa mOutn bniidartaul vatkam*, bat HOttanbcamMr 

1841 verbrannt. »Vor 1815 bis 1821, wo ich heiratete, waren wir unzähÜRc mal zusammen.* 
(Brief an Jos. Hfittenbrenoer vom 4. April 1842.) — Hütteobreaiicrs Bruder Josef gehörte auch 
sum Bekanntenkreiae Sdnibarta. (Siaba Na 17a.) 

8') Katalog der Schubert- Ausstellung bl Wien 1897. 

^) Das Maus, ein echtes altes Wiener Vorstadthau», befindet ikb bautsntaga QOCh im 
selben Zustande als zurzeit, da Schubert darin lehrte und wohnte. 

Im ArcbiT der uPhilharmonniache Gesellschaft** in Latbach findst sich fulgende 
Aamaarung dar Dircktioii dacsalbao Csadlaebaft Obar dan Bawaibar Frans Scbnbart: 

«Sebubert Fra.iz, Schulgehilf in Wian. 
Gabnrtaort: unbekannt 

Muaik'Kanntalaaa: A. Ofgs^ Violin und Caaanft Mbr anpftbiand» ist logMch 

Komponist; Blasinstrumente lubdianttL 

Moral i tat. B. sehr gut. 

Bemerkungen. Dieser Bittsteller, dasaan Atter nifgend vorkömmt, ist ein Zögling des 
k. k CofiTiota: war HoMngsrknaba und dOrfla vamHitbUcb nodi aiiir Jang and ladig 
seyn. Er wurde von dem k. k. H. Hofkapellmeister Selieri für die Musiklehrtrstelle als 
fähig erklärt und selbst von der Stadtbauptmaonschaft und Schulobeimafaicbt in Wien 
vorzQglich empfohlen. 26. Mal 1816.'' 

Danial<« das fdrat-^nbU^flOicba Ordinariat 
•) In Notiten. dia Fr. Scbubarte Fraund StainbOok (1799—1884) bfaitarlaaaanp wird «r- 
wtbnt, Sch. sei auch noch in dar grflnan Toigasaa Sebulgahillb aalnaa Vatara gaareaan. DIaa 
daatatauf das Jahr 1818. 

*) MittaUung Sr. HoobwOfdaa da« Harm Domberm n St Stofto Fr. iConihaiaL 
*i) Dik Buaab. Maodyosawaki, bot nachgewiesen, dasa dar Taxi diaora Ltedaa von G. t. 
Leitner herrOhrt. Die Skizze dürfte sus dem Jahre 1827 stammen. Obwohl Schubert bereits 
ainzelncs von Ldtners Dichtungen kannte, — die Komposition von , Drang in die Ferne* stammt 
aua dam labre 1823 — ^ trat ar danaalban erst niber» als ar In Gras 1627 In dar Fanilla aalnaa 
Freundes Dr. Fachler gans baaonders auf den im Hause deaadbcn freundschaltlich verkthrMidan 
Dichter aufmerksam gemacht wurde. Es folgte nun eine ganze Reihe von Kompositionen zu 
Lcitncis<.hcn Gedichten. — Ein persönlicher Verkehr zwischen Schubert und Leitner fand nicht 
alatt LeUnar bat dies oll beklagt 

*l Man beutst keina Nachricht databor, daas Scbobett Ja — giaiob Beetboven — sieb 

im Freien, auf Spaziergängen Notizen gemacht habe. Auch ist kein einziges Skizzcnburh im 
Sinne der Beetbovenscbtn erhallen j wahrscbeinUch war nie ein solches vorhanden. — Selbst 
Ar aaln« grOaatan Werks achafait Scbobeit keine Pllna von taagar Hand bar gaaMdifc sababan. 
Nur bei einem Stück, dam «Gesang der Geister über den Waaaam*, Hast aldi ab raokwaiaai^ 

aber planmässiges Entstehen nachweisen (siehe S. 47). 

"*) Das im Besitz der Stadt Wien befindliche Manuskript ist besonders sorgfältig ge- 
aohrlebeo. Der Rdnscbrift sind wahrscheinlich Skiasaa voraiiagagangan. 

*f Wie bdwnnt, wurden viele von Sdniberts Liadam bd Labsaitan das Maiatars heraus- 
gegeben, eine Unzahl nach seinem Tode, eine ganze Menge bis vor kurzem gar nicht. Die 
Gesamtausgabe bringt 133'/t Lieder, die bis dahin gar nicht oder in entstellter Form bekannt 
waren. Oaa Vs arklirt aieh dadurdi, dass von abiam Stadt (No. 36, «Am Saa*) Uahar nor — 
dia aratan 21 Takte aradiicnan waren. 



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— 101 — 



In der Gesamlaoigabe ist nicht bcaondeni bemerkt, welche N'utDmern"ki (lerstlheO .' 
SUR) ersten Male crichcinen. Wir Rcstalten uns, diesethcn hier aufzufChreni -l^lo. f,* 2,- o, -f, 8, 
7, 8, 12 (• und b, d. b. erste und zweite hassung), 13— If», 16, 17, 18, 19, 21, 22, 23, 24, 
96 (a ood bX aO^ S4a, 86 (von dieMn encUnieB oor 21 Takl«\ 87«, 46b^ 47, 48a. 49a, 
50, 52, 53, 54, 60, 63, f.5, 67a, 70, 74, 76, 77, 79, 91, 1(0, 102, 103, KH, I07a, 125, !:6, 
128, 130, 132, 133, 134. 137, 138«, 140«, 141, 11!^. 145 (a und c), 150, 152, 153, 154, 155, 
166, 168, 159a. 160. 162, 163. 164, 166, 166, 167, 170^ 172. 173, 174 (a, b. c), I76b, 178, 
(a «ad bK 182, 188, 184, 186a, 186, 180^ I9ft, tW, 194, IVI, 199, 201a, 203, 204, 211, 
212, 213, 214, 216, 218, 219, 22t), 222, 224b, 225, 228, 232, 236, 243, 244, 245, 246, 250, 
263, 264«, 266«, 266, 257, 259, 264, 265, 266a, 267, 279, 280, 281, 290, 291, 295b, 3C3, 304, 
810b, 812«, 814«, SI9, 321, 323, 327 (a, b, c), 334a, 346, 346, 347, 367s, 359b, 364, 37ia, 
380a, 387a, 390«, 408b, 409a, 416a, 419a, 465a, 468a, 478a, 495a, 526a, 54(>a, 544a, 545a, 
670^ 671, 572, 573, 582, f83, 584, 585, 587, 58Q. 501, b'r2, S'*4, 595. 097, 598, 5W, 600, f>Oi. 

Einige sind unter die allerbesten Lieder des Meisters zu zahlen, so z. B. 589, , Herbst", 
da» ab hOeliat «tssotanBeh««^ gfoaiaftliM Waik giltoB darf. Msritwflrdig genng wurde «a 
anfgefundcn. Schubert, der ehcn am .Schwanengesang" kompoiiierte. schrieb es in das Autft- 
graphcnalbum Panofkas, des berühmten Geigers und Gesanglchrcrs, der 1822 mit Hoftmann 
von Fallersleben nach Wien kam und Schubert kennen lernte. Da blieb es nun vergraben, 
MB daa gaoia Albuni, dan iiiswlaelMa In andaca Hind« flbeigcgaagni «ar, Brahma TOfgriagt 
wurde, der in dem Schubertschen Autograpb daa auB dar Zeit dea |,Sdraraii«igaaaiig* •laiBiBaode, 
tüt verloren gehaltene Lied erkannt«. 

41) ,Ielr hab« schon vMs aalr aufgedrungene Gedktala nrackgewiesen*, äueaerta aidi 
Sdiobert geg«o AnaelBi HOttenbrenncr. 

*^-d] Schuberls Verhältnis zu seinen Textdichtern behandelt eingehendst Dr. Ludwig 
Scheibler (Bonn) in: „Die Textdichter von Schuberts einstimmigen Liedern* («Dia Musik 1906/7, 
Heft 8), in .Fr. Sdrabetta Lieder, Geeioge und Bslladen mit Texten von ScUUar* f.Dle Rbeia- 
lande*, Düsseldorf, April-September 1905), und im östrrr. „Musikbuch* (1908). 

**) Haus No. 420 alt und laneM di-m«l t-rt Von 1819-21 wohnte Schubert daaelbBt b«i 
Mayrhofer. Dasselbe Zimmer bewohnte vorher Theodor Körner. 

<*) Mayrhofera Gedidite erachieneii 1823 bei Volke in Wien. Unt«r den Subafaibenten 
befand «ich u. a. der ganie Kreia, der sich D«ch und nach um Schubert gebildet hatte. — 
Nach des Dichters Tode veranstaltete E. v. Feuchtersieben, ein Verehrer Mayrhofcr ^^ eine 
neue Ausgabe |,Au8 dem Nachlasse, mit Biographie und Vorwort" (1843). — Griltparzer 
begleftele (In aeinen MStodiea tatr deotadiea Literator*) beide Aoegabei mit MM^bflUHgen 
Bemerkungen. „Mayrhofera Gedichte. Diese Gedichte bitten nie gedruckt werden sollen! 
Sic erklaren den Verfasser und der Verfasser erklart sie; Freunde mochten ihnen im Mjniifikript 
vielseitiges Interesse abgewinnen; aber für den Fremden sind sie Rätsel, schwer zu lösen, 
und nadi der Ltaung oll kanai der Milbe wert, die es gskoetet* (1828) — Mayibofeca Ge- 
dichte sind immer wie Text zu einer Melodie. Entweder zur antiz ptrrtcn Melodie eines Ton- 
kflosUers, der das Gedicht in Musik setzen sollte, oder es schimmert die Melodie eines gelesenen 
fremdan GedMites durch, des er im hurnn r^Nfodmiefl« «nd mit neuem Texte und neuer 
Eaqtfinduag sich vorsang* (1843). 

**) Dr. H. H' I'nni (Griüparzer- Jahrbuch VI, S. 274), sagt von Schober: „Der alle Herr 
war ein komplizierter Charakterkopf, worüber heutzutage nur noch Frau Thekla v. Curopert, 
als deaaea «bemalige GatUo. neuen Beriebt tu geben vermfldtte.* 

Zu Schuberta Lebletten gelangte die Operette niemals zur AuffDhrung; anlässitch des 
'Schubert-Jubiläums (1H07> wurd<; sie in der pri-ktischcn Bearbcitunff von Dr. Rob Hirschfeld 
auf zahlreichen Buhnen gegeben. — Körner scheint sehr fortschrittliche Gedanken über drama- 
tiacbe Muaik gehabt tu beben, denn er wOnachte, dasa sein yTextbneh** dorebglngig wie ein 
Finale komponiert werden solle. 

**) Schubert nannte sich auf der handschrifUicben Partitur nScbfller des Herrn von 
Salieri«. 

^ Sdiobert, der sich «ich auf den Titelblatte dieser Oper «Sdiüler des Herrn von Salieri* 



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• fvcRP,^ .•lK',fflpf<r.;e.r".':. d panzc Stück; die HanJschrift Jes 2. und 3. Aktes u urJe von ^.Icm 
'•i]Mla^«fi&*Kn iJe^Üe^rt««!:^ ;lersclbcn, Josef Hituenbrenner (Bruder Anselms) als — Heizmaterial 
verwendet! — 

Die Sopranp&rtie sang Pitatein Tbereie Grab (geboren 15. November 1800 xu 

Licchtenth.il, 181'0 mit dem l^;tckerrreister Johann Bergmann vermählt, t 17. März 1873 Wien), 
eine mit prachtvoller Sopranstimme begabte DiUttantin. Schubert scheint von Kindheit an im 
Heuie Grob (der Veler Theresens war ein wofelliabender Seidenfabriltant. die Mutter fllhrte mdi 
dem 1814 erfolgten Tode ihres Gatten die Seidenweberei weiter fort) verkehrt zu haben. Nacb dem 
Austritte Schuberts aus Jcm Konvikt nahm der musikalische Verkehr lebhaftere Form an und 
auch persönliche Beziehungen zärtlicher Natur sollen sich entwickelt haben, wie neuestena 
O. E. Dotttsch — dessen Arbeit wir einige Daten entnabnen — in sdiien Aoftatze »Schuberts 
Herzdeid* („Bühne und Welt*, IX. Jahrgang So. 18, 2. Junibeft 1^>7), allerdings in Ueber* 
einstimmung mit einer, dem Verfasser bekannt gewordenen FamüientraJition. zu beweisen 
sucht. Nach Theresens Verheiratung scheint der Verkehr sein Ende gefunden zu haben. 
— FOr Tbereie Grob schrieb Schubert mehrere kleinere Kircbenstflclte, fOr Ihren sdtr 
musikalischen Bruder ein Adagio und Rondo koazertint flBr Klavier, Violine^ Viola und Violon» 
celto (Gesamtausgabe Serie VII. So. 2'. 

**) Siehe Revisiunsbcncht zur Gcs.-Au:>g. — Kerd. Schubert richtete zu dieser .Messe auch 
eine Orgetstinime ein: |,Zur Supplierong der Harmonie.** 

So ist sie auch in der Ces.-Ausg., Ser. XIII, Ko. 2 erschienen. — Perd. Schubert 

schrieb walifichcinüch als sich die Aussicht bot, die Messe im Stift Klosterncuburg aufführen 
SU können — Trompeten und Pauken dazu. Die von Kranz Schut>erts Hand herrührenden 
Auflagstimmen enthalten auch diese Partietn, und damit gleichsam die Sanktion des Meisters. 
lyDem eigenartigen zarten Charakter der Messe entspricht ihre Verwendunfj nicht: komponiert, 
ursprungl.ch erdacht wurde die Messe ohne sie." (Mandyczcwski im Revis. -Bericht der Gcs.- 
Ausg.) — Ferdinand Schubert hat später auch noch Holzblaser zugefügt. — Ücmerkehswert 
ist, dass mit dieser Messe eine der uneerschlmtesten FUschungen begangen wurde, die die 
Musikgeschichte kennt 1846 erschien nämü^h i ci Marco Berra in Prag eine ..Messe in G. . • 
von Hob. Führer, Kapellmeister etc»" welche nichts anderes war, als Schuberts G-Dur-Messe . . . 
zudem deren erste Ausgabe! 

Schubert verwendet mit Vociiel>e statt des verminderten Dreiklangs der sweitcn Stofe 
in moil den Durdreiklang; hier in A-rooU statt f f 

d d 
h b 

'^l Schubert schrieb eine Ansahl Gelegenheitskompositionen, u. a.: .Kantate sur 

Namensfeier des Vaters", Ges.*Ausg. Ser. IV No. 4 (komp. 27. Sept. 1813), „Zur Namcnsfeier 
des Herrn SiUcr (k»mp. 4. Nov. 1813; der erste Entwurf datiert vom 28. Okt. 1S13, dem Tage 
der Vollendung von Schuberts erster Symphonie. Ges.-Ausg. Ser. XX No. 582), , Nahmens* 
feyer* Ces.-Au8g. Ser. XVn No. 4 (die Gelegenheit ist nicht angegeben; da das StOck am 
27. Sept. IHl.') koitifi. ist, so galt es wohl der Namensfeier des Vateis^. Kantate zu Ehren 
, Jos. Spendous (Domherr, Stifter und Vorsteher des Wiiwcninsitituts der SchuÜchrer Wiens) 
Ces.-Aasg. Ser. XVII Ka 2 (komp. Sept. 1VU>), Kantate zum Geburtstag des Sangers Michael 
Vogl (Ges..Ausg. Ser. XIX No. 13, komp. Sept 1819), Der Tanz. komp. für Irene von Kiese* 

weiter") (spatere Gra'-n I'rokesch-Ostcn) Te.\t von Schnitzer Ikomp- 1*^2^. Ges.-Ausg. ? er. XVII 
No. I4J, Kantate 2ur Feier der Genesung der Irene Kicsewctier (komp. 2b. Des. 1827. Ges.- 
Ausg. Ser. XVII No. 15), „Glaube, Hoffnung und Liebe**. (Zur Weihe der neuen Glocke an 
der Kirche zur allei heiligsten Dreifaltigkeit in der A!8crvorstadt, 2. Sept. 1828), Gedieht von 

keil (Grs.-Aijs^. Ser. XVII Nn M. — Das uichtiu'ste und fj;nisste Stück unter .illen Gclegcnheils- 
kompositiuncn, die Kantute „Prometheus" (Text von Üraxler von Cann). ist spurlos verloren 
gegangen. Das Werk war für Prof. H. Jos. Watteroth (1756—1819 Profassor der politischen 
Wissenschaften in Wien) bestimmt in dessen Hause Schubert gern verkehrte. Schubert notiert 

in sc nem T u- '-icli: ,17. Juny \H\f>. An diesen Ta;e kutiiponiertc ich das erste Mal für 
Geld. .Namlich eine Kantate für die Namensfeyer des Herrn Professors VVatlcroth von Dräxier. 



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— 103 — 



Das Honorar ist 100 f!. W. W." Die Kantate wurJe nm Z4. Juli 1816 im Garten des Ge- 
feierten gesungen und kam spater bei Leop. v. Sunnicithner, dann unter Gänsbacber in Ins- 
* brück, Mitte der 20ar Jahre in Gttttweih tur AufTOhrung. Hier wurden noda die von Schubert 
sribst geKhricbenm Stiromen verwendet, die dem Meister auch 1828 surOckgeseadet worden. 
Seit Schuberts Tode ist dns Werk vcrsch >!!cn Kürzlich im lonsbrucker Musikvoreint'Archlv 
grpOogene NachsuchunKcn liaben kein i^csuital ergeben. 

^) Schuberl führte zu verschiedenen Zeiten seines Lebens lagcbiichcr, von denen aber 
oor eins, das aus dem Jahre 1816, vorhanden i»L iDersett im Archiv der Gesellschaft der 
Musikfreunde in Wien.) Bauernfcld berichtet (I8. Sept. 18J'.): „Von Schubert hat sich ein sehr 
merkwürdiges Notizbuch vom Jahre 1824 vorgefunden, worin die Stelle vorkommt: .Beneidens- 
werter Nero! der du so stark warst, bei Suiteni^piel und Gesang ekles Volk xu verderben.' 
Auch Verse seiner Mache.** (Grillpaner-Jahrbuch V. S. 35). Dieses Notizbuch ist verschollen. 

— Unter dem 4. April 1862 schreibt Kreiss'e an \'. l'achler „. . . . l'cber die vtrbranntcn 
Tagebücher möchte man weinen . . . Ob sie Schubert oder seine wenig behutsamen Freunde 
vernichtet haben, ist unbekannt. 

■0 Iivne V. Kieseweiter, verehelichte Gräfin Prokesch von Osten (geb. 27. Mira 1811, 

t Graz, 7. Juli I872X mit Schubert bekannt, Tochter des k. k. Hofrats und Musikgelehrten 

Raphael Georg Kieseuctter von Weissenthurn (!.'«b. 1"'. Auj;iist 1773, f Wien, I. Januar 1850). 
Bei KiescMCtter, einem genauen Kenner alter .Vtusik, fanden von 1816 an hiiulig Aufführungen 
statt, insbesondere wurden jihrlich einige Male, gewöhnlich im Advent und in der Fastenzeit, 

Kompositionen älterer Meister, wie Falestrina, Al!egri. Scarlatti usw. aufgeführt. Schubort \ cr- 
kehrte im Hause. — Kiesewtttcr hinterlicss eine kostbare Bibliothek (deren Katalog er verfasste 
und drucken licss^ die dermalen der k. k. Hof bibiiothck in Wien einverleibt ist. 

^} Die Widmung der Variationen in E (op. 1C>) an Beethoven lautet: nHerrn L. von 
Beethoven mgeeignet von seinem Verehrer und Bewunderer Prani Sdiubert 

^) Der TiUl mlrt von Schuberl her (Ges. -Ausg. Rev.-Rerichi, Ser. I, S. 7V 

Darunter zwei ,im italienischen Styl". Schubert war ein eifriger Verehrer Rossinis, 
«fand* — nach Spaun — „den , Barbiere* köstlich* und meinte einmal; „Ausserordentliches 
Genie kann man ihm (Rosaini) nicht absprechen* (Brief an Hüttenbrenner 19. Mai 1819). Die 
beiden frischen, klangvollen Ouvertüren sind unter dem Einflüsse des ital. Maestro entstanden. 
^) Oiii^inal Manuskript im Besitze des Herrn Fritz Donebaur in Prag. 

Die letzten drei Buchstaben des Namens sind sowohl in dem Briefe als auf dem Um- 
schlage ausradiert und dann — möglicherweise von fremder Hand korrigiert Der Name 

kann ursprünglich anders gelautet haben. Hiiucrle? (Geb. 1786, I 185'>). 

**) Entnommen den handschriftlichen Memoiren Herrn P . . . .'s.. (Im Besitze des Hof- 
und Gerichts-Advukaten Dr. Max Freiherr von Mayr in Wien). 

*>) Handschriftliche Memoiren Herrn P . . . 

"■ai Das Es-dur-Quartett stammt (nach einer Mitteilung Hofrat Dr. Ferd. BischofTs in 
Graz) aus dem Jahre 1813 (November), fiiscboff sah das Autograph, dessen Besitxer unbekannt 

bleiben will. 

«) Ein Andante (As-dur), das Schubert ahi zweiten Sats des gepbmten Quartetts 

gönnen hatte, gedieh nur ein Stück weit; die Komposition blieb Fragment, ein unerklärter und 

.unerklärlicher Fall, wie bei der H-mnll-Sytnphonie. 

<3) Spaun crziihlt die Entstehungsgeschichte des gErlkünig" sehr lebhaft: „An einem 
Nadimittag ging ich mit Mayrhofer su Schubert, der damals mit seinem Vater am Himmel* 
pfortgrund wohnte. Wir fanden Schubert ganz glühend, den „Erlkönig* aus dem Buch laut 
le-tend. Er ^'int' mchrmal mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in der 
kürzesten Zeit, so schnell man nur schreiben kann, stand die herrliche Ballade auf dem Papier. 
Wir liefen damit, da Schubert lein Ktavier besass, in das Konvikt, und dort wurde der „Erl- 
könig" denselben Abend gesungen und mit Uemcislerun^; aufgenommen. Der alte Hoforganist 
Ruczicka ^pielte ihn dann ».clbst ohne Gesang in allen Teilen aufmerksam und mit Teilnahme 
durch und war tiet bewegt über die Komposition. Als einige eine mehrmals vorkommende 




104 — 



Dissonanz ausstellen wollten, erklärte Ruczicka, sie auf dem Klaviere anklingend, wie sie hier 
notwendig dem Text entspreche, wie «ie Tielmehr ftcbön lei und wie glücklich sie sich löse.' 
Ballultnid .An Sehwagw KronM^ .An llligllon^ „Ganymed". 
Joh. Mich. Vogl, geboren Stadt Steyr, la August 176«, gestorben Wien. 20. No- 
TWnber 1840. Ursprünglich Jurist und Beamter. 1794 erhielt er einen Ruf an die Hofoper in 
Wien, an welchem Institute er bis 1822 wirkte. Er war der Typus des dramatischen Singers 
nnd groM im Chankteristtactwo. ... .er «frento sidi nur an Rollra, di« es ihm nflgUcb 
maellttn, einen entschieden dramatischen Charakter darzustellen. . . . Vogl war durchwegs 
kein gewöhnlicher Mensch, wohl aber ein sonderbarer Kauz, ein Sonderling. Das Kloster, die 
klösterliche Erzithung staken ihm im Leibe . • . Der Grundzug seines Wesens war eine 
morallsd» Skepsis. . . LdrtOre und Studien standen naiürUefa mit dJessr Sinnesricbtung im 
innigsten ZoMmmenhang. Das alte Testament, die Evangelien der Sto ker: Marc Aurels Be- 
trachtungen und Epiktets Enchiridion, Thomas a Kempis, Taulerus hatte Vogl zu steten Be- 
gleitern und Ratgebern seines Lebens gemacht . .* (baoernfeld, Gesammelte Schriften, Band 12) 
In den Zwischenpausen der Tbesterrorstaliangen las er latalnisciie und grisebisGbe IClassiker in 
der Ursprache. — Infolge seiner strengen Lebensführung und seiner ausgebreiteten Bildung 
war Vogl in der feinsten und besten Gesellschaft Wiens ein gern gesehener Gast — Vogl blieb 
bis tu Minem 58. Jahre unverheiratet und ehelichte dann erst eine SchOlerin, mit der er seit 
lahmi in aliiem sCtti!idi>pid«iOgiMlMB Vcilifltntsw* ilMid: Kunigunde Romi, Todiler dei ete- 
maligen Direktort der Belvedere-Galerie. 

"a) Wenn man die beiden Schuberl'schen Gesänge „Ganymed" und ,,Memnon" (beide 
¥0m März 1817) bereits unter dem Einnusse Vogl's und seiner Vorliebe für antike Texte ent- 
standen annefiraen will (nach ür. L. Sehaibier) ao muaa die entot denkwflrdige Zuwnaienlmnfl 
twischen Schubert und Vogl knapp Tor oder im März 1817 stattgefunden haben. 

Josef Gahy (geboren 1793, gestorben als Scktionsrat in Wien, 26. März 1864), theoretisch 
gebildeter Musiker, Dusfreund Schuberts. — Durch Ueberanstrengung hatte er sich in späteren 
Jahren eine LOunung dea 8. und 4. Fingern der Ünicen Hand tugetogent muaato diese beiden 
Finger hinaufschnallen, und war dadurch beim Spiel behindert Er schrieb sich nun viele 
Schubertsche Kompositionen für .seine etwas reduzierte Technik um. Marie Stohl (später ver- 
ehelichte Baronin VogUang^ eine glänzende I^anistin, war da seine Partnerin am Klavier. 
Die nodi in Wien lebende DaoM besittt auch die Gahy'achcn Bearbdtangen von Schnberto 
Kompositionen. Neben Gahy war Joseph de Ssatay (ein SchOlar PSratars und Hümmels) ein 
von Schubert mit Vorliebe tum Vierfalndigajnelen Tsranlaaater Fraund den Scbubertscben Kreiset 
(O. E. Deutscht. 

**) A. Haitenbminer, „Bracbttllelr«". 

") Brief an seine Eltern vom 25. Juli 1825 aus Steyr. (Kreissie S. 348). 

**) Die hier angezogene originelle Stelle blieb bei der £s-dur Ausgabe w^. 
„e con capriccita" steht im Autograph. 

«a) Anton Schindler, (1796- 1864) Vertrauter BeetbovwM, MuaikaehrUtsteller, sehrieb 
Ober Schiihert Wichtiges in der ..Niederrheinischen Musikzeitung" von 18v9. 

*') So erschien; II macitro c lo scolare i Sonata con VariazionL A quadri mani par un 
CHavi-eenbaio eompoato da Giuseppe Haydn. Amrimdaro presto CiüaepFe Schmitt nel 
Warmoer-straat PkiS F. 1. 

™) Mitschaler Schuberts bei Salieri. 

™) Wir verdanken die Erlaubnis zur Veröffent ichung des Facsimiles der Güte dts 
Besitsert des Autographs, Herrn Dr. Hann von Weis-Ostbom, Hof- und Gerichttedvokat hi 
Wetz (Sttiermark>H) 

Herr Dr. Hans von Weis-Ostborn (der vor lirschcincn der 2. Aufla^'e dieses Buches, 
am 29. April 1^, verstarb), Verwandter und Schäler Anselm Hüttenbrenners, besass eine Keihe 
inlereatanter Autograpbe von Fr. Schöbet t So: Trio in B-dur fOr ^nol^ne, Viola und 

Violoncello (komp. 1817) Stimmen im Autograph (Ges. -Ausgabe Serie VI), die Terzette (Ges.- 
Au^ii. Serie XIX, No. 9. 10. 11 >, „Elyjium" (Text von Schiller), Komp. IS. April 1813, „Dessen 
Fahne Donnerslürme ballt" (komp. .Mai :bl3) und „liier uiiiurinen sich treue Gatten' (komp. 




— 105 — 



3. Oktober 1S13); alle drei Terzette autographe Partitur. — Aus-erdem verwahrte Dr. v. Weis 
eine in der gedruckten Partitur der .Zauberharre* nur in stark veränderter Form enthaltene 
Geiaiigaaiiijner, die Schubert — vielleicht während der Proben — in ein Melodram umwandelte. 
(Siebe G«s.-Aingid» Swia XV» 4. Band, Seite 126. Uigiutlo.) Du bd Dr. Wda beflndUdie 
Stück ist bisher ungedriickl. Nach dem Tode Herrn v. Weis' gingen das Streichtrio, die beiden 
Icnette und «Llysium" in den Besitx der Herren Ries und Erler in Berlin ttber. — Das Quartett 
„LeiM* — TiMi d«B mir cbw Straplw exlrtitrt — flncU«ii bei fite« ttod Eritr In Berlin. 

«Nun weiss Mb aiebto owiir. Molden weiss idi gewiss wieder etwas. Wobsr 
kommt das? Ist mein Geist heute stumpfer geworden, als mortren . . stftfigb Schubert In 
sein Tagebuch. (Im Pesitze der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.) 
^ HOttenbrenner .BrarhstOdie*. 

") »Vor einer Woche war er (Schubert) mit mir bei Hönig, nachdem er schon sebnnsl 
SHIgesagt und zehnmal nicht gekommen war." (Schwind an Schober, 7. Januar 1825). 

Dr. Heinrich Fotpeschnigg in Graz besitzt ^aus dem Nachlasse seines Onkels, des 
Didiitsn C. Holtey) «in BOlet Schnberts, das so redit das MnstMr jsnar Batacfauldigiings- 
•diniben isli dsiva Sdiubert so manches verfasst haben mag. Das Briefidien lautet: 

„Lieber Herr von Sellier! 

Ich war hier, um mich zu entschuldigen, dass ich neulich nicht mein Wort hielt! Wenn 
Sie wOsaltn, wte nnmOglieh mir es gemacht wurde, selbes su balteo, so wOrden Ste mir gswisi 
verzeihen. In der Hoffiiungt Ibre Gswogenhsit nkiit su verlieren, verbMbs ich mit aller 
Achtung Ihr Eigebenster 

Graz, den 19. September 1827. Franz Schubert. 

*) Hflrte Schubert von einem Ihm unbekannten neuen Künstler spradMn, so war sein« 
«rtte Frage aUenUiigs: ^Ksun «r was?' Dia Freunde nannten Schubert daher schenwaise: 
«Kanevas*. 

^) „Schubert brachte sich eine geraume Zeit nur kümmerlich durch, gab iClavier^Lektionen, 
Iw mp on l e f ts^ was man Ihm auftrug, auch Kirclicnsadien**. (Banemfeld, «Aus Alt- und Neu-Wien*. 
Ges. Schriften XII. S 75.) 

^a) Frans Lachner (geb. 2. April 1803 zu Rhain am Lech in Ob. Bayern; t 20. Jänner 1890 
In MQnchan als Cen^-Muadtdiraktoi) harvorrsgender Komponist, kam Im Herbst 1822 nach Win, 
wo sr US Mai 1834 vsrblieb. Er hatte Schubert schon Öfters beim ItttagBlIseh im »Haidvog«!* 
am Stephansplatz getrofTen. bis er ihn in einem Konzerte kennen lernte. Durch Schubert wurde 
er mit Bsuemfeld, Castelli, Feucbtersleben, Gfillparzer. Grün, Schwind u. A. bekannt Naher 
Freund Sdnibert«« 

*) Carl Preiberr v. Scbönstein (Sohn des 1825 verstorbenen Prdbcrm Frans Xav. v. 

Sehönstein, Hofratrs der ehemaligen ungar. Hofkammer), geb. 26. Juni 1*97, kk. wirkl. KSmmerer 
and Ministerialrat; verheiratet anl 7. Mai 184ri mit Rosalia von Kleylc (t 16. Aug. 18^6), dann 
19. Nov. 1849 mit Amalia, geb. von Winllier (t 31. Aug. 1860); trat 1867 in Pension und starb 
in Aussee (Ststermaifc) am 19. Juli 1876. 

*i|a) «Er (Schubert) erzihlte mir, dass Ihm die Zlg»unermusik In Ungarn sehr Interessiert 
habe** (A. HQtlenbrenner). 

**) Sflt. Paumgartner (f 23. Nov. 1841) hauplgewerkschaf^licber Vice-Faktor und Haus- 
beiitser. Lddenscballllclter Musikfreund. Besass eine wertvoUe Musikalien, und Inatrumeaten- 
Sammlung. 

83) Jos. V. Koller (geb. 15. Febr. 1779 zu Stcyr. f 18. Scpt I864j. Kaufmann in Slcyr. — 
Seine Tochter Josephine, später vwebelicbte Kraköwiteer (1801 — 1874), treffliebe Sängerin und 
Pianistin. Schubert schrieb ein .Namenstsgslied (Gedicht von A. Stadler) für Josephine von 
Koller". Die beiden Gesangszeilen sind im Autograph mit „Pepi" und „Stadler* bezeiL-hnct. Das 
Stück ist merkwürdigerweise datiert: »Sleyr, März 1820*, obwohl bisher nicht bekannt ist, dass 
Sdiubert 1820 in Sleyr war. 

Dr. Alb. Schellmann (geb. Steinbach, 14. Nov. 175'?, f Steyr, 14. März 1844). Advokat 
in Steyr. Das Schellmannschc Haus, in welchem Schubert ein Zimmer im zweiten Stocke be- 
wohnte, wurde 1890 von der Steyrer-Liedertafel mit einer Gedenktafel gcschinflckt 



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<") Sohn Dr. A. Schcllmanns, Advokat in Sicyr 1708-^1854. 

^) Ed. Jaili, Vioiiaist, eine Zeitlang Konzertmeister der Pbilh. GeselUcbalt in L«ibacb 
(erstM Atiftreien daaelbit am 4. Deiember 1821) nkonsertkrt« nicht ohn« Beifall In den Jdmn 
1818 bis 1830, wo er eine Anstellung als erster Geiggr to Triest fand. Er ist der Vater des 
ffOOininicrlcn l'ianisten Alffcd .hicl!. den er nuf dessen erster Kiin-<trcise nach Venedig ttod 
Mailand (1843) begleitete." tHanslick, Geschichte des Konzertwesens in Wien, S. 232). 

*) Walmdialnlidi ein« der beiden im Jahre 1817 gMdiriebenen Oavertllren in D andC. 

^) Wohl die im Febr. 1819 komponierte Ouvertüre in E mit dem echt Sdlubertachen 
Gesangsthema, dem originellen daraufTolgenden B-dur-Gedaoken und den bedeutsamea, 
den Schluss hin auftretenden GeniexOgen. (Ges.-Ausg. Seiie II, No. 7). 

•*) Ignas von Soonleithner war der Sohn Chriatoph von SoonMthoera, eioea von Mocart 

vnd Hqnfa) sehr [geschätzten Musikfreundes. 

*) Dr. C. Glossy, Katalog der Schubertausstellung in Wien, S. 4A. 

Der Seite 18 teilweiae abgedrudcte Katalog da« akadeniacheo Gymnasioins nennt 

Job. Sonnldthner als vortrefOicben Schiller der 2. Grammaticae-Klasse. Unter seinen Klaaaen- 
kollcgen waren B. R.ind hartinger (der spätere Hofkapcltmeister) und Franz Teltscher, der 
sich fernerhin als Maler, namentlich als Aquarellist, einen Namen machte und mit Schubert in 
freundschaftlichen Verkehr stand. 

•>) Leopold von SoonMthner (geb. am 15. Noveaaber 1797, t 8. Mini 1873)^ Advokat in 

Wien, auch Koitipimi^t. (Im .GescHschaftskonzcrtc" am 2'K .Marz 1817 wurde eine Ouvertüre 
von ihm aufgeführt). — Eine Schwester Leopold von Sonnleithners, Frau Pauline Grabner, 
K. fC Forstratswitwe, welche Jahre lang in Gras lebte, starb im Pebrttar 1903 daselbst (Uebor 
ihr Leben spricht ein Feuilleton der N. Fr. Presse (Wien, 16. Jänner 1904); ,Aus den Jugend- 
tagen meiner Gross. ante" von Dr. Rud. von Sohwarzhek ) Sic hat als junges Mädchen Parish- 
Alvars' Unterricht im Harfenspiel genossen und sah Schubert häutig im Hause ihres Vaters. 
Einmal verspradi er, ihr ein Stack fOt die Harfe so komponieren und liess aidi von ihr Stim- 
mung und Spielweise des Instrumentes genau erklären. Da Pauline V. Sounkilhaer Schubert an 
sein Versprechen nicht erinnerte und Schubert vermutlich d.irauf vergass, kam welter nichts zu 
Stande. — Schubert lebte in der Erinnerung der alten Dame als höchst einfacher, natürUcher, 
SU sdiwerer MetendMlie nagender Mann, der sieh in Geaetlaohall heitcnr Frejude abor adir 

wohl fühlen konnte. Schuberts Gestalt hatte sie a!« ziemli. h korpulent, sein- Toilette als etwas 
nadülssig im Gedächtnis. (Mitteilungen Frau Pauline Grabners und Herrn Hofrats Professor 
Dr. F. Biachoff bi Gtas.) 

*l) Neben L. von Sonnleithser ist als eifriger Sammler Süiubertacher Kompositkuien 
Carl Pintcrics; zu nennen, ein naher Bekannter Beethovens, Freund Schuberts. Er war 
Privatsckretär des Grafen Paltfy; vielseitig gebildeler Maiui, ausgezeichneter Kavierspieler. Er 
hatte im Laufe der Jabre fi05 Schubertsebe Lieder gcssmmdt Nach seinem Tode (6. Mir* 1831) 
ging die Sammlung „durch Kauf an Hofrat W'itteczek über, der diesen Schatz noch vcr 
grussctte" (Spaun). • Die tranzo Kollektion gelangte nach Wittcczcks To^!.: an die „Gesell- 
schaft der .Musikfreunde" in Wien. Sie bildete eine wichtige Quelle lür die Kjo. Ausgabe. 

**) Ihr Ldirer war der berflhmle Porträtmaler Morits Dalflnger. Jahrdang Uess er dia 
bei ihm bestellten Wiederholungen seiner Porträts von Barbara Fiöhlich ausfahren und die* 
selben, nachdem er ein paar Striche daran gemacht, ala aaioe Arbeit in aller Herren Linder 
gehen. (A. von Littrow^-Bischoff: nVon Vieren die Leiste*, N. Fr. Presse). 

**) Bogsar wirkt« sndi bei den AulUbrungen des Sdiubsrlschen HsusordMatorB mü 

^) Giusippe Siboni, berflhmter Tenorist geb. Forli 1780, t Kopenhagen 1839; Schwsgar 
von Schobers. 

*■) Sauer, „Griilparzer und Katbi Fröhlich**, Grillparzer-Jahrbuch V, S. 228. 
*>} Allgem. Wiener Musikzeitung 1841, Ko. 61. 

Dr. G V. Breuoing „Aus Grillpariers Wohnung". Feuilleton der N. fr. ntssas 

in Wien. 

*) August Ritter von Gyronidi, Ick. Stsatsbesmter und Gcsangsdiletlant, ge s torbe n 1831. 
^ Griliparser war ein leidenschsfklicher Musikfreund, guter Plsnist, such Ronposist 



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Im Archiv der „Gesellschaft der MaaUrfrwuid«* ia WiM liiid Ihcorttiadie maffflulIidM Stodlw 
GriUpariers aufbewahrt. 

*•*) CffflipttnrJilirbaeli V, t8i. 

**) DteM Gnbichrift: 

Die Tonkunst begrub hier einen rcichan Beritt, 
aber noch viel achönere HofTnungen. 
Pnwi Sehubert liegt hier, 
geboren am XXXI. Januar MDCCXrVII, 
geitorbea am XtX. November MDCCCXXVUI, 
XXXt Jahre alt. 

wurde bald oaeh Sebaberts Tode und je mdur man Sdiuberts GrOeae erinanen lernte, immer 

mehr und mehr als ciru- in Stein (iegrabciio ro^i^ rcct.ttL'krit erkannt und auf Anregung des Ver- 
fassers dieses Buches bei der Uebertragung der Keste Schuberts auf den Zentraifriedbof entfernt 
GfOlpaner lag jede bflaa Abaidit Arn. Aber weder er, nodi andere aeinar ZeHgeooaaen kaontsn 
Schuberta gewaltige Symphonien und Kammennnaikwerke, seine bochbedeutenden Messen u. dgl. 

Für aie war er, der ein grosser Meister gewesen, nur ein hoffnungsvoller junger Mann. . . . 

^) Mitteilung Anna Fröhlichs (C. v. Breuning: '.Aus Crillparzers Wohnung''. N. fr. 
Fraaae). 

Memoiren des Herrn v. P . . . . (handschriftlich). 
^) Dr. Jos. Sonnleithner, ein Onkel Leopolds v. S "s. war Sekretär dieser Gesellschaft. 

Die «Atlg. musik. Zeitung" vom 21. März 1621 berichtet: „Der achtstimmige Chor 
Ton Herrn SdralMrt wurde tco dem Publikum ala ein Akkumulat aller mualkaliadien Modn- 
lattonen und Auawdchongan ohne Sinn, Ordoong und Zwedt anailiannt Der Tonactaer gleidit 

in Ij^ion Kompositionen einem Grossfuhrmann, der achtspännini,' ftihrt und bald rechts, bald 
links lenkt, also ausweicht, dann umkehrt, und dieses Spiel immer forttreibt, ohne auf eine 
Straaaa an kommen*. — Dieses Urteil verliert ein klein wenig Ton seiner Unbegrdflidikei^ 
wenn näm berücksichtigt, dass das auf Massenwirkung berechnete StQck von nur acht Stimmen 
VOCgetraecn wurde. Vielleicht erkannte Schubert selbst erat an dlMem Abend, dasa der 
pGeiatergesan^ " ein Churätück und kein „Quartett" sei. 

IM) Gea.-Auag. Ser. 20, No. &94. 
Ges.-Ausg. Scr. 16, S. 175. 

>") Oes -Ausg. Ser. 21, S. 313. 

1») Ges.-Ausg. Ser. 16, S. 215. 

ui) Gea^^ttsg. S«r. 16, S. 24. 

Ges.-Ausg. Ser. XVII. No. 1. Komp. Febr. 1820. Das Werk, von welchen- Schuberts 
Zeitgenossen s<> viel wie nichts wussten, wurde Anfang der 60er Jahre von Kreissle wieder 
entdedcL Leider nicht Tolistflndig. Wir beeitcen nur den Tollstindigen ersten Teil und ein 
Fngment des zweiten. 

Aug. Herrn. Nicmcyer (geb. 17.54 zu H.iile, t IHJ8. Theolog, angesehener religiöser 
Schriftsteller.) Der Text der Schubertschen Kantate ist enthalten in: „A. H. Niemeyers Ge- 
dichte. Mit Vignetten Ton Chodowieeki und Geyser, Leipilg 1778**. 

>M) Ges.-Ausg. Ser. X\'. No. 5. Komp. Januar 1819. 

"*) Ges.-Ausg. Scr. XV. No. 7. Komp. wahrscheinlich IH'.'O. Die Ouvertüre zur , Zauber- 
harfc" wurde, obwohl Schubert zu seiner „Rosaniunde" (lb-'3) eine Ouvertüre KC!>chriebrn hatte, 
apAter unter dem Kamen nRosamunden-Ouvertflre** bekannt, wihrend die Ouvertflre su «Rosa' 
munde" als .so'chc zu „Alphimso ur.d Kstrella" die Runde durch die Konzertsäle machte. — 
Spann berichtet über ,die Zauberharfe*": |,Ungeachtet dieses Melodram in Beziehung auf den 
Text unter allw Kritik war, gefiel doch die Mudk allgemein, und nur Dir allein war ea au 
danken, dasa daa Stück »wölfmal gegeben werden konnte . . . Leider entging Schubert der be- 
dungene Preis von TW f]., damals Wiener Wiihruni;, durch die Z.ihlungsunfahigkeit der damaligen 
Theateruntcrnehmung". — Bauernfeld, der zu dieser Zeit Schubert noch nicht kannte^ notierte 
in adaem Tagebuch (19. August 1820i: »Im Theater a. d. Wien Die Zauberharfe. Ein 
Dekoratfona- und MaachinenstOck. Mualk Ton Schubert. Ausgeseidmet* 



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I 



— 108 — 

Di« lOftniaiCIltalion is% sowohl trat dte Firbung als die richtige Berechnung der 
FQUe in Hinsicht caf den lassen Raunt einet Theaters betrifft, an Tielen Stellen der dramaUadMD 
W«rk« Scbub«rts »ehr bemerkenswwt — Di« starii IclaTienniaaig« BdMndloog dar Hwfe In dar 
MZtnberikaife* adgt waig Vertraotfaett ntt der Bganart dieae«, Obrlgaas rom den OMisten 

KonpOnisteD mit mehr Vorliebe als Sachkenntnis bMialSlea bstfllflMtttafl. 

^) In der Ges.-Ausgabe nicht erschienen. 
>*) Ges. Ausg. Ser. XV Mo. 9. 

Brief Schuberts an Spaun (Krcisslc S. 231). 

Dr. M. Friedländer „Schubertbriefc" (Pelers-Jahrbuch 1894, S. 98). 
1^') Anna Milder, verehelichte Hauptmann (geboren Gera, 24. April 1780, gestorben 
Berlin, 39. Md 1838), beriUraite Slofferin an der Wien« Hofbpar, voo 1816 an In Berlin. 
Schubert hörte ale som atttcn Male In der .SehweiaeHkaiilia'' von J. We<gl| stand mit Iv fai 
BriefwecbseL"*) 

^ Der Briefwechsel awiacben Frmu MUder und Frans Schobert wurde durch die be> 
rOhmte Slogecin ndt lUganden, Mäher unTarSfÜBsHichten Sohniban*) erOIAMl: 

S. Woldgeboren des 

Herrn Franz Schubert 

in 

I). G. W i e n. 

Wihrend meines Aufenthalt« in Wien gab mir Herr Schick**) das Versprechen, dass ich 
die nmda habon «oUla^ Ihre persflnUdie Bikaantaehnft su aadien; ich wartete Tergebena, and , 
idi rnnaate Uder abreisen ohne Gewlhrang nwinea Wanadtes. Erlauben Sie mir aon Duün 

schriftlich zu sagen, wie sehr mich Ihre Lieder entzQcken. und welchen Enthusiasmus sie der 
Gesellscbaft gewähren (erregenj, wo ich selbe vortragt. Alles dieses macht mich so dreist, 
Ihnen ein Gedieht sososdd^en, «ddies tob Sie instindigst bitte, trenn ea Ibra Mose «rlaobt, 
für mich zu komponieren. Sie würden mich dadurch 'unendlich beglücken; indem ich wünschte, 
es in Konzerten v<ir7.utraß;cn, daher ich so frey bin, die einzige Bemerkung zu machen, für ein 
grosses Publikum die Jvomposition zu berechnen, ich habe vernoromcn, dasä Sie mehrere 
Optra gesehrieben nnd wilnsdie von Ihnen so erfidwen, ob Sie nicht geneigt «Iren, ein« Oper 
in Berlin geben zu lassen und ob ich mich für Sie bei der Intendanz rerwendcn kann oder 
soll. Dieselbe Frage richtete ich an Vogl über diesen Gegenstandt Wahrscheinlich ist Freund 
Vogl nicht in Wien, sonst bitte ich Antwort hierOber erhalten: sehen Sie ihn, bitte ich hersliche 
Grtsse TOQ mir so entufchtsn, und ragen ihm, ieh würde dorcb ein« Nachricht von ihm sehr 
baglQckt seyn. 

In der Hoffnung einer baldigen erfreulit,hen Antwort von Ihnen, habe ich die Ehre 
osbtangsvoD so nennen 

Ihre eigebenste Dienerin 

Berlin, den 1.'. Dezember 1824. Anna Milder. 

Der Gesang der Milder machte auf Schubert schon in frühester Jugend tiefen Eindruck. 
Vogl nnd Milder waren ihm Zeillebens Ideale dramatiaeher GeaangaknnaL Spam ersihlt in 
seinen aCrinnerungen* eine interessante Anekdote: „Als ich «inmal mit Mayrhofar IlOd Schubert 
dt« ,Jphigenie^ besuchte, die zur Schande der Wiener, wie immer, vor leerem Haos« gegeben 
worde, begaben wir uns ganz begeistert sum aBlumenstöckl" im Ballgassl, ua dort sn 
soupieren, und ab wir auch dort onserm EntsQcken IMen Lsuf 1 sssen, Qel es einem dof t sn> 

wcsenden Universit.Ht^profc^sor ein, uns drüber zu höhnen. Er rief liut, die Nülder habe 
gekräht wie ein Hahn; »ie könne gar nicht singen, da sie weder Läufe noch Triller zu machen 
versteht, und es sd ein« wahre Schande, sie als Primadonna su «ngagiercn, und Orestes (Vogl) 
habe Fflase wie dn BIcfsal. Schubert und Mayrhofer fuhren wOtend au*, wobei Schobert edn 
gefälltes Glas umstdnte; und es kam su lautem Wod^ecbsd, der bei der Hartniddgkeit des 



*l Dss Oiigiaal-Manusltript des Biiefbs besttst Herr PHts Donebaor in Ptag. 

••) Wohl Joh. Sdilckh, der Iferausgcber der „Wiener Zeilschrifl für Kunst. Literatur, 
Theater und Mode*. — Kilian Sdii^l^ der Possendichter, ein Neffe Joh. Schickhs, hatte mit 
Schubert sogldch am Akadcm. Gymoadum in Wien stadiert 



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— 109 



1 



Gegners in Tätlichkeiten ausgeartet wäre, wenn uns nicht einige beschwichtigende Stimmen, 
die sich für unsere Ansicht erklirtsn, bsnihigt bitten. Schabsrt war dabei glOband vor Zorn, 
den tr doch Miist bd adiMr mOdco Gemfltaart gans frMBd tnr.* 

Vna J. Paohkr tat Wlra Inmb Am dhriMrtgiklMa BrtaUncM. Dwwtt in BmUm 

dwer Nichte, FrL J. KhQnL 

^) In N.-Oesterr. Dorf und Schloss im linkseitigen Talgelinde der Perschling. 

1*} Spaun schreibt einmal: .Durch ihn (Schubert) wurden wir alle Brtktor und Freunde.* 

«) Schobert MHwt btanoht dlsMS AtMdrodc (ßrkt ao Spun, 7. Unmbw 1822; Prtod- 

Bblder, .Schubertbriefe", Peters- Jahrbuch 1894 & 95^ 

«:) Grillpai/er Jahrbuch VI 307. 

^) ScbwinJ war ein vortreßlicher Pianist und versuchte sich auch als Komponist In 
der Wiener Sc h aba n tAanlrih in g (1897) war eine Koaposttfa» fOr Plaoofbrta xu nr«i Hiadeo 

m sehen (N'o. 1026), datiert 7. August 1827 und signiert ,M. Schwind". 

Eine Tagebuch- Notiz Bauernfelds vom 17. Dezember 1826 lautet: , Vorgestern 
Gesellschaft bei Jos. Spaun. Vogl. sang Schubertscbe Lieder meisterlicb, aber nicht ohne 

Brief vom 29. Oktober 1868. Grillpanter, Jahrbuch VI, 301. 

190a) Das durch Jahre verschollene Original tauchte K'O' wieder aut und "kam durch Ver- 
mittlung des Antiquars Gutbier in Dresden in den Besitt der , Städtischen Sammlungen'* in 
Wien. Der lUmurgsMDgwefa „Setobarfbond** ta Win besHst dna OaMtitt« — aMh dtr 
Sapia< 1 i.V nung — Ton Schwinde Hand. 

^""b) Jos. Lanner gehörte übrigena sum Bekanntenkreise Fr. Schuberts. 

»>) Grillparxer, Jahrbuch VI. 168. »Aus Bauamfelds Tagebacbem". 

No. 984 der Anntaillaiig. 

'*») Es ist Vers 5H, nicht 69, wie HQttenbrenner sagt. 

Herr Dr. H. Weis von Ostborn, der Onzwischen verstorbene) Hcsitzcr dieser Hütten- 
brennerseben Kopie, bat dieselbe dem Verfasser freundlichst cur Verlügung gestellt. 
>") GM-AMVibe Sor. L No 8. KoBpoiltiMi bagoniMD 8a Okt. 1822. 

Job. Bapt JMfar (geb. 28. 3. 1792 zu Kirchhofen im Bral^pm, f Sa 3. 1866 in 

Wien), Militärbeamter und vortrefflicher Pianist (ständiger Begleiter Bar. von Schönsteins), war 
bereits mit Schubert befreundet, ehe er (1819) in Diensten nach Graz übersetzt wurde^ wo er 
bta 1826 bUab nod Im «laienD. M»lkv«rein als Sefcrellr and AbtiMH flnd^st, HlhrigM An^ 
schussmilglied geradezu segensreich wirirtt^ tOWie als beliebter Klaviersolist den Konzerten zur 
Zierde gereichte. Die Anregung zur Ernennung Schuberts zum Ehrenmitgliede, der ersten 
Ehrung, die dem Jungen Meister zuteil wurde, gab Jenger in der Sitzung vom 10. April 1823. 
(Zagifliefa worden u. a. CastaUl ood Ed. Jaül, darselba aas Stofnmwk gsMrtfga VioUnvlrtiioM, 
in dessen Wiener Konzerten zum ersten Male Schubcrtsche Kompositionen aufgeführt wurden^ 
zu Ehrenmitgliedern ernannt Ein Jahr vor Schubert erfuhren Beethoven und Salieri, Mayaedcr 
und Böhm diasalbe Aasadchnung.) — POr die ihm durch HOtttabiMMr aiitgctailta Ehrung danitta 
Sdmbart fai dMin Brialii vom 20. Sopt 1838, worin «r «ndrfloUieh ngC ar wania dam 
löbl. Vereine ehestens eine seiner Symphonien überreichen, um in Tönen seinen Dank auszu- 
drücken. Er aandte die H-moll-Sympbonie. (Näheres darüber in Dr. Ferd. Bischuffs ^Chronik 
dat aWarot MuikvoNliM^, Gim l9Wh 

In dar GcaaiBt.Au«gaba niehl «radilMaa. Dia JL P. Baraatfoeha BaaiMlang dar 

^fnpbonie ist 2 h uiJij;! bei Breitkopf und Haertel in I tip/.i-,' erschienen. 

Komponiert November 1822, Geaammt- Auagabe S«r. Xi No. 1. 
»*) Schubeft iMita aieli 1824 BmIw «Woiiltenperiaitoi Klavier» oMh Zeta konuDea 

>*) Sehr zu bemerken ist, dass Schubert oft in seinen Klavierwerken Tonarten mit vielen 
b und j( verwendet Er hatte — früher ala alle anderen Klavierkomponisten — erkannt, dass 
dkte Tooartaa gerade wegen daa Gebravcbes vidar Ofaortaatao eine weit natflrUchare Stellung 
der Btad tvlanan, als Jene mit weniger Voracidumng. C-dor Ist — OMumeU ~~ dl« ■c! h w l ei<g »te 



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110 — 



Tonart. Die Sonate op. I JJ schrieb Scliubert in DM-Jur uod tnnsponicrt« sie d«on «af Wunsch 
des Verlegers in die schwierigere Tonart Es. 

^*') Das Aotograph das Brisfes bebnd sieb Im Basitse Frl. Marianne v. Frech'* in 
Gmunden. Die mehr als hundert Jahre alt gewordene Dame (Frl. v. Frech ist geboren am 
17. July 1806 zu MaucrVach hei Ried, üb. -Oester., gest. 14. Okt. 19»»" in Gmunden) hatte mit 
vielen Personen des Schubert-Kreises — mit Schubert selbst Jedoch nicht — verkehrt und besass 
nebst anderen intereaaanten Handiehrtflen — von Beethoven, Schubert u. a. — eine groeae 
Ansaht von Bcfercn M. Schwind«, sowie eine Mappe voll bunoriitiaeher Zeidiaungen diesen 
Meisters. 

Schaber verliess Wien Sommer 1823 und kehrte erst im JuU 1825 wieder dahin 

turOck. 

Wahrscheinlich Dr. Aug. v. Schacffer (..August nnhüi Je Sch.ieffer promotus Vienna 
1816, t Sept. 1863", meldet c"as „Album des medizinischen Doktoren-Kollegiums in Wien".) 



') Schubert scheint bereits 1832 schwer erkrankt zu sein. Schwind schreibt am 9. Nov. 



1822 an Schober: „. ... Vorgestern rrisste Kappelwieser (der Maler, 1796—1862 R.H.) oadi Rom 

ab. Tags zuvor war noch eine Art Bacchanal bey drr Krone, vir speijstcn alle dort ausser 
Schubert, der denselben Ta^ im Futie Schaeffir i rtd Hernard (Schuberts Arzt, wenn nicht 

beide Scb.s behandelnde Acrzle waren. R. H.) der ihn besuchte, versichern, er sey auf dem 
beateil Wege der Geoeaung und reden schon von dem Zeitraum von vier Wochen, wo er 
vielleicht ganz hergesteilt sein wird." (Diese Brierstrlle, wie einige der nächstfolgenden, ent- 
nommen dem Feuilleton von Gustav Glück, „Aus Schuberts Lehen* -- „Neue freie Presse", 
20. Nov. 1904. Die Autographe der Briefe im Besitze des Merrn Arnold Otto Meyer in Ham- 
burg.) — 1823 scheint Schubert, der sich inswischen wohl nicht erholt hatte, im Wieaer all- 
gemeinen Krankenhause gelegen zu sein. Mehrcrc der entstandenen „MQllerlif der* sind 
im Spital komponiert. Genaue Daten über Schuberts Aufenthalt daselbst sind nicht mehr fest- 
xustellen, da sämtliche Akten aus jener Zeit vertilgt wurden. - Wie sehr die Erkrankung 
Schubert su Herten ging, beweist eine BriersteUe (an Kupelwieser nach Rom): »Denke Dir 
einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will, und der aus Verzweiflung 
darüber die Sache immer schlechter statt besser macht . . — Nach und nach scheint sieb 
der Zustand des Mdsters gehoben su haben. Schwind schreibt am 26. Des. 1823 an Schober: 
„Sdittbirt tot besser, es wird nicht huigs dauern, so wird er wieder in seinen eigenen Hsaren 
Kehen, die wegen des Ausschlages geschoren werden mussten. F.r trät!t eine sehr gemüthliche 
Ferrücke . . . •* — Am 2. Jänner 1824 meldet Schwind, dass Schubert bereits an einer 
Sylvestcrfeier teilgenommen habe. — nSdiubert hitt Jetxt ein vlersebntftgiges Fasten und Zu- 
hai^ebleiben. Er siebt viel besser aus und ist sehr heiter, ist sehr komisch hungrig und macht 
Quartetten und Deutsche und Variazionen (jene in As-dur op. 35. — R. H.) ohne Zahl." 
(Schwind an Schober 2. Febr. 1824.; — Am 22. Febr. 1824 meldet Schwind: .Schubert ist sehr 
wohl, er hat seine Perflcke abgelegt und xeigt einen niedliehen Sdincekerlanflug. Er hat wieder 
die schönsten Deutschen in Menge. Von den MUlIerliedem ist das erste Heft heraus." 
.Schubert ist schon recht wohl. Fr sagt, in einigen Ta>;en der neuen HchanJIuni' (also wohl 
durch andre, als die bisherigen Aerzte. R. H.^ hätte er gefühlt, wie S'ch die Krankheit gebrochen 
habe und alles anders sey. Er lebt noch immer einen Tag von Banader), den andern von 
einem Schnitzel und trinkt schwelgerisch Tbee, dazu gebt er öfters baden nnd ist unmensc h lich 

fleissig .... Jetzt schieibt er schon lanpe an einem Oktctt mit dem Rrös^tcm Eifer 

\'on den Gedichten von Müller hat er zwey sehr schön gesetzt und drey von Mayrhofer, dessen 
Gedichte bereits erschienen sind: „Gondelfahrt", . Abendstrrn" und nSieg**. Das letsle hebe ich 
zwar nicht recht gekannt, aber ich erinnere mich immer darauf als ein blQhendes, fast märchen- 
haftes Lied, Jet/t t^i [es] aber ernst, schwer ägyptisch und doch so warm und rund, ganz 
gross und echt. Ausserdem wohl zwanzig Deutsche, einer schöner als der andere, 
galante, liebliche, bacchantische und Fugirte, o Gott (God)I Ich bin sonst alle Abend bey 
ihm . . . . <6. Mdrz I'*24) — „Schubert ist nicht ganz woh'. Er hat Schmerzen im linken 
Arm, dass er gar nicht Klavier spielen kann. Uebrigens ist er guter Dinge." (.14. April 1824). 
— »Schubert hat geschrieben (wohl aus Zeles, wo Schubert im Sommer 1824 weilte. R. H ). Es 




— 111 — 



geht ihm radit wohl und er ist neissig . . .* {20. Augttit 1824). — uScbubert Ut hier, fMond 
und bimmlildi leichtsinnig." {H Nov. 1824.) 

M<, Brucbmanii Joi. Chrittian v., GroMhindier und Direktor der pr. Aller. Nat-Bank in 
Wien. Bei ihm fanden etwa von Milte 1822 bis Anfang 1884 die sogcnaonien ,Leiungen* 

statt, Voricse-Ahcndc, die von Schober, Fr/. Bruchmann idem Sohne .'os. ( hristiansl. ICupel- 
wieser, Schuberl und etlichen anderen gegründet wurden, um Homer, Shakespeare und deutsche 
Dicbler durch gemeinsame laute LektQre besser kennen vi lernen. 
Sturm, Dr., damals Kreisarzt in Wels (Ob.-Oestcrr.) 
'*") Streinsbcrx (S,hwiri;rrsohn Bruchmanns >. in einem Briefe Schuberts aus Zelez, 
8. Sept. IKIä, erwähnt, ii'ctcrs Jahrbuch lbV4 S. 92). .Moxhcherwcise der (im Katalog des 
alud. Gymnasiums Seite 13 erscheine dei MitschOler Schuberts. 
Mohf, Lithograph, Scchcr. 



I I)cr I'.ru f an Jvn sti lorm Mu«!ikve'cin. wnrin sich Schubert für sein Ehtcniiii't;Iieds- 



diplom bedankt, dus er „wr^cn langer Abwcscnlicii von Witn erst vor einigen Ta^cn crhicU", 
ist vom 2a Sept. 1823 datiert. 

^*^> In der ^Relation des Ausschusses der Gesellschaft der Musikfreunde in Linz fOr das 
2. .Ausschussjjihr vom 18. Nov. |S:'2 bis IR. Nov. \H2:V' ist unter den EhrcnmilRliedern 
, Schubert, Kranz, Tonsetzcr^' anpcführt. Ebcn»o in der „Relation für das 5. Ausschussjahr 
vom 18. Nov. 1825 bis 18. Nov. 18:6.* Das genaue Datum der Ernennung hat sieh nidit 
entiaren ia«scii. 

^) Auf die En.ennung Schuberts zum Ehrenmitgliede der Musikvereine in Cruz und 
Lins besieht sich ein Passus in dem nachfolgenden Briefe') der Eltern Schuberts und seines 
Bmdcra (gnas. 



D«tn Sefarribcn, wd^M nir die gefallige Kammerjungfer am 81. d. M. eigenhändig 
Oberreicbte, dient mir und all den Unsrigsn snm besondern VargnOgcn. Bej der Pr. Mutter 

hast Du die rechte Saite berOhtt, sie stimmte froh harmonisch; weil nach Deinen Wunscbe 
Donnerwetter, besonders aber der Tod noch lange von ihr entfernt bleiben. 

leb freue mich Deines gegenwirtigen Wohlseyns um so mehr, weil idi voraussetste, 
dass Du dalwy hauptsichiich eine vergnügte Zukunft beabsichtigest. Dies ist auch mein täg- 
liches Bitten zu dem lieben Gott, doss er mich und die Meinigen erleuchte und Stixke, damit 
wir seines Wohlgefallens und seines Segens immer würdiger werden. 

Am 12. diess erschien in der Wiener Zeitung die AnkOndigung von Deinem Gondel« 
fabrer und der schönen MQIIerinn. 

Dein Bruder Fetd. iit wegen der nahen Prüfungen sehr beschäfiiget, zumal da er Vi^itator 
Uber mehrere Schulen ist; er wird Dir aber sobald als thunlich selbst schreiben. Dcit.e übrigen 
Brüder und Schwestern sammt all den Unsrigen grüssen und küssen Dich Uebctralt unter 
tausend Segenswünsctirn, und hoffen bald wieder eine erfreuliche Nacbricbt von Dir. Hast Du 
Herrn v. Vogl schon lange nicht peschriehen? 

Wie Sicht es wegen Deiner ehrenvollen Auszeichnung mit den Diplomen vom Steyer- 
mirkisehen und Linser Musik-Vereine. 

Sollte es, widir allis Vermuthen, noch nicht geschehen seyn. so lasse es Dir ja dringend 
angelegen aeyn, auf eine würdige Art zu danken. Diese edlen Vereine zeigen ausnehmende 
Liebe und Achtung für Dich; welches für Dich sehr wichtig seyn kann. 

Nun empCehlen wir Dich in den Scbuts Gottes, ala Deine treuen Aeltern 



Auch V4)n mir einige Zeilen, mein thcurer Bruder! Ich bin ungemein erfreut über Dein 
dauerhaftes Woblseyn; was mich betrifft, su bin ich ebenfalls kerngesund. Dass ich seit einiger 
SSeit ein ehrenfestes Mitgi:ed einer kleinen musikalischen Gescllschart geworden bin, weinst Du 
ohnehin. Nur muss ich Dir Shgen, dass diese musihaL Abendunlerfaaltung nicht gans unrichtig 

') Das Attlograph im Besitze Herrn Fritz Donebauers in i'rag. 



Wien, am 14. August 1824. 



Lieber Sohn! 



Anna und Fr. Schubert. 




— 112 — 



mit einem Fuhrwerke Tcrglicben werden könnte, das oft umwirft, und welches ohne seines 
ktkfugca Führer maocfanul wohl schwerlich wieder io Gung zu bnogcn seyn möchte. Dm 

fns gWiM wdasteo, das« sie jenseits adHMUllnefci ia dea Himmel hineinspringen könnten. 
Lebe nan wohl, aciirsib« b«14, odar IMw, fcn— bald, aad frao« Dich wiadcr ait Deiasa 

aufrichtigen Bruder 

Igaaa SekabarL 

Gesammt-Ausgabe Serie XV No. 10. 

*^ Er schrieb den 1. Akt ia der Zeit vom 25. bis nun 30. Mai; der zweite Akt entstand 
swiaebea 31. Mai oad S. Joni lt28; dar dritte warda mm 7. laai b«SMMii, an SftwScpteabw 
bacndet Die Ourertare ist datiert 2. Oktober 1823. 

"») .Man sehe S. 81. Ki, 8S, V4 'y'> der Partitur (Gesammt-Ausgabel. 

^) Szene 4 ut musikalisch überaus fein, erinnert cinigermassen an den .Jäger* in den 
,Mmnfiadcra* 

K*) Ges.-Ausg. S. XV, No. 6. Komponiert 1823; beendet April 1823 (nach Notleboha: 
«ThHB. Verzeichnis der im Druck erschienenen Werke von Frans Schubert." Wien 1874.) 

Ge8.-Aasg. Ser. XV, No- 8. Komp. Dez. 1823. Erste Aufführung im Th. a. d. Wien 
aa 20l Dm. 1828 sua VorlaBa dar Schampieleiia Fr. BndSa Naoaaaa. 

»7) Wiihcimine Christ. Owqr. gsbb Daaka, gsb. 26w Jlsiisr 1783 ia Bctiia, fest 
28. Febr. 18^ zu Genf. 

^) Kreissle srxihtt S. 285 kurz den Inbatt. 

^m»W. MBnefBcba Dichtung .Die scbSaa MflBtria* entstand (wia Dr. Mas Fried- 
linder in seiner lesenswerten Broschüre .Die Entstehupg der Mülkrlieder* [Berlin, Gebr. Paetel] 
eriählt) gleichsam durch ein GesellschaftsspieL Irr Mause des Dichters und Geh. Staats- 
rates .Max Siagemann vereinigte sich 1816—1817 ein Kreis junger Talente, deren Mittelpunkt 
die Toebtar (Hedwig) dea HanShsrm (aptter varcbelieba v. OlüBra, gast Des. 1891) bildete. 
Wnihelm Heneel, Schwager .Mendelssohns, dessen Schwester Louise, Wilh. Müller und andere 
spannen das angegebene Thema ,Rose, die .Müllerin* in einer Kette von Gedichten aus. Hedwig 
Stige nann übernahm die Müllerin, Müller — den Müller, iiensel den Jäiger. Müller reihte zu- 
letst selae aad — in etwas radiglsrisr Fora — dte GedkMe der Frenade aneinander, aehrieb 
noch neunzehn andere dazu — auch Prolog und Epilog fehlen nicht — und veröffentlichte im 
Jahre 1818 mehrere der Gedichte, 1821 das Ganze. — Der erste Komponist der Müllerlieder 
war Ludwig Berger, ein Mitglied des Stägemannscben Kreiaea und Teilnehmer am poetiedwa 
Csieüscliallsspielr. Dia ganae Folge endilm liei F. Hofaeister in Leipsig. 

WO) M. M. V. Weber: ,C. M. v. Weber, ein Lebensbild' (Uipzig 1866) — C. II. ▼. Weber 
wusste, dass „Rosamunde'' kein „Versuch' sei. Sdiubcrt stand Bit ihm bereite 1832 wtgea 
«Alpbonso und Estrella' in BriefwechseL 

*•*) C. G. Briealgar (1789—1859), walehcr eieb daaato ato Stipendist In Wien aafUett nad 
sich als Sänger und Pianist hören Hess. Nach Webers Tode kaa Reissigsr nscb DrSSdSO^ WO 
er stierst als .Musikdirektor, dann als Hofkspellmaister wirkte. 

»") M. M. V. Weber ,Eio Lebensbild". 

»*) GcS'Aasg. Ser. in. Ko. 1; konp. Febnur 1824 bis I. llbs 1824. 

Ges.-Ausg. Serie V No. 14. (Nach einem 1901 aufgefundenen, derzeit im Besitze 
des Stadtarchives von Radkcrsburg in Steiermark befindlicben FrsgOMOte des AutQ^rsplis im 
Mlrz 1824 komponiert) 

») Ges^Atti«. Ser. OC No. 16; komp. Zeles. spttastaas Aogust 1824. 

"*l Ges^Att^g. Ser. IX. No. 12; komp. Zelez, Juni 1824. Die ^Symphonie von Fr. 
Schubert; nach ap. 140 instrumentiert von Jos. Joachim (Wien, Fr. Schreiber)*, ist eine 
Orebcsterbearbcitung der Sonate. 

>**) Ga&*AiMg. Ser. OC No. 19; konp. Zelet, Soaner 1824. 

Ignaz Schuppanziph (geboren Wien \11(>. gestorben ebenda 2. MIrs 1890). Violin- 
virtuose, Begründer der Quartett-Produktionen in Wien. Mit Beethoven tind Scbabert be- 
iladet Er lOkrta 1828 das Scbabaftscka B-Dar-Trio (op. 99) MTeatUcb anL ' Ikte ist das 



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— 113 — 

A-moU-Quartett (op. 29) von Schubert gewidmet, dessen erste AtillBItranff (am 7. März 1824) 
bei Schuppanziph stattfand. Schwind schreibt darüber an Schober: „. . . . Ein neues Quartett 
wird Sonntags bei Zupanzik (Scbuppanzigh. R. H.j aufgeführt, der ganz begeistert ist und es 
bMOoden lIciMig etnitodiMt haben lolL** (6. Mira 1824) — ,J>as Quartett von Sebabert wurde 
Bufgefahrt; nach seiner Meinung etwas langsam, aber sehr rein und zart Es ist im Ganzen 
sehr reich, aber von der Art, dass einem die Melodie bleibt, wie von Liedern, ganz Empfindung 
und gans ausgesprochen. Es erhielt viel Beifall, besonders der Menuett, der ausser- 
ordentlidi sart und nttOrlieh ist Bin Cbineser neben mir fand es affektiert und ohne Stji. 
Ich milchte Schubert einmal affektiert sehen!" (l4. März 1824). Beide Briefstellen auS A. GlOcks 
Feuilleton, „Aus Schubert'» Leben" Wien, N. fr. Presse 20. Nov. 19<)4. 

Josef Hellmesberger (1829—1893), Hofkapeilmcister in Wien, genialer Geiger. Erwarb 
sidi unleugbara Verdienste vn die in den 60er und 60er Jahren erfolgte Wiedergeburt der 
Ksmmennusilcwerkc Schuberts. Trotzdem ging er, gleich allen, die Schubert , pllrgien*, wiU- 
ItQrlich mit seinen Werken um. In der ersten Aufführunj; des Oktetls (29. Dez. IH61) blieben 
der 4. und 5. Satz weg und wurden bei der zweiten Aufführung mit den Worten empfohlen: 
nD«r vierte Sats» Menuett, und der fUnfte, Andante, Manuseript; neu." Bei derjenigen den 
ß-Dur-QuartetlS (23. Februar 1»62) wurde das Original durch Kürzungen, ja durch Ein- 
schaltungen von Teilen aus anderen Quartetten entstellt und die Stricharten geändert Hellmes- 
berger bemerkt aber auf dem Programm: .Von dem EigenthOmer des Werkes Hrrrn C. A. 
Sfiina, freundliehst Dberlassen." Audi das Odu^Quintett (o|>. 163) musste sich bei seiner 

Premiere (17. November 1S'>0) unzäh!iL';e Bogen und Vortra^sbe Zeichnungen Hellmesbcrgcrs ge- 
(iftUen lassen. Dafür enthielt das Programm die Worte: „Die Herren Diabelli und Comp, haben 
das Manuseript von Schubert dem Conssrtgeber rar AuffUtfung aus besonderer Gefllfighelt 
Oberlsssen." (Das Manuskript ist deraeit versebotlsn.) 

Das D-moll-Quartctt wurde zum ersten Male am J'^. Januar 1S26 aus den frisch 
kopierten Stimmen in einem Kreise von Bekannten Schuberts probiert und am 1. Februar in 

der Wohiiunt^ dc-s llotkapcllsim^ers Jos. Harth aufgeführt. 

Schubert knüpft an den Anfang des ^ 
2. Themas an: ^^^^-i ^ ..Jj^^^il^ >4 

Indem er den aufwärts geriehleten Sextschritt^^ 
im 2. Thema durch den Tertschritt abwärts 
ersetzt, fliesst das 1. Thema . Schubert liebte um diese 

gleichsam von selbst heraus. 3g^^^ ^ ^^-^'"y~M= Zeltdie Verwendung s<deher Motive. 

SUhc Oktett. 

'"'') Siehe auch S. 38. 

'•*) Gef nmt-Ausgabe Serie IX, No. 8. 

'^^) Ei. von Bauernfeld (geboren Wien, 13. Januar 1802, gestorben daselbst 9. August 
1890), Lostspieldichter, Uebersetzer; stand llngere Zeit im Staatsdienste. Sein Chef war 

Schuberts Freund Jos. von Spaun. — Baucrnfcld schilderte das Treiben des Schubertkreises 
in „.^us Alt- und Ncu-Wien" und in seinem ,.Buch von den Wienern". .Vacli dem Tode des 
Meisters veröffentlichte er eine sehr wertvolle biographische Skizze über Schubert'") Im 
Nachlasse des Dichters fand sich eine dramatische PModiSt von weldier Bauemfdd in seinem 
Tagebuche (Grillparzcr- Jahrbuch V, Seite 22, No. 97) unter dem 2. Januar is.'6 berichtet: 
„Sylvester bei Schober, ohne Schubert, der krank war. Dramatische Parodie auf samtliche 
Freunde und Freundinnen nach Mitternacht unter grossem Beifall gelesen. .Moriz erscheint 
' darin als Hartequin, die Netti (Hönig) als Columbine, Schober ab Pantalon, Schubert Pierrot 
Grillparser'Jahrbuch V. 

In den fQnfziger Jahren wollte Beuernfeld diese Skisse wiederfinden. Hierauf besieht 
lieh nachstehender interessanter Brief.*) 




•) Das .Xutograph dieses Briefes besitzt Herr F'ritz Doncbaur in Prag. 
Beimana. Frans Schubert 



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114 — 



24. Nov. 1H=;7. 
(Ostum von fremder Hand.) 

Geehrter Herr! 

Idi fulbt OMiae ilmmtnclicB SdiriftM dorelwtflbert, vm nein« biographiidM SUtse 
Sdnibertl heraus tu finden. Später erinnerte ich mich, dass ich das eiolig« Exemplar, welches 

ich besass, bereits vor Jahren irgend einem Schubert- Verehrer oder Sammler mitxetheiH, ohne 
es surück zu erhalten. Die Skitze war abgedruckt (vermutlich im J. 1830 oder doch nicht 
viel spiter) in der dwniligMi .Wiener SEeitichrlft fflr Konat, Literalur, Theater nnd Mode", 
redigiert von Joh. Schickh (später von Witthauer). Ein Exemplar dürfte wobt auch Ferdinand 
Schobert oder Hofralh Witteczek oder Spaun der Lotto-Direktor) besitzen. — Die wenigen 
Briefe, die ich von Schubert besass, sogar ein paar Blatter Aphorismen und dergL — wovon 
Einife« lo der Sidtie abgedruckt worden — beb* leb leider gielclirall* liogst an Aiitograpben- 
Saflunler veradicnkL 

Das äussere Leben Schuberts war übrigens äusserst einfach urd trieb sich anf;ings in 
den ärmlichen Verhältnissen eines SchuUebrers, später eines öslerreichifchen Genies tierum. 
einea ezetnplar unleom hier au lande, wekhea, wenn aonst QberaU, beaondera hier gegen Kot 
und Dununheit attBoUbnpbn haltai Sein inoatco Leben mit Preundeti und Gleichgealnnten 

bietet aber so wenig fass'iare biographische Züge dar und Iic«i?e sich euva nur in einer Art 
poetischer Schilderung darstellen. Schubert war gewii'sermassen eine Doppclnatur, die Wiener 
Heiterkeit mit einem Zoga tiefer MelaoehoHe Torwcbt und veredelt Nach Ionen PMt und von 
Aoaaen eine Art Genuaa-Menacb war er, wie natQrlich, peraOnlicb nach der äusaeran Eraeheinuog 

beurteilt, welchem überdies der herkömmliche GeselligkeitsjchifT fchUe. so, dass mancher ge- 
bildete Alltagsgesell sich etwas weit besseres dünken mochte als der ungehobelte Sänger der 
»Maileriieder* und der «Wintarreiae'', 

Die verlorane biographiaeha SMtaa werde lob unter Freunden und Bekannten nadiforachen 
und ala Ihnen Qbeneoden, aobald Idi ihrer hahaft werde — bis dahin 

Ihr gani eigebenster 

Bauernfeld. 

1^ Gestorben 6. April 1831 lo Cnundcn. Dessen Sohn, der ponafonierta k. k. 

Gendarmerie Rittmeister Ed. Trawcgcr in Thcnneberg im Trieslinglhalo (N.*Ocaterr) veröffent- 
lichle in der „Neuen freien Prcs.se" vorn 3 ». März 1902 einige kurze Erinnerungen an Sihubcrt, 
u. a.: «Ich begleitete Schuberl und Vogl (in Gmunden) gewöhnlich zu Hofrath Schiller; ich er- 
innere mich gaaa gvt, daaa Vogl im „ErlkAnig** die Worte, .daa Ktod ist todt* nicht nang, 
aondern aprach und im „Wanderer" die Stelle: „dort ist das OlQck" mit einer improviaierten 
Scala schloss, was die erwähnte ..ncckcrci" (wie Bai ernfeld es bezeichnete. R. H) f c'e chten 
mag und Sensation machte .... Frl. Olga v. Hucber (Wiener Pianistin) besitzt von mir einen 
ailbernen Zahnatodier, mit dem Schubert mich belohnte^ weil Idi, an hiutigar Biduno erkrankt, 
mir von ihm ruhig und brav Blutegel aetiea lieaa.** 

In einem Briefe an den Verfasserteilte Herr Rüt-reis'.cr Tr.i',veL.'er rrit, dass „ein BünJc! 
liriefc Schubert's und Vogl's" an seinen Vater bei einem Brande zugrunde ging. — Auf eine 
ttlTentllche Aufforderung Rittnwlster Trawegers, daaa aieh aokhe, ^ Schubart nodi gebannt, 
melden mögen, verOffenUichte der 95jährige k. k. Ob.-Finansfat Joa. Wala, Rittor v. Oalborn 
in Jcr Crazer „Tagespo'^f' (S April IQÖl.') einen Brief, worin er nebst ;ui.1ren^ mi'.Ieüte, dass er den 
Meister seinerzeit in Wien kennen gelernt habe. „Als Schubeit den Erlkönig komponierte, er- 
schien einmal Joa. HQtlenbrrnner in Btgleitong dca Frans Schubert in unaerer FamUlcawohnung 
in Wien in dem grossen sogenannten Bargerapilalageblude in der inneren Stadt «od bat meine 
Schv«cstcr (ditf inchmöhRc Gattin des «rossen Pathologen Professor Dr. Karl Freiherr v. Roki- 
tansky), sie möge dcmSchubeit den Erlkönig vorsingen und gestatten, dass Schubert denselben 
begleiten dflrfe .... und so kam es. daas Ich ... . Zeuge wurde, wie Schubert und meine 
Schwester dies prachtvolle Musikstück mit voller Hingab« vortrugen und tur boidecaeitigen Zu- 
friedenheit zur glänzenden Geltung brachten." (Die Sängerin, Bar Rokitansky. t:th. ^^^rie 
Paullne Weis, Schülerin des ital. Gcsanglehrcrs Cicimara, galt in Wien als renommierte und viel- 



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— llö — 



fach umworbene KOnstlcrin, die aber öffentlich nur in Kirchen und groSMa WoUtltigkotts- 
konierten mitwirkte Sie starb am 22. Oktober 1R88.) — 

Die dritte, zurzeit der Weis'achen VeröfTentlicbung noch lebende Persönlichkeit aus dem 
Sdrabett'KrfliM ynr Frau Ptuhna Grahoer (■kbe Anmirkuiig No. 91)» 

m, Beim Grafen von WciiMiiwolir, dflMto Gattin Sophie G«bri*l« dB* ItidaaadwftUdM 
Verehrerin Schuberts war. 

Lad. Pyricer von Felsö-Eür (1772—1847) Erzbischof von Erlau. 
GroTe hat In einem offenao Brief (London, Atheoium, 19. Novomber 18B1) auf dl« 
Anfeiegenhcit eindringlich aufmerksam gemacht. 

' 'a) .... „Es geht ihm (Schubert) recht wohl und er ist fleisaig. So viel ich weiss, 
•n einer Symphonie . . . ." (Schwind an Schober 20> August 1824). 

!■» Mao meinte darunter in erster Linie die Bereitwilligkalt, mit der Schobert 1S20— 1822 
Ober Ersuchen Frl. Jos. Fröhlich» für die Schülerinnen des Korservatoriums ein« Reibt von 
Fraueochören schrieb, die in den .Abendunterhaltungen" zum Vortrag kamen. 

Eine Verwechslung mit der grossen Symphonie in C ist xiemlich ausgeschlossen, da 
das Anlograph dieser Symphonio das deuUiebs Datum „Miis 1828^ tiigi Baoornfeld Itthrt 
fiberdie* in seiner , Rio>>raphi sehen SUsse^ nach der »Gasteiner Sjmpboole'* ausdrOddich die 
.LatsM Symphonie, IS.'«" an. 

>M) Grovo pohUsteita eint Mitteilung Fr. Lacheara, nach wetehar dieser (Ladmar) auf 
Scbubetta Bitte aaehs Lieder aua der »Winterraiss* eines Tagss T. Haslioger anm Verkauf 

anbot und als Erlös — 6 fl. Wiener Währung heimbrachte. 

Diabelli Tersündigte sich auch an Schuberts Werken selbst durch HiozufÜgungen 
(vor allem von phlKsterfaaften Ritomcllen bei Liedern), dutch Verseteung in andere Tooatten 
und dergleichen. 

Autograph im Nachlasse Sr. Ezoellens des Herrn Nie Domba in Wien.M>) 

Ein Woft Beelhorvens. 

**> Der «netquicklicba Brief weclisel mag mit Jenem Brief Scfanbcrto eröffnet worden aabi, 
dan vor mehreren Jahren Dr. Th. v. Primmel in der Zdtsdirift .An der Nauen Donau* v«i^ 
6ffaotiidite: 

Wien, den 21. Febr. 1823. 

H. V. DiabcUl. 
Hier UbersäMcke ieh daa Quartett aammt Klavierbegteitung. 

Die Erscheinung der 2 Helte Walicr etc. hat mich etwas befremdet, indem sie nicht - 
ganz der Abrede gcmisa eracbieneo sind. Eine angemessene Vergütung wäre gans an 
seinem Platz. 

Uebrigens Mite Sie, mir die RsduMing der ietaten 8 Helte gtttigst eioadien au lassen, in- 
dem ich absusehliesaen gedenke und sie Ihnen» wenn Sfo woUoo, gagen 900 Fl. W. W. als 

Eigentum fiberiaaa«. 

Auch bitte ich Sie noch um einige Bsemphu« von der Paataai«. 

Fran z Schubert mpia. 

i^Oj Moris Graf Dietrichstein (1775—1826), k. k. Hof-Musik-Graf. Gönner und Verehrer 

Schuberts. Ihm ist op. I („Erlkönig") gewidmet 

M*) Grillparaer-Jahrbuah V. 

Von Rrnst Schulze. 

>*^j Gesarot'Ausgabc Serie X, No. 12 (komponiert Oktober 1826. Jos. von Spaun ge- 
widnict)i Spaun arsiblt In seinen Memoiren: Jdi fand ihn (Schubert) eines Morgens an einer 
Sonate sehreiben. Obwohl geatört, spielte er mir das Sm yM- ndete erste StOck vor, und ab 

ich ihm Beifall /olKe. «.i^ie er: „Gefällt Dir die Sonate, so soll sie nuch Dein sein, ich möchte 
Dir ja so viel Freude machen, als ich kann", und bald darauf brachte er sie mir gestochen 
und mir dedidert** (Die Sonate erschien 1827.) 
i»*) CesamtAuagabe Serie VII, No. 3. 

>s«) Gesamt Ausgabe Serie V, No. lÖ (komponiert 20.— 30. Juni 1826). 
Serie V, No. 12. 

8» 



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— 116 — 



„Wintcrrcise" erschien bei Tob. Haslinger Ii. Wien, Die rrs'c Abteilung wurde am 
14. Januar 1NJ8, die zweite am 2. Januar 1829 in der ,,Wicner Zeitung" angekündigt — Die 
DkMang rtthrt — wia bei den MMflUeriiedem" — von Willi. Mfiller her, Dr. Max Pi1edttiid«r 
machte darauf aafmarktam, dau Schuberts Vorlage wahr scheinlich daa Taschenbuch „Urania" 
für 1823 gewesen sei, woraus j-ich die Keihcnfolg«, in wsldier Scilubert die Lieder Inni' 
ponierte, al« die vom Dichter herrührende ergab. 

i**) EsHlur^Trio. GM.-Avmg. Ser. Vif, No. 4, Pltantasi«, Ges.-Auig. Ser. VHI, Na 5. 

»9«) Gcs.-Ausg. Ser. XVIII, No. 4 und Ser. XVI, No. 14. 

IB») n--. V. RreiininK: ,,Aus Griüparzers Wohnung;" ipcuill. J. ,,N. Fr. Pr..'') 

Luuisc Guämar, Schülerin Anna Frohlichs, spülcr die Gemahlin L. y. Sonnleithners. 
^) Hoirmann von Patleraleben: „Mdn Leben. AufiteicbnungCB und Erioneningeii.'' 
Hannover, C. Rümpfcr, I8ft«. (2. Band.) 

Wo HofTmann tlglich speiato. 
•*) 15. August. 

***) Pknofka war mit Sdiubert bdtannt, der ilim am 28. April 1828 das erat vor «renigen 
Jnbrcn ivon Rrahm;;) wieder au^efundene Ucd: ,|HerlMt*' (Geaamt-Attsgabe Serie XX, No. 589) 
in aein Stammbuch achrieb. 

**) Dr. Karl Padilar (geboren Grax 1790, gcatorben daaelbat 1880), Advokat in Grai. 
Voratand der daaiais in der atciriachen Haoptatadt nach de« Wiener Muster errichteten ,,Lud- 
lamahöhle". 

^) Frau J. Pachler in Wien, die inzwischen verstorbene Schwiegertochter von Schuberts 
Freund Pachler, besaas ausser einigen StUekefi von Beethovens Hausrat des grossen Meister 
Metionom. 

'^') Frau Marie Lcop. Pachler, ucborcnc Koschak (geboren Graz, Februar 1794, pc- 
atoiben daseibat lU. April 1855^, musikalisch reich begabt, vorxQgliche Klavierspielerin. Ihr ist 
Sdioberls op. 106 gewidniet („Das Weinen", ,.Vor meiner Wiege", „Heimlichea Lieben", «An 
Sylvia"). ~ Für den Sohn Faust, damals ein achtjähriger Knabe (später Kustos der Hof- 
bibliothck in Wien), schrieb Schubeit einen lUeinen Marsch mit Trio» daa Faust mit seiner 
Mutter zum Geburtstage des Vaters vortrug. 

""a) O. E. Deutsch veröffentlichte in der Grazer .Tagespost* vom 16. Nov. 1907 den 
Brief eines, damala in Grax lebenden Namensvetter's Fir. Schnbert'a, des Akseseisten Franz 
Schubert, der Ifi_'7 in der stcirischcn 1 faiiptst.ndt mit dem grossen Komponisten verkehrte. Er 
erzählt, dass Schubert sehr gerne Steircrlicder horte, die ein FrL Kathi v. Graveneck vortrug 
und bestitigt Sch.*s Mitwirlcung in dem Konzerte mit den Worten: „Schubert spielte bei diesen 
Piecen die Klavierstimme." (Bnef an Luib vom 19. Juli 1858.) 

^) An Schuberts Grazer Aufenthall erinnern der ..Grätzer Gallopp", die »Grätzer Walzer" 
u. a. Zwei tieder von Schubert „Im Walde" und „Auf der Bruck" erschienen 1828 als op. 90 
in Gras bei A. Kienreieb (lithographiert und gedruckt von Frans Josef Kaiser in Gras). Im 
selben Jahre erstand Diabelli das Verlagsrecht von Kienreich und edierte die Lieder als op. 93. 
Ausser diesem I,iederh«"ftc erschien in Graz (hei Kicnreich) die in Graz komponierte 
„Altschottische Uallade" ( I'ext von Herderj; „die einzige Komposition, die in Oesterreich aussei- 
halb Wiens xu seinen Lebszeilen veröffSentlicfat worden.** (O. B. Deutsch.) — Als Schubert in 
Graz weilte, hörte er hier Meywrbeers in guter Besetzung gegebene Oper „II Crociato" an, doch 
m.-ichte dieselbe auf ihn einen so ungünstigen Kindruck, dass er schon nach dem ersten Akte 
zu Hüttenbrenner sagte: „Du, ich balts nimmer aus; geben wir ins Freie. (Hüttenbrenoer, 
BrudtstOeke.) 

^) Schubert lernte Hummel, wie es scheint, bei Frau von I.ascny (geborene Ruchwieser, 
Verehrerin Schuberts, vortreiflichc Sängerin; ihr ist das Divertissement ä la hoogroisc gewidmet), 
kennen. Spauo ersiUt: „Eines Abends war er (Schubert) bei Frau von Lascny, geborene 
ßuchwieaer, die seine Kcmipositionen sehr verehrte, so Ehren des anwesenden Hummd, geleden. 
Vogl sang mehrere Lieder mit dim grösstcn Beifall Hümmels; unter anderen auch den , blinden 
Knaben". Als nun Hummel aufgefordert wurde, zu phantasieren, begann er die Melodie des 
,.blinden Knaben** su apiekn, den er sum Motive seiner Phantasie wählte, worüber Schubeit 



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— 117 — 



grosse Freude hatte." Hummel beAuid «icb in Min 1827 in Wien um su kranrlieKn. „Dtt 
blinde Knabe" erschien 1827. 

■») W. A. Mozart, Sohn, geboren 26. Juli 1791, gestorben Karlsbad 3Ü. Juli 1844, 
Komponist nad KlaTierapieier. . 

>«>a) Der Maler J. Teltscber war ein Jugendbelcannter Fr. Schubert«. Durch mehrere 
Jahre fand er im Hause Pachler in Graz gastliche AuToahme. 

tll) Bauemfeld .letnte Beethoven im Hause Gianastasio dcl Rio's kennen, in dessen 
Institut Beethoreos Neffe Karl ein paar Jahre hindurch nnlergebradit war. (GrilIparaer-Jah^ 
"buch V Seite 1.^3.) 

Auf seinem Kigaro-Cyklus notierte Schw-nd: „Dieses Heft hatte der alte Beethoven 
in seiner letzten Krsnlchsit bei, aidi. Nach seinem Tode bekam ich es erst wieder zurück. 
M. von Sdiwind.*' 

*•) Wie CS scheint, hat Beethoven schon vor seiner letzten Krankheit Notiz von Schubert 
genommen. Wie P'ricdländcr mitteilt, kommt in einem Konversationshcflc aus dem Jahre 1823 
die von Beethovens Neffen Karl geschtiebene Stelle vor: „Man lobt den Schubert sehr, man 
.sagt aber, er soll sieh versteekeo.** 

Sdiubert vrird in cinsm zeitgenAsatecben Berichte als einer der Faclieltriger beim 

Leichenbegängnisse Beethovens angeführt. Krcissle meldet, dass Schubert mit seinen Freunden 
Lacbner und Randhartinger dem Sarge gefolgt sei. Beuernfeld notiert in seinem Tagebuch 

(29. Mirs 1827) „ Ich ging mit Schubert." Naeh den Lsiebenbegängnisse ging 

Schubert, wie Kreissle erzahlt, mit Lachner und BandharÜnger in dto Weinstube ,^iif der 
Mehlgrube." Kr Hess die Gläser füllen und leerte das er.ste Glas auf das .Andenken des eben 
zu Grabe Getragenen, das zweite aber auf — das Andenken dessen, welcher unter den dreien 
der erste nsehfolgrn wOrde Dieser erste war Sdiubert selbst. 

»•> Kreissle Seite 265 (Fussnote). 

Lud. Rcllstab 99— 1860), „Aus meinem Leben"; Berlin 1861. 
in einem Briefe an B. Schott in Mainz, d. dato 21. Februar 1828, erwähnt Schubert 
dieser PantasiB. Bsuerareld notierl uoter dem 9. Mai 1828 in seinem Tagebuche: „. . . . Heute 
bat mir Sehnbcrl (mit Ladinar) seins nene wunderbare vierUndige Phantasie votgsspielt" 

^^^) Gesamt- Ausgabe Serie XVII, No. 9. Lscbnsr hat die Klavierbegieitang nach 
Schuberts Tode für Orchester gesetzt 

^) Die Symphonie dOrfte' im April Tollendet worden sein. 

>") Schubert sehreibt das Thema suertt so: » 



jetzt geläufigen Form ab. W 9 W w 

*») Der Titel rflhrt vom Verleger her. 

***) Im NoTember 1869 liess der Wiener Minnetgesangrerein an dem Hause eine steinerne 
Gedenktafel anbringen mit der Inschrift: „In diesem Hause starb an 19. November 1828 der 

Tondichter Kranz Schubert."' 

''^a) Sechlcr schrieb am 21. August 1867 an Luib: „Kurze Zeit vor seiner letzten Krankheit 
kam Schubert ndt Herrn Jos. Lang, seinem ergebenen Freund, su mir, um den Kontrapunkt 

und die Fuge zu studieren, weil, wie er sk!i .lusdrückte, er einsehe, daas er bierin Nachhilfe 
bedürfe. Wir hatten eine einzige Lektion gehabt, als das nächste Mal Herr Lang allein erschien 
um mir zu melden, duss F. Schubert schwer erkrankt und er nun den Unterricht allein 
nehmen wolle* . . 

^) Die „Wieoer Zeitschrift'- brachte (am 2&. November 1828) eine »ekrologlsobe Notis 

von Freiherrn von Zedlitz, dann Gedichte von J. G. Seidl, Baron Schlcchta und einen Prosa- 
Aufsatz von einem Ungenannten; die „Tbeaterzeitung" Gedichte von K— a, Slelzhammcr und 
Schtthmaeher, der ..Sammler** ebensolche von C. Khier und P. Bleich. Bauemfeld verOtTcntlichte 
einen umfangreichen Aufsatz über Sthubert in No. (/> -71 der „W.er Zeitschrift". (Siebe Grill. 
parzer-Jahrbuch V. S. \^'>.) L'cbcr den Nachlass Fr. Schuberts hat Otto Krich Deutsch in 
der I.Beilage zur Allgemeinen Zeitung*', München 10. SepU 1906 No. 215 nach den Akten des 



und ändert es dann aberall in der Partitur nach der uns 




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einstigen magistratischen ZHilgariditM» AuIfccDtisdiM vnWeotlidll» Unter d«m Titel nVer> 
mögen" werden angeführt: 

«3 tflcbene Fracke, 3 Cbröcke, 10 Beinkleider, 9 Gilets 35 F. C M. 

I Httt, 5 Am- Sdmbe^ 2 Pr. StiaM 2 „ — 

4 Hemden, 9 Hals- und SacktQcheln» 13 Pr. PttSSSidcelll, 1 IMntttCh, 2 BettliiclMn 8 „ — 

I MatraUe, 1 Polster, 1 Decken 6„ — 

Ausser sInigMi dtsn Mmilnltstt, gcaehitst pr. 10 „ — 

befindet sich von Erblasser nichts Torbanden 

Summa 63 F. 

Hierauf hat der leibliche H. Vater des Erblassers laut in Händen habenden Quittungen 

an bestrittenen Krankheits- und Leichkusten tu fordern 269 F. 19 Kr. 

in Conv, Münse.** 

Unter den , .alten Musikalien'* scheint auch der gewaltige kQnstlerischc Nachlass 
Meister Schuberts sich befunden zu haben) „Mit dem Erlös dxser Schätze waren sieber alle 
„KrankheiU- und Leichkosten*' und alle «Schulden des Verlebten" gedeckt'* (O. E. Deutsch.) 

UAer die Bildnisse Pr. Scbabsrl% Zetdtnvagen, Gemildc, Medaillen. BOstea u. & w. 
hat AI. Trost eine interessante Studie veröffentlicht. (XXXIII. Band der Berichte und Mit- 
teilungen des AUertums-Vereins in Wien.) In einem daselbst abgedruckten Briefe iusaert 
sieh Sdiwinri ftbrr den, unserem Werke ti» Titelbild beigegebene und hier cum eisten Mate flir 
dte Oeffentitehkeit nsehgehildeto Aqusrell W. Bieder«: »Wir haben dien immer flIr des beste 
Porträt gehatten." 

**^) Die Geldangelegenheiten ordneten Jenger, Grillparzer und Frl. Fröhlich. 

„Aktenmässige Darstdlung der Ausgrabung und Wlederbeiseliung der irdischen Beste 
von Beethoven und Schubert. (Wien, Carl Gerolds Sohn, 1863) 

Wien. C. Gerolds Sohn, 1865. — Schon 1861 halte von Krciss'e eine „Biographische 
Skisze" veröffentlicht — Dr. Heinrieb Kreissie von Hellborn, gcboien Wien 1812, gestorben 
dsselbot 6. April I86y. 

N. Dumba starb 23. März 1900. Seine grossartige Sammlung Schubertscher Auto- 
graphe und auf diesen Meister bezüglicher Bilder usw. ging 1901 zum ^rüsstcn Teile in den 
Besitz der Gemeinde Wien Uber. Darunter , Lazarus", Opern, die fast die ganze Oper um- 
fassenden Skissen cum ^yGrafvon Gteidten* (sanunt BauemfeltTs TextbuchX Sympboniie>SkiS4cn, 
zwei Oktette, viele Lieder und Chüre;. Dte Hnndscbriftsn der ToUendetea Symphonien eridelt 
dk GewUechalt der Musikfreunde." 




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Inhalt 



MM 



Vorwort 5 

L Vom Vaterhause bis wieder zum Vaterliaose 7 

II. Lehrjahre 15 

HL Meisterjahre 44 

IV. Letzte Jahre. Letzte Werke. Ende l6 

Anhang 95 




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Druck von J. S. Preuss, Ucrlin SW. 19. 



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PreDoraticn Division 



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